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Surrealismus (seit 1919/24- 1939/66)

Zufall und Traum / Befreiung des Bewußtseins / Surrealismus 1 S. / 1tes Manifest des Surrealismus

In den frühen 20er Jahren zersplittert sich die Dada-Bewegung. Einige Künstler suchen die psychoanalytischen Erkenntnisse des zu Weltruhm gelangenden Arztes Sigmund Freud über das Unbewußte auf die Kunst anzuwenden. »Kunst ist vielleicht die sichtbarste Wiederkehr des unterdrückten Bewußtseins« (Freud). Während des Schaffensprozesses tritt die sichtbare Wirklichkeit weitgehend vor der ebenso wirklichen,- wenn auch nicht sichtbaren Traumwelt (surrealite) zurück. Die Surrealisten entwickeln Methoden, um den kontrollierenden Verstand auszuschalten und die Erlebnisfähigkeit zu erweitern. Ihre Auffassung von Kunst führt zu einer Wertschätzung der sogenannten naiven Malerei, insbesondere der von HENRY ROUSSEAU (1844-1910).

Richtungsweisend wirken hier die kurz vor und während des 1. Weltkriegs entstehenden »metaphysischen« Bilder des Italieners de Chirico. Er bevorzugt Platzarchitektur mit starken Schlagschatten und Gegenständen in unterschiedlicher Perspektive. Eine ungewöhnliche und rätselhafte Zusammenstellung von vertrauten und frei erfundenen Gegenständen sowie von puppenähnlich regungslosen Figuren versinnbildlicht »die Abwesenheit des Menschen im Menschen« (de Chirico).

Die Surrealisten zeigen die Hintergründigkeit der Dingwelt, indem sie die traditionelle Formensprache bruchstückhaft oder verzerrt übernehmen und in einen ungewohnten Zusammenhang bringen. Sie bilden Einzelheiten teils photogetreu ab, teils formen sie diese seltsam um und fügen sie in einer überraschenden, der sichtbaren Wirklichkeit widersprechenden Weise zusammen. Die Welt der Surrealisten, in der die Grenzen zwischen Mensch, Tier, Pflanze und leblosem Gegenstand aufgehoben sind, übt eine magische Wirkung aus.


SURREALISMUS, ­ Reiner psychischer Automatismus, durch den man mündlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des Denkens aus zudrücken sucht. Denk­Diktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder ethischen Überlegung

ENZYClOPAEDIE. P h i l o s o p h i e. Der Surrealismus beruht auf dem Glauben an die höhere Wirklichkeit gewisser, bis da hin vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allmacht des Traumes, an das zweckfreie Spiel des Denkens. Er zielt auf die endgültige Zerstörung aller anderen psychischen Mechanismen und will sich zur Lösung der hauptsächlichen Lebensprobleme an ihre Stelle setzen

 

Der Surrealismus ist der "unsichtbare Strahl", der uns eines Tages unsere Gegner besiegen lassen wird.

(A.Breton Erstes Manifest d.Surrealismus)

 


Text II

Viele Künstler mißtrauten - nicht zuletzt durch die Erfahrungen des l. Weltkrieges - der Vernünftigkeit der Menschen und gingen davon aus, daß mit der Vernunft beim Aufbau einer besseren Welt nicht zu rechnen sei. Und sie bauten deshalb auf die „Unvernunft" oder anders gesagt: auf die besondere Macht des Irrationalen, des Unterbewußten. Seine Wirkungen könnten - so hofften sie -eine Art Gesundung der Gesellschaft herbeiführen. Die vor diesem Hintergrund entstandene Kunstrichtung ist der sogenannte Surrealismus, der aus dem Pariser Dadaismus hervorging.

1919 gründete Andre Breton mit anderen Dichtern die Zeitschrift „Litterature". Der Kreis um diese Zeitschrift konnte sich nicht abfinden mit dem Radikalismus der Dadaisten, die mit jeglicher Art von Kunst brechen wollten, und versuchte zunächst, der Dada-Bewegung einen konstruktiven Charakter zu geben. Andre Breton und sein Kreis hielten an der Bedeutung bestimmter Künstler fest und feierten als besondere Entdeckung das dichterische Werk von Isidor Ducasse, dem „Comte de Lautrea-mont".

Dieser hatte bereits im 19. Jahrhundert ihren auf das Irrationale gerichteten Bestrebungen vorgegriffen. So hatte er die Schönheit eines jungen Mannes ungewöhnlich bizarr „als zufällige Begegnung zwischen einem Regenschirm und einer Nähmaschine auf einem Seziertisch" beschrieben.

