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PICTURE GENERATION

1977 zeigte der alternative Artists Space in New York eine Gruppenausstellung, "Pictures". Der Titel der Ausstellung gab einer ganzen amerikanischen Künstlergeneration, zu der auch Cindy Sherman, Robert Longo und Richard Prince gehören, ihren Namen - eine Generation, die mit den Massenmedien, mit Film und Fernsehen aufgewachsen war. Sie waren nicht expressiv geprägt sondern konzeptuell.Sie hatte die Geschehnisse um Watergate verfolgt und erleben müssen, wie die Tatsachen alle offiziellen Berichte aus Vietnam widerlegten. Dabei paarte sich die Faszination durch die Medienbilder, wie sie bereits die Pop-Künstler erfaßt hatte, mit Mißtrauen. Dