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Ist das noch ein Bild?

Malerei nach 1945 - Wege zum Verständnis moderner Kunst -Ein Rundgang durch die Abteilungen des Westfälischen Landesmuseums Münster.Die Gemälde befinden sich im Westfälischen Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte.

Fotonachweis: Landesbildstelle Westfalen Text:Gert Fuchs-Redaktion:Karin Veldhues

©1988


GOTTHARD GRAUBNER: "Farbraumkörper",Öl/Aceton/Terpentin/Lw. 200x200x6 cm, 1974

"Farbraumkörper" nennt der Düsseldorfer Künstler Gotthard Graubner sein 1974 entstandenes Werk. Dieser Titel ist außerdem der von Graubner selbst geprägte Oberbegriff für alle seine seit 1970 entstandenen Leinwandbilder. Er trifft auch genau ihre Besonderheit.

Auch hier handelt es sich eher um ein Gebilde, bei dem ein Rahmen, und sei er noch so einfach, undenkbar wäre, obwohl es sich im Gegensatz zu Stellas „shaped canvas" um ein herkömmliches, wenn auch großes Bildformat handelt.

 

Das Bild - ein Kissen

Aber betrachten wir die Bildform genau. Gehen Sie nah heran und schauen seitlich am Bildrand an der Fläche entlang. Es bestätigt sich die Ahnung von einem raumgreifenden Körper - abgerundete Ränder und insgesamt leicht gewölbt - kissenähnlich.

Graubner bespannt zunächst einen normalen Keilrahmen mit Leinwand. Anstatt nun auf diese zu malen, wird eine 10 bis 20 cm dicke Schichtung aus Synthetikwatte gleichmäßig aufgelegt und die Kanten ausgepolstert; das alles wird wiederum mit Leinwand, dem eigentlichen Malgrund, überspannt. Erst jetzt ist der Bildträger fertig.

 

Der atmende Farblei, die Watte hat mehrere Funktionen:

Sie gibt natürlich dem Bild die körperliche Fülle. Beim Malprozeß saugt sie die oft dünnflüssig verwendeten Farben auf, die durch die Leinwand dringen. Nur ein geringer Anteil der Farbe bleibt auf der Oberfläche. Nur so kann man, ja muß man sogar, mit unzählig vielen, dünnen Farbschichten arbeiten. Das Bild bleibt währenddessen ein elastisch federnder, straffer, luft- und feuchtigkeitsdurchlässiger Körper.

Zum Prinzip dieser Malerei gehört vor allem, daß jede, auch wieder überdeckte Lasur (= dünnflüssig aufgetragene Farbschicht) zur Farbwirkung beiträgt.

Was für eine Lasur ist das genau?

Bei dem Versuch, die Farben des Bildes zu bezeichnen, merkt man schnell, daß eine genaue Bestimmung geradezu unmöglich ist: Ist es braun, rotbraun und grün oder auch grau, vielleicht mit leichtem Violettschimmer?

Bei den Formen ist es ähnlich, wenn man überhaupt von Formen sprechen kann:Die gestische Malweise hat nicht einmal zeichenhafte Spuren hinterlassen, wie etwa bei Schumachers Bild.

 

Farbe als Raum

Wir stehen vor einer Malerei ohne Gegenständlichkeit, sogar ohne jegliche Figuration. Die einzige Form ist der Körperdes Bildes selbst. Seine nebelartigen Farbnuancen erzeugen R a u m: Nicht meßbarer, sondern fühlbarer Raum; nicht stofflich greifbarer, sondern immaterieller Raum; nicht abgegrenzt und reglos, sondern sich ausdehnend und zusammenziehend, in pulsierender, gleichsam atmender Bewegung, leise und meditativ.

Anders als bei Stellas "Sanbornville" gibtder Farbraumkörper als ein weicher, von einer Haut überspannter Farbleib, dem Gegenüber, dem Betrachter, also uns, keinen Ort: Sein räumlicher Bezug als Gegenüber wird unklar, uns bleibt die unmittelbare Farbraumwirkung. Graubners Farbraumkörper sind nicht bloße Wirklichkeit eines Objekts oder einer Darstellung, sondern die Wirklichkeit unseres empfindungsvollen Sehens: Der Ort des Bildes ist der Betrachter, sind wir selbst. In uns bildet sich erst das Kunstwerk.

 

Schlußwort: Kunst - den Sinnen eine Chance!

In der Zeit des TV und Videos, wo Realität aus zweiter Hand geliefert wird, und ein Uberangebot an Reizen unsere Sinne abstumpft, möchten solche Bilder nicht konsumiert werden. Vielmehr sind sie ein Angebot an jeden, selbst aktiv zu werden, hinzuschauen und der unmittelbaren Erfahrung, seinen Augen trauen!


Die Gemälde befinden sich im Westfälischen Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte.

Fotonachweis: Landesbildstelle Westfalen

Text:Gert Fuchs-Redaktion:Karin Veldhues

©1988

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