Aus dieser Formulierung wurde später eine Art „Definition" für Surrealismus (von frz. sur = über, also ein Bezug auf das „Überwirkliche"): Andre Breton sprach vom Moment der „Entheima-tung" (le depaysement), wodurch die Dinge von ihrem angestammten Platz an einen fremden Ort verrückt werden. Dadurch entsteht eine ver-rückte Wirklichkeit, die auf Unterbewußtes, Traumhaftes verweist.

Andre Breton selbst definiert 1924 im „Ersten Manifest des Surrealismus" den Begriff Surrealismus folgendermaßen:

[...] Reiner psychischer Automatismus, durch den man [...] den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken versucht. Denk-Diktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder ethischen Überlegung.

[...] Der Surrealismus beruht auf dem Glauben an die höhere Wirklichkeit gewisser, bis dahin vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allmacht des Traumes, an das zweckfreie Spiel des Denkens. Er zielt auf die endgültige Zerstörung aller anderen psychischen Mechanismen und will sich zur Lösung der hauptsächlichen Lebensprobleme an ihre Stelle setzen.


Text III

[französisch aus sur »über« und réalisme «Realismus«] der (frz. Surréalisme), ein erstmals 1917 von G.Apollinaire verwendeter Name für eine künstler. Richtung, die auf das Surreale (»Überwirkliche«) zielt.

Literatur

Die Bewegung des Surrealismus organisierte sich zunächst 1919 als Pariser Zweig (L.Aragon, A.Breton, P.Soupault, T.Tzara) des Dada. Breton gründete 1919 mit anderen die Zeitschrift "Litterature".Dieser Kreis feierte als besondere Entdeckung das dichterische Werk von Isidor Ducasse alias Comte de Lautreamont. Dieser hatte bereits im 19. Jh. irrationale Bestrebungen vorweggenommen. Breton verfasste 1920 " Les Champs magnetiques" und wurde der erste Führer des Surrealismus, der ihm 1924 mit dem »Ersten Manifest des Surrealismus« die literarisch-philosoph. Theorie lieferte (»Zweites Manifest«, 1930).

Der Surrealismus sucht, im Anschluss an die Psychoanalyse S.Freuds, die eigentl. Wirklichkeit des Menschen im Halb-, Vor- und Unbewussten und verwertet Traum- und Rauscherlebnisse und hypnotischen Zustände als Quelle der künstler. Eingebung und der Erkenntnis. Der dichter. Akt soll als »psych. Automatismus« im passiven Niederschreiben beliebiger Zurufe aus vorrationalen Tiefenschichten bestehen, unter Verzicht auf Logik, Syntax und literar. Formung. Zentrale Werke des literar. Surrealismus (L.Aragon, Éluard, A.Breton, P.Soupault) zeigen auch Neuerungen in der Romantechnik auf Protokoll- und Dokumentcharakter, Collage- und Fragmenttechnik.

Anreger ist der Literat Isidore Ducasse der als Comte de Lautreamont mit seinem Gedichtband >Die Sänge des Maldoror< Vorbild für die Surrealisten wird. Darin schreibt der die Verse > Schön wie die Begegung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Operationstisch <.In solchen Texten sehen die Surrealisten den Kern ihrer Vorstellungen erfasst.

Von Anfang an verband sich in Frankreich mit dem Surrealismus die Herausforderung bürgerl. Normalität. Die wichtigsten Schriften finden sich in der Zeitschrift »La Révolution Surréaliste« (192429, ab Heft3 von Breton allein hg.). 1928/29 wurde die innere Einheit der Bewegung durch polit. Differenzen gesprengt (Annäherung des linken Flügels mit Aragon, P.Éluard, B.Péret u.a. an die kommunist. Bewegung). Nach dem 2.Weltkrieg existierte der Surrealismus als Bewegung nicht mehr, doch sind seine Einflüsse auf die Literatur und die zeitgenöss. Kunst weiterhin wirksam. Auch in der neueren Lit. anderer Länder entstanden Werke mit surrealist. Gepräge, so im dt. Sprachraum von A.Kubin, H.Kasack, H.E. Nossack, P.Celan, im span. von F.García Lorca und P.Neruda.

