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Ist das noch ein Bild?

Malerei nach 1945 - Wege zum Verständnis moderner Kunst -Ein Rundgang durch die Abteilungen des Westfälischen Landesmuseums Münster.Die Gemälde befinden sich im Westfälischen Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte.

Fotonachweis: Landesbildstelle Westfalen Text:Gert Fuchs-Redaktion:Karin Veldhues

©1988


Albers / Rainer/ Schumacher / Stella / Graubner

Manche von Ihnen mögen sich diese oder ähnliche Fragen stellen angesichts einiger Werke der modernen Abteilung im Landesmuseum.

An die Kunst der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, an die sogenannte Klassische Moderne haben wir uns längst gewöhnt. Einige Bilder wie zum Beispiel von Emil Nolde, August Macke oder Paul Klee in ihrer leuchtenden Farbigkeit, ihrer gesteigerten Ausdruckskraft, dem unbeschwerten Formenspiel mögen wir sogar. Selbst "Abstrakte Kunst" akzeptieren wir bisweilen, finden sie schön, harmonisch und dekorativ, ungeachtet der Sprengkraft, die sie ursprünglich gegenüber überkommenen Traditionen und Normen ihrer Zeit hatte. Dagegen herrscht eher Ratlosigkeit oder Ablehnung angesichts zeitgenössischer Kunst aus jüngster Vergangenheit.

Fünf solcher Arbeiten aus der ständigen Sammlung der modernen Galerie im Westf. Landesmuseum sind Gegenstand unserer Erörterung. Die Auswahl umfaßt Bildwerke aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren, die nichts Gegenständliches, Wiedererkennbares abbilden, sondern das meinen, was sie sind, woraus sie bestehen, was unmittelbar zu sehen und zu erfahren ist. Das ist dennoch so verschiedenartig und interessant, daß es sich darauf einzulassen lohnt.

 

JOSEF ALBERS: Homage to the Square - "Renewed Hope", ÖI/Preßpappe 121 x121,5 -1962

Am Anfang unserer Betrachtung soll der Künstler Josef Albers stehen. Sein Werk hat die Malerei nach dem Krieg nicht nur mitbestimmt, sondern auch nachhaltig beeinflußt.

Zunächst ein paar unverzichtbare Daten seines Lebens: Geboren 1888 in Bottrop,

1920 - '33 zuerst Schüler, dann Lehrer am "Bauhaus", 1933 in die USA emigriert, Lehrtätigkeit an amerikanischen Kunstinstitutionen, seit 1939 amerikanischer Staatsbürger

1967 erscheint sein Buch über die Theorie der Farben, „lnteraction of Color" (Wechselwirkung der Farbe),

1976 gestorben.

Huldigung an das Quadrat

Das Bildbeispiel stammt aus der Folge von Arbeiten mit der Bezeichnung "Homage to the Square" (Huldigung an das Quadrat). Sie entstanden ab 1949 und sind das bildnerische Endprodukt einer theoretischen wie praktischen Auseinandersetzung mit der Farbe.Betrachten Sie zunächst alle im Raum 225 befindlichen Bilder dieser Serie.Worin sind sie identisch?

Albers geht ausschließlich vom Quadrat aus als einer der einfachsten geometrischen Formen: Das quadratische Bildformat ist bei allen Bildern in gleicher Weise d.h. nach dem gleichen mathematischen Prinzip in Quadrate unterteilt. Das Besondere dieses Prinzips ist, daß die verschieden großen Quadrate nicht neben-, sondern ineinanderliegen. So erzeugen sie einen Bildraum. Damit die Quadrate nicht denselben Mittelpunkt haben, sind sie nach unten versetzt. Das erhöht die räumliche Wirkung, da dies unserem Raumempfinden entspricht: Das Bild bekommt ein Oben und Unten.

Die flächige Konstruktion, eigentlich bestehend nur aus einem Quadrat, von Streifen umrahmt, ist nur das immer gleiche Bildgerüst. Erst die Farben, ihre räumlichen Wirkungen und ihr Wechselspiel untereinander, die sogenannten Interaktionen der Farben, machen daraus ein wesenseigenes Bild.

 

Das Wechselspiel der Farben

Wenden wir uns einem Bild aus dem Jahr 1926 zu, dem größten Format. Der Titel „Renewed Hope" (erneute Hoffnung), mag zu inhaltlichen Deutungen ermuntern ist aber, wenn überhaupt, nur auf die Farbe und ihre Wirkungen bezogen. Auf keinen Fall liegt hier eine literarische Botschaft verborgen. Aus welchen Farben besteht nun dieses Bild?

Wo liegen sie räumlich?

Bewegt sich das helle Grau nach hinten? Liegt das Hellgrün davor? Welche Farbe ist dem Betrachter am nächsten, welche am weitesten enffernt? Man versucht, die Farben und ihren Ort zu fassen. Doch eine genaue Festlegung ist nicht möglich. Sie scheinen sich zu bewegen, dehnen sich aus, ziehen sich zusammen, flimmern an ihren Rändern - und das bei jedem Bild wieder in anderer Weise, je nach Farben und ihren Kombinationen.

Albers sagt: "Ich kann das tristeste Grau zum Tanzen bringen . . . ich liebe es, eine sehrarme Farbe reich zu machen, schön werden zu lassen durch ihre Nachbarfarben."


Die Gemälde befinden sich im Westfälischen Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte.

Fotonachweis: Landesbildstelle Westfalen

Text:Gert Fuchs-Redaktion:Karin Veldhues

©1988

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