<<


Postmoderne (1978 -1990 )

Neue Historienmalerei / Transavantgarde / Junge Wilde / USA / Charakteristik / Links

Als Gegenströmung gegen die Position der Avantgarde und zur Intellektualisierung der Kunst in Folge der Minimal Art und der Concept Art erwuchs um 1978 eine Wilde Malerei in Deutschland und die Transavantguardia in Italien. Eine >postmoderne< Besinnung auf das, was kunst- und kulturgeschichtlich vor der Moderne war, bricht in Italien, Deutschland, Frankreich und den USA auf .Mit dem Schlachtruf: "Hunger nach Bildern" beginnt diese Bewegung als Hinwendung zur Kreativität der Expression in Alogik, Mythik und der Poesie.

 1. Neue Historienmalerei

Aus der Gegenposition zur Avantgarde erwuchs eine wachsende Rückwärtssicht der Künstler. Diese bezieht sich im Verlauf der siebziger Jahre nicht nur auf die Mythengeschichte der Menschheit, sondern es läßt sich eine Malerei beobachten, die sich mit der nationalen politischen und kulturellen Geschichte beschäftigt, wobei es sehr verschiedene, auffallend subjektivistische Sichtweisen auf die jeweils zitierten historischen Traditionen gibt. Dennoch kann man eine verbindende Motivation feststellen: Aus den Widerständen und Konfliktpotentialen der von Menschen erlebten Geschichte will man persönliche Erinnerungen, Hoffnungen und gegenwärtige Bedrängnisse beschwören und problematisieren.

 Zu den wichtigsten Vertretern dieser Richtung zählen in der Bundesrepublik Deutschland Jörg Immendorff und Anselm Kiefer. Schon in den frühen siebziger Jahren entwickelt Anselm Kiefer (geb. 1945) den Mut, verdrängte deutsche Geschichte, auch die des Dritten Reiches mitsamt ihren emotionsträchtigen Symbolen zu thematisieren. In Gestalt von Dachbodenausschnitten und romantisierenden zentralperspektivischen Wald- oder Feldlandschaften erprobt Kiefer die Malerei wie eine Bühnenmalerei in ihrer inszenatorischen Potenz. Was hier von Kiefer als deutliche Vergangenheitsbewältigung in Bildern geschieht, nannte ein Kritiker sehr treffend eine »Archäologie der Trauer«.

  ::: Eine individuelle deutsche Historienmalerei findet sich in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre auch bei dem Beuys-Schüler und ehemaligen LIDL-Propagandisten Jörg Immendorf (geb. 1945). Anlaß für diese Malerei war eine Reise Immendorffs in die DDR nach Ostberlin, um sich dort mit dem damals noch in Dresden lebenden Penck zu treffen. Seit dieser Begegnung malte Immendorff eine Serie großformatiger Tafelbilder mit dem Titel Cafe Deutschland, in denen er bewußt ein emotionales Gegenbild zu Renato Guttusos (italienischer Maler)>Cafe Greco< und dessen politisierendem Realismus setzt. Dabei ist zu erinnern, daß Renato Guttusos Malerei seit den sechzigerJahren den Sozialistischen Realismus in der DDR stark beeinflussen konnte. Immendorffs Cafe Deutschland ist kein Literatencafe wie Guttusos Cafe Greco, sondern eine lärmerfüllte Diskothek der Düsseldorfer Altstadt, die er zum fiktiven Austragungsort seines privaten Ost-West-Konfliktes in der Freundschaft mit Penck macht. Hier trifft er den Freund, hier befragt er die zum Teil zwielichtigen Vaterfiguren der deutschen Nation und die Repräsentanten der ideologischen Konfrontation und findet emblematische Symbole für seine uneingelösten Träume: das Brandenburger Tor mit der stürzenden Quadriga, den deutschen Adler als Alptraum, das mit Eis überdeckte Deutschland, in dem noch die Panzer des Krieges stecken. Private Horizonte und politischer Sinngehalt vermischen sich in expressiven Bilderrätseln, die sich bewußt der eindeutigen Aussage, aber auch der politischen Freundfeindschematisierung widersetzen und die zugleich vorbelastete nationale Symbole wie das Brandenburger Tor und den deutschen Adler für eine echte Vergangenheitsbewältigung einer läuternden Wiederaneignung unterziehen.