Bildende Kunst

In der bildenden Kunst steht die Erweiterung des Schaffensprozesses und die damit verbundene Ausklammerung einer log. Konzeption aus dem künstler. Werk (Automatismus) im Mittelpunkt: Bildformen und -techniken wurden neu oder weiterentwickelt (Collage), Frottage, Grattage). Die Einflüsse moderner Tiefenpsychologie unterscheiden den Surrealismus von der fantast. Malerei vergangener Jahrhunderte (H.Bosch, G.Arcimboldo, Symbolisten des 19.Jh. wie Böckin). In der Malerei gehört die Pittura Metafisica mit ihrer verfremdeten Dingwirklichkeit zu den wichtigsten Voraussetzungen; ein weiterer bedeutender Anreger war M.Ernst, selbst ein Hauptvertreter des Surrealismus 1925 fand in Paris die erste Gruppenausstellung des Surrealismus statt, auf der auch P.Picasso, P.Klee, H.Arp und M.Ray vertreten waren.

Es wird zw. zwei Varianten unterschieden: Maler wie Y.Tanguy und S.Dalí stellten nicht zusammengehörige Dinge oder Formen im perspektiv. Raum naturalistisch dar : »Veristischer Surrealismus« auch > Kritisch Paranoischer Surrealismus<. A.Masson, J.Miró, H.Arp u.a. bedienten sich einer abstrakten, symbolhaften Formensprache >Abstrakter Surrealismus< auch »Absoluter Surrealismus«. In der Plastik dominierte die Erfindung des »surrealist. Gegenstands«, der Erfahrungen des Traums konkretisieren sollte (A.Giacometti, M.Ray, Meret Oppenheim) oder sich als alltägl. Objekt den Projektionen aus dem Unterbewusstsein öffnet (Objet trouvé). Ausläufer der surrealist. Konzeption bestimmten weitgehend die expressiv-totemist. Plastik der 1940er- und 50er-Jahre. Mit Man Ray, R.Ulsac und Brassaï erlangte der Surrealismus auch für die Fotografie Bedeutung.

Der Surrealismus war eine weltweite Erscheinung der modernen Kunst, bes. nachdem während des 2.Weltkrieges Ernst, Masson und Tanguy in die USA emigriert waren. Dort hatte er u.a. Anhänger in J.Cornell, Dorothea Tanning und dem Fotografen F.Sommer. Weitere bed. Vertreter in Europa waren in Belgien R.Magritte und P.Delvaux, in der Tschechoslowakei J.Styrsky und Toyen, in Dänemark W.Freddie, in Schweden M.W. Svanberg. Verglichen mit anderen europ. Ländern wirkte der Surrealismus in Dtl. (R.Oelze, E.Ende, M.Zimmermann) weniger nachhaltig. Nach dem 2.Weltkrieg regte der vom Surrealismus propagierte Automatismus den abstrakten Expressionismus an.

Charakteristik. In den Zeichnungen kommt das Seelenleben des Menschen, das Unbewußte freier als in der Malerei zum Ausdruck. Die »gedankenlosen« Kritzeleien werden schnell zu Papier gebracht, um die Traumvorstellungen nicht durch bewußte Gedankentätigkeit zu durchkreuzen. Diese sogenannte automatische Handschrift berücksichtigt keine kunsthistorischen Regeln.

Themen und Bildgattungen. Protokoll seelischer Empfindungen (Traum, Trance, Meditation). Visionäre Landschaft mit deformierten Menschen und Tieren. Platzarchitektur. Innenräume. Nahtlose Verbindung von Organischem und Anorganischem.

Maler

Italien

GEORGIO DE CHIRICO(1888-1978),"... das Kunstwerk darf werder Vernunft noch Logik haben. Auf diese Weise kommt es dem Traum und dem Geist des Kindes nahe."

JOAN MIRO(1893-19). Große Formate, manchmal in einer einzigen Farbe, werden durch Gestirnzeichen, Fabeltiere u.ä. ins Phantastische gesteigert.

Spanien

SALVADOR DALI (1904-19). Eineverwirrende,phantastischüberspannteBilderweltzeigtansichfesteGegenstände verbogen oder in Auflösung begriffen sowie Verzerrungen wie in Parabolspiegeln

Belgien

RENE MAGRITTE (1898-1967). Einfache, sonst kaum beachtete Gegenstände entfalten poetischen Reiz.

Deutschland

MAX ERNST (1891-1976) will in seinen Bildern durch das auffallende Oberflächengefüge der Gegenstände Vorstellungsverknüpfungen hervorrufen, z.B. durch Holzmaserung die Vorstellung von Wald sowie von Holz- und Laubgeruch.


Literatur:

Die surrealistische Revolution , Hatje Cantz Verlag

Link:

kunstwissen.de

 
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