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Ist das noch ein Bild?

Malerei nach 1945 - Wege zum Verständnis moderner Kunst -Ein Rundgang durch die Abteilungen des Westfälischen Landesmuseums Münster.Die Gemälde befinden sich im Westfälischen Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte.

Fotonachweis: Landesbildstelle Westfalen Text:Gert Fuchs-Redaktion:Karin Veldhues

©1988


FRANK STELLA: "Sanbornville 11", Öl/Lw. 300x400 cm,1966

Im starken Gegensatz zu Emil Schumachers Documenta-Bild steht die Arbeit „Sanbornville 11" des 1936 geborenen Amerikaners Frank Stella, die sich im gleichen Raum befindet. Strenge geometrische Formen, frei vom individuellen, materialbetonten Farbauftrag flächig und kühl. Sie widerspricht noch wesentlich radikaler unserem Verständnis von einem herkömmlichen Bild.

Versuchen wir, den KünstleralseineArtForscherzu begreifen, der bemüht ist, neue Möglichkeiten der Malerei zu entdecken, der sich dem Risiko aussetzt, eine allgemein praktizierte und ihm bekannte Bildsprache zu verlassen, um zu einer eigenen künstlerischen Aussage zu gelangen.

 

Stella und das traditionelle Bildformat

Bislang hatten Maler zunächst einen Keilrahmen in rechteckiger Form mit Leinwand bespannt. Das war nun das Bildformat, die Fläche, die sie dann mit Farben und Formen füllten bzw. unterteilten, genauer gesagt: Alles darauf Entstandene wurde in der Fläche untereinander und mit derselben in Beziehung gesetzt. Dadurch, d.h. durch die Komposition entstand innerhalb des vorgegebenen rechteckigen Bildformats ein formales Gefüge eine Bildordnung. Dies gilt für gegenständliche wie abstrakte Bilder.

Damit der Betrachter diese Komposition überhaupt erfassen kann, muß ein solches Bild eine überschaubare Größe haben. Nur so kann man jedes Detail in seinem Bezug zum Ganzen wahrnehmen.

Schnell wird klar, daß der Künstler nicht schon den Bildrahmen gebaut hatte, bevor er überhaupt wußte, was er malen wollte. Sicherlich arbeitet Stella mit genauen Entwürfen und Vorzeichnungen. (Die Bleistiftstriche der Ubertragung sind übrigens in den Streifen zwischen den Farbflächen noch zu erkennen. Außerdem zeigen die Farbränder typische Merkmale, die auf vorhergehendes Abkleben der Flächen hinweisen!)

 

Konstruierte Gebilde

Hier stehen Bildformat, genauer die Bildform mit den auf ihr gemalten Formen, im direkten Zusammenhang, das Eine bestimmt das Andere. Die drei Farben gelb, grau und blaugrün sind dabei direkt an die Formen gebunden. Durch die freigelassenen, kaum wahrnehmbaren Streifen zwischen den Farbflächen wird (anders als bei den Bildern von Josef Albers!) eine Interaktion, eine Beeinflussung der Farben untereinander und auch jegliche Raumillusion verhindert.

Versuchen Sie den Bezügen der Farbflächen untereinander und zur Gesamtgestalt des Bildes nachzugehen. Unter anderem werden Sie bemerken, daß die geometrischen Grundformen, Parallelogramm und Dreieck, in ihrer Lage zueinander die untere Form des Gebildes bestimmen, während die im Verhältnis dazu irrational wirkende, gelbe Fläche im oberen Teil eher durch die Gesamtform bestimmt wird.

 

Bild oder Objekt?

Was für eine Bildlichkeit hat diese Art von Malerei noch? - Ist das noch ein Bild?

Man bezeichnet diese Gebilde Stellas mit dem englischen Wort „shaped canvas", was soviel heißt wie geformte, gestaltete, aus einer Entwicklung hervorgegangene Form der Leinwand bzw. des Gemäldes.Das Bild ist also nicht etwas, was sich aus Rahmen und Inhalt zusammensetzt, sondern ein immerhin 10cm dickes Objekt an der Wand, dessen Bildlichkeit mit seiner Objekthaftigkeit übereinstimmt. Stella selbst sagt:

Es ist wirklich ein Objekt . . . und jeder der sich genug damit beschäftigt hat, muß sich schließlich dem Objektcharakter dessen, was er tut, was auch immer es ist, stellen. Er macht ein Ding."

Und an anderer Stelle:

" Wenn das Bild einfach genug ist, genau genug ist, direkt genug ist, ist man gerade imstande es anzusehen. Alles was ich jemanden aus meinen Bildern herauslesen lassen will, und alles, was ich jemals aus ihnen lese, ist die Tatsache, daß man die Idee ohne irgendeine Verwirrung sehen kann.... Was man sieht, ist, was man sieht."

 


Die Gemälde befinden sich im Westfälischen Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte.

Fotonachweis: Landesbildstelle Westfalen

Text:Gert Fuchs-Redaktion:Karin Veldhues

©1988

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