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Surrealismus (seit 1924 )

Zufall und Traum

Die Surrealisten waren Städter- zu der Zeit. da die Luft dieser Städte noch atembar war -, Städter des Landes der Bistros. In Paris geht man leicht von einem Straßencafe zum anderen - der Blick für Abenteuer offen. Einige Flohmärkte, wie der

von Saint-Ouen, waren Jagdgebiet für Magisches. Man ging begierig auf die Suche nach „Objets trouves", die man für Pfennige kaufte, oder man suchte nach Bildern, die sich aus dem Zufälligen einer Auslage ergeben würden. Das Ungewöhnliche war da. Das typische surrealistische Bild bleibt „die zufällige Begegnung" der Nähmaschine und des Regenschirms auf dem Seziertisch - nach Lautreamont; es kann jederzeit aus dem sonst unsichtbaren Alltäglichen die „unbeabsichtigte Poesie" entstehen.

Das alltägliche Leben kann durch das Bild verändert werden. „Es scheint immer deutlicher zu werden, daß das Mittel, mit dem wir aus der alten Welt eine neue machen können, nichts anderes ist, als das, was die Poeten Bild nennen . . . Allein das Bild kann mir zeigen, was an Befreiung möglich ist, und diese Befreiung ist so allumfassend, daß ich darüber erschrecke. Durch die Kraft des Bildes könnten nach und nach die ,wahren' Revolutionen vollbracht werden. In manchen Bildern ist ein Erdbeben schon im Keim vorhanden. Dies ist eine einzigartige Gewalt, über die der Mensch verfügt und die er, wenn er will, in immer wachsendem Maße sichtbar machen kann." Andre Breton,1925

Das surrealistische Bild ist ein Ereignis, eine Begegnung. „Es ist eine gegenseitige - irgendwie zufällige - Annäherung von zwei Termini, die ein Licht erzeugt, la furniere de l'image (das Licht des Bildes). Der Wert des Bildes hängt von der Schönheit des erzeugten Funkens ab."Breton in Manifeste Du Surrealisme.

Breton sagt später, daß die surrealistische Schönheit „zuckend" ist, was ja an das erwähnte Erdbeben erinnert; das seine magische Kraft aus Untergrundenenergien entwickelt. Das Bild ist nicht dazu da passiv betrachtet zu werden; es soll im Leben selbst von jedem Menschen immer und immer wieder neu erfunden werden.

 

Max Ernst hat seine Collagen 1919 erfunden. Sie interessieren uns hier, weil sie Alltägliches heraufbeschwören. Er berichtet darüber ähnlich wie über die Frottagen. „Ich wurde beeindruckt von den Seiten eines illustrierten Katalogs, in dem Gegenstände zur anthropologischen, mikroskopischen, psychologischen, mineralogischen und paleontologischen Demonstration abgebildet waren, und die mit ihrer Anziehungskraft meinen Blick irritierten." Die „absurde" Begegnung dieser verschiedenen Dokumente, die eigentlich einzeln betrachtet werden sollten, hier aber durch eine „irritierte" und sarkastische Träumerei verbunden wurden, läßt das Bild entstehen. Der Unterschied zwischen Max Ernsts Collagen und denen

von Braque und Picasso hervorhebt. Die letzteren, schreibt er, „sind einfache bildliche Lösungen, in denen die ausgeschnittenen Elemente eine wirkliche Materie imitieren (Holz, Marmor, Zeitungspapier); sie bilden den Kontrapunkt zu den Linien und Formen, die der Künstler erfunden oder interpretiert hat. In seinen Collagen kümmert sich aber Max Ernst nur nebenbei um die bildliche Konstruktion. Mit einem Schlag taucht er uns in das Drama, indem er in verwirrender Weise einzelne Elemente der uns bekannten Welt einander gegenüberstellt, und so aus ihrer Gefangenschaft der Logik und der Funktion befreit.

Es geht darum die Fähigkeiten der Halluzination bei der brüsken Verschmelzung von zwei oder mehreren heterogenen Elementen zu nutzen zur Erwirkung einer ungewöhnlichen Vision, die sinnliche Kraft ausstrahlt. Traum ist eine höhere Aktivität.

 

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