::: 2. Transavantgarde in Italien

Mit den ironischen Persiflagen der Gruppe >Normal< sowie mit der italienischen >Arte Cifra< tritt in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre eine Kunst in Erscheinung, die ihre Originalität nicht aus einer stilistischen Innovation im Sinne des bisher verbindlichen Avantgardebegriffs, sondern aus einem Eklektizismus bezieht, der in subjektiver Freizügigkeit Zitate aus unterschiedlichen kulturellen Ebenen, ethnischen Kulturen und kunstgeschichtlichen Epochen miteinander verbindet.

Vorreiter unter den italienischen Transavantgardisten sind einerseits die Maler Carlo Maria Mariani und SALVO und auf der anderen Seite Vertreter der Arte Povera wie Jannis Kounellis, der bereits in den frühen siebziger Jahren zur bildnerischen Problematisierung des Spannungsverhältnisses zwischen Natur und Kultur das Zitieren von Kulturrelikten nutzt. Dabei geht Kounellis davon aus, daß bestimmte ruinenhafte Relikte der kulturellen Vergangenheit und symbolische Zeichen einen allgemeinverständlichen Sinnhorizont haben, den man per Chiffre zitieren kann.

Aus diesem subtil ironischen Malumgang mit der Kunstgeschichte entwickelt sich in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre vor allem in Italien eine subjektive, individuell verrätselte Zitierkunst, die sich die kühnsten Streifzüge durch die Jahrhunderte und Kombinationen von verschiedensten Kulturbereichen gestattet. Die Hauptvertreter sind Sandro Chia, Enzo Cucchi, Mimmo Paladino und Francesco Cemente.

Neben die Verknüpfung von antiker und christlicher Motivik tritt eine häufige Zitierung von außereuropäischen Symbolen und Formen, die genauso wie die Anspielungen auf die abendländische Kunstgeschichte in einem fragmentarischen Verweishorzont belassen werden. Die Zusammenbindungen der eklektischen Zitate entziehen sich einer eindeutigen Sinnbenennung und verschlüsseln sich statt dessen zu individuellen Chiffren.


::: 3. Junge Wilde in Deutschland

Aufgrund der Opposition zur vorangegangenen intellektuellen Concept Art als >Wilde Malerei< beschrieben, empfindet man die Wiederkehr einer unbekümmert fabulierenden Malerei als eine Befreiung von den repressiven Zwängen des Intellekts, der über die Kunst der vergangenen Dekade seine Herrschaft ausgeübt hatte. Die bis zur konzeptuellen Kunst gültige Vorherrschaft eines einzigen verbindlichen Stils verschwindet mit dieser neuen subjektiven Malerei hinter einer Pluralität gleichzeitig miteinander und gegeneinander konkurrierender Tendenzen. Diese antiavantgardistische Reaktion um 1977 ist also zugleich Wiedergewinnung einer subjektivistischen Malerei und Blick zurück auf Traditionen, wobei sich vor allem in Westberlin neoexpressionistische Ausdrucksformen herausbilden.

Berlin: Diese >Heftige Malerei<, wie sie 1980 anläßlich einer ersten größeren Ausstellung im Berliner >Haus am Waldsee< typisiert wird, greift sowohl auf den klassischen Brücke-Expressionismus und Oskar Kokoschka wie auch auf jene expressiv-subjektive Figuration zurück, die Maler wie Georg Baselitz, Bernd Koberling , Karl Horst Hödicke und Marcus Lüppertz bereits in den frühen sechzigerJahren gegen die damaligen Stilverbindlichkeiten in Berlin postuliert hatten. Eine weitere Wurzel hat die >Heftige Malerei< im existentiell geprägten Abstrakten Expressionismus, wie er exemplarisch bei de Kooning, den Cobra-Malern oder auch bei Walter Stöhrer innerhalb der deutschen Malereitradition begegnet. Darüber hinaus werden auch Picasso, van Gogh, Francis Bacon und vor allem Francis Picabia bildnerisch ausgeschlachtet, der schon zu Dada-Zeiten eine subjektive eklektische Zitiermalerei mit vielschichtigen ironischen Anspielungen betrieben hatte.

Hauptvertreter sind SALOME (Wolfgang Cilarz, geb. 1954), Rainer Fetting, Helmut Middendorf und Bernd Zimmer (geb. 1948) als Berliner Kunststudenten zum Schülerkreis von Koberling und Hödicke gehören.( vergleichbar zu den »pathetischen Realisten« aus den sechziger Jahren.)die sich in der Disco SO 36 treffen.

 

::: Mühlheimer Freiheit :Während die Berliner wilde Malerei deutliche Züge einer expressiv oder zynisch ausgesprochenen Obsession aufweist, dominiert andernorts, darunter auch in Köln, stärker das Moment der Ironie. Eine Explosion spontaner Malerei findet am Ende der siebziger Jahre auch in dem Kölner Gemeinschaftsatelier an der Straße >Mülheimer Freiheit< Nr. 110 statt, wo Hans Peter Adamski, Peter Bömmels, Walter Dahn, Georg Jiri Dokoupil, Gerhard Kever und Gerhard Naschberger einträchtig nebeneinander, gelegentlich sogar miteinander auf derselben Leinwand, malen. Auch hier läßt sich ein starker Einfluß der neuen Musikszene als Stimulanz spontaner Malgesten beobachten. Doch dieser verbindet sich nicht wie in Berlin mit expressionistischen Traditionsanleihen, sondern mit einem >stillosen< Nebeneinander und Übereinander diverser Stile, wie es bei Francis Picabia, Sigmar Polke und den Italienern begegnet. Da es keinen sogenannten Gruppenstil gibt, sondern das Verbindende lediglich in der spontan vollzogenen Alternativmalerei zur Concept Art liegt, fällt die Gruppengemeinschaft sehr rasch auseinander.

Der zyklisch angelegte Stilwechsel ist bei GEORG JlRl DOKOUPIL (geb. 1954) Markenzeichen, wobei er das Erfinderische in den Vordergrund stellt.Dieser bewußt exzessiv durchexerzierte Stileklektizismus ist eine »Malerei zwischen allen Stühlen« .Das ist der entscheidende Unterschied zwischen den Kölner >Wilden< und den Berliner >Heftigen<, wenn man das Fehlen jeder Eindeutigkeit und die positive Erprobung eines Dilettantismus als typisch für die >Mülheimer Freiheit< apostrophiert.

Auch WALTER DAHN (geb. 1954) malt vorzugsweise in Zyklen, doch neben eigenwilligen motivlichen und stilistischen Anleihen bei Art brut oder den Spraybildern der GraffitiKunst besitzen seine sehr persönlich und zeichenhaft notierten Bildsujets ein spannungsreiches und zugleich poetisches Miteinander von gedanklicher Kombinatorik und starker emotionaler Aussage. Walter Dahn übernimmt in den achtziger Jahren die Spraydosenmalerei der GraffitiKunst, und eine Reduktion des Motivs, eine Arbeitsweise, die ihn in die Nähe zu dem New Yorker Maler Donald Baechler (geb. 1956) rückt.

::: Auch die damals jüngste Tradition der analytischen Malerei aus den siebzigerJahren besaß als »Malerei über Malerei« unter den Kölnern eine große Nachwirkung, wenn sie ihr Medium in seinen malerischen Möglichkeiten unbekümmert ausloten. Dabei gehen hierzu starke und unmittelbare Impulse von einer alchimistisch anmutenden, farbirisierenden Malerei aus, die Sigmar Polke am Ende der siebzigerJahre mit Hilfe von chemischen Reaktionen und Metalloxydationen auf seinen Gemälden vollzieht. Ebenso wegweisend wie Sigmar Polke ist der zu dieser Zeit auch in Köln arbeitende Gerhard Richter mit seinen >Abstrakten Bildern<, die auf z.T. riesigen Leinwänden rein imaginative, tief gestaffelte Phantasieräume mit einer starkfarbigen raffiniert gestischen Malerei erzeugen.

Im Kontext solcher Malerei-als-Malerei-Experimente malt Peter Bömmels (geb. 1951) eine Serie von sog. >Haarbildern<, in denen er ein eigenwilliges Figurationsverfahren entwickelt. Bizarre Figuren und Formen werden, statt mit Farbe, mit zusammengeklebten Haarbüscheln auf eine weiße Leinwand als Zeichnung aufgebracht.

 

Die Hamburger :. In Hamburg steigert sich der Subjektivismus der jungen Generation am Beginn der achtziger Jahre bei MARTIN KIPPENBERGER (geb. 1953), WERNER BÜTTNER (geb. 1954), ALBERT OEHLEN (geb. 1954 und MARKUS OEHLEN (geb. 1956) bis zur anarchischen Persiflage und absurd-frechen Provokation im Dada-Geist. Alles wird relativiert, was die Gesellschaft mit Wertmaßstäben genormt hat. Dabei ist der Spott ein ebenso eifrig benutztes Sprachmittel von Bildfindungen, aber auch von Aktionen und Fotosequenzen .


:::USA

In Amerika greift der wilde Malstil erst in den beginnenden achtziger Jahren, also mit einiger Verzögerung gegenüber Europa, um sich. Rein amerikanischen Ursprungs ist die bereits genannte, aus ethnisch subkulturellen Quellen sich speisende Graffiti-Kunst. Ihre Auswirkungen machen sich nicht nur in den kalligrafischen Bildern eines Keith Haring oder Kenny Scharf bemerkbar, sondern ebenso in den Figurationen von Donald Baechler, hinter deren ironischen Pointen sich über den naiven Bildwitz hinaus auch Dimensionen der Angst und der Obsession verbergen. Eine andere Version wilder Malerei begegnet in Amerika vor allem in der sog. Pattern oder Decorative Art, die eine patchworkartige, großlächige und farbenfrohe Ornamentgestaltung beteibt.

Eine komplexe Zitatenmalerei nach europäischer Manier findet sich dagegen bei Julian Schnabel und David Salle. Während David Salle (geb. 1952) eine an Francis Picabia, gelegentlich auch an Sigmar Polke erinnernde Motiv- und Stilüberlagerung für seine komplexen Bilderzählungen nutzt (Farbtafel Umschlaginnenklappe), kombiniert JULIAN SCHNABEL (geb. 1951) religiöse, mythische und anthropologische Motive zu einem eklektischen Bildganzen, dessen individuelle Handschrift durch eigenwillige Materialexperimente unterstrichen wird. So verwendet Schnabel mit Vorliebe malereifremde Werkstoffe wie Porzellanstücke, Samt, Häute und Aluminium und praktiziert zugleich eine ritualhafte Organisation seiner Bildinhalte, indem er eine Fülle von Zeichen und Emblemen um eine zentrale Bildmitte gruppiert.

:

Charakteristik. Unbekümmert fabulierenden Malerei als eine Befreiung von den repressiven Zwängen des Intellekts
:Themen und Bildgattungen. Everything goes.

Italien:Sandro Chia, Enzo Cucchi, Mimmo Paladino und Francesco Cemente.
Deutschland : Jörg Immendorff und Anselm Kiefer,SALOME,G. J.Dokoupil, P. Bömmels, Walter Dahn, Martin KIippenberger (geb. 1953), Werner Büttner (geb. 1954), Albert Oehlen
USA:Keith Haring oder Kenny Scharf, Julian Schnabel und David Salle 

Links : Junge Wilde 2

kunstwissen.de

 
>