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Ist das noch ein Bild?

Malerei nach 1945 - Wege zum Verständnis moderner Kunst -Ein Rundgang durch die Abteilungen des Westfälischen Landesmuseums Münster.Die Gemälde befinden sich im Westfälischen Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte.

Fotonachweis: Landesbildstelle Westfalen Text:Gert Fuchs-Redaktion:Karin Veldhues

©1988


ARNULF RAINER: "Ubermalung",Öl/Lw. (Wachsimprägniert) 91 x110 cm, 1956

 Arnulf Rainer wurde 1929 in Baden bei Wien geboren. Das fast schwarze Bild der Sammlung Cremer, in Raum 226, gehört zu den Werken, die seit 1953/54 als Ubermalungen entstanden. Ubermalungen, Uberzeichnungen und Zumalungen nehmen eine zentrale Stellung in der Kunst des Österreichers ein.

Konnte man sich den Farbwirkungen der Bilder Josef Albers hingeben, so fällt hier ein direkter, sinnlicher Zugang schwer. Hingegen ist derTitel für den Einstieg hilfreich: "Ubermalung".

Malerei als Gratwanderung

Die Ubermalung ist die radikalste Form der bildnerischen Veränderung. So ein Vorgang ist für einen Maler nichts Ungewöhnliches. Es gibt eine Menge überlieferter Beispiele vom Streben des Künstlers nach Vollkommenem. Die Unzufriedenheit mit dem vorläufigen Ergebnis treibt den Maler immer wieder zu neuen Bildern an. Der Schaffensprozeß ist ein ständiger Kampf.

In unserem aufgeklärten Zeitalter steht der Künstler mit seinem Hang zum Absoluten und dem Wissen um dessen Unerreichbarkeit in einem unauflösbaren Widerspruch. Die Malerei wird so zu einer Gratwanderung zwischen Erschaffung und Zerstörung, zwischen Form und Formlosigkeit, zwischen Gelingen und Scheitern, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Kaum ein Künstler verkörpert mehr diese Haltung als Arnulf Rainer. Seine eigenen Äußerungen bestätigen dies bis hin zum Selbstzweifel:

Ideal für mich ist das ganz dunkle Bild, voll von einem überwältigenden Schweigen. Nur das "Fast", das»Beinahe"ist möglich. Aberich habe mich in diesen Grenzbereichen häuslich eingerichtet, versuche, denkbare Formmaßstäbe zu finden und möchte diese dunkle, schwere Ruhe immer wieder; erleben, formulieren, suggerieren."

Und weiterhin:

Vielleicht ist alles Chimäre. Bloße Einbildung eines Auslöschwütigen, Gespinst eines NlCHTSsuchers. Hirndrang eines der Formwelt Überdrüssigen. Ausgeburt eines weltmüden Finsterlings.»

 

Beunruhigendes Schwarz

Doch sind Rainers Bilder durchaus nicht gescheiterte Versuche. Der Malprozeß selbst als Kampf um Bildlichkeit ist in unserem Beispiel unmittelbar gegenwärtig. Die genannten Widersprüchlichkeiten sind anschaulich geworden: Die dunkle, schwere Ruhe, von der Rainer spricht, hat eine eher beunruhigende Wirkung. Das Schwarz zeigt sich als Ubermalung. Das Bild lebt von der "Fast-Verdeckung".Wie wird das sichtbar zum Ausdruck gebracht?

Übermalung - wozu?

Durch das grüne Dreick, selbst eine Form und doch nicht Form, sondern übriggebliebener, nicht übermalter Rest, bekommt die Ubermalung, die schwarze Fläche, fast Formcharakter. Das Prinzip der Ubermalung selbst wird sichtbar: Scheinbare Kleinigkeiten, kaum bewußt wahrgenommen oder fälschlicherweise nur der Nachlässigkeit des Malers zugeschrieben, wie die über das Grün gelaufene Farbe, gewinnen stark an Bedeutung. So zeigen sich auch noch die Untermalungen durch ihre rauhe, unregelmäßige Struktur.


Die Gemälde befinden sich im Westfälischen Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte.

Fotonachweis: Landesbildstelle Westfalen

Text:Gert Fuchs-Redaktion:Karin Veldhues

©1988

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