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Ist das noch ein Bild?

Malerei nach 1945 - Wege zum Verständnis moderner Kunst -Ein Rundgang durch die Abteilungen des Westfälischen Landesmuseums Münster.Die Gemälde befinden sich im Westfälischen Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte.

Fotonachweis: Landesbildstelle Westfalen Text:Gert Fuchs-Redaktion:Karin Veldhues

©1988


EMIL SCHUMACHER ,"Documenta II", ÖI/Lw. 205 x 370 cm, 1964

Der 1912 in Hagen geborene Emil Schumacher gehört zu den Malern, die das Nazideutschland, abgeschnitten vom internationalen Kunstgeschehen, um ein ausgeprägtes Jugendwerk gebracht hat. Bedeutende deutsche Künstler waren, soweit sie überleben konnten, in die innere oder äußere Emigration gegangen wie z.B. Josef Albers. Moderne Richtungen wurden als „Entartet" abgestempelt und verschwanden aus unseren Museen.

Nach 1945 dauerte es einige Zeit bis deutsche Künstler wieder selbstbewußt arbeiten konnten. Es brauchte mehr als 10 Jahre bis sich hierzulande eine neue Kunst bemerkbar machte.

 

Informell -Zufall oder gezielte Gestaltung?

Die schlechte Erinnerung an die propagandistische Nazikunst, vor allem aber die neugewonnene Freiheit forcierte eine von jeglichem Zwang (Gegenständlichkeit, Kompositionsschema etc.) befreite Malweise.

Bestätigt und bestärkt durch neueste Strömungen der Kunst im Ausland, vor allem in Frankreich, entwickelte sich die Malerei des "lnformel". Der Begriff umfaßt Werke, die, unter Verzicht auf abbildende Gegenstände und Themen, auf Improvisation, Experiment und gesteuertem Zufall beruhen.

Die spontane Aktion der Malerei selbst, ihr zeitlicher Ablauf werden in den oft materialbetonten Bildtafeln sichtbar. Anders als bei Arnulf Rainer sind die Spuren des Malprozesses nicht Verweis auf die existentielle Haltung des Künstlers, auf seine seelische Befindlichkeit. Vielmehr sind sie Mittel der bildnerischen Gestaltung geworden.

Die Bilder "Pilar lI" von 1960 (s. Abb. 1, Umschlag) und „Documenta 11" von 1964 sind Beispiele informeller Malerei.

 

Das Bild - lebende Materie

Beschränken wir uns auf das große Documenta-Gemälde in Raum 229, das Schumacher für die Documenta, die große internationale Ausstellung in Kassel gemalt hat.

Sie werden selbständig der Eigenart dieser Malerei auf die Spur kommen, wenn Sie sich nachfolgenden Fragen stellen. Es ist ratsam, bei der Betrachtung den eigenen Standort angesichts des riesigen Formats häufiger zu wechseln.

Ein interessantes Erlebnis ist es z.B., wenn man das Bild der Länge nach abschreitet und dabei mit den Augen dem Verlauf der Malspuren folgt.

Welche Möglichkeiten einer auf vorwiegend Schwarz und Weiß beschränkten Farbpalette werden hier genutzt? - Gehen Sie Kontrastwirkungen und unterschiedlichen Mischtönen auf die Spur!

 

Fragen an das Bild

Sind räumliche Wirkungen vorhanden? Sind sie eindeutig und einheitlich auf dem gesamten Format? Wie könnte man die Formen charakterisieren - statisch oder eher dynamisch? Sind es schwungvoll ungebrochene Bahnen oder eher unterbrochene, gestörte, z.B. durch unregelmäßige Oberflächen, zernarbte Züge? Wodurch ist das Bild mehr ,Zeichnung", wodurch mehr Malerei? Wie ist das Material, die Ölfarbe verwendet? Dick- oder dünnflüssig oder immer in gleicher Konsistenz?

Welche Malwerkzeuge (Haarpinsel, feine Borstenpinsel, Spachtel, direkt aus der Tube oder aus dem Eimer) sind wie verwendet worden?

Wie mag der Malprozeß gewesen sein? - Eher ausführend, langsam z.B. mit Vorzeichnung und Entwurf oder schnell und spontan, den Zufall miteinbeziehend.

War der Malprozeß vielleicht sogar beliebig, spekulierend, jeweils von kurzer Dauer oder doch eher langwierig, immer wieder kontrollierend? Hat der Maler die einmal auf die Leinwand gebrachten Formen und Flächen so belassen oder teilweise wieder zerstört, verworfen, geändert, überarbeitet?

 

Wie sieht Schumacher nun seine Arbeit selber?

Bildmaterial und Bildmaterie: das eine steht am Anfang das andere am Ende. Das Material bedeutet Inspiration und Widerstandzugleich. Aus dem Wesen, aberauch am Widerstand des Materials formt sich das Bild. Der Charakter des Bildes kann nicht nur der seiner Materialien sein."

"Die äußerste Form, Widerstand zu brechen, ist die Zerstörung: ein primitiver Gestus der Verzweiflung und der Lust Die Antwort heißt nichÜ heilen, sondem: bannen. Nicht: wiederherstellen, sondem: den Zerstörungsakt dem Bilde einverleiben - als Ausdruck und als Form."


Die Gemälde befinden sich im Westfälischen Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte.

Fotonachweis: Landesbildstelle Westfalen

Text:Gert Fuchs-Redaktion:Karin Veldhues

©1988
Link: www.schuhmacher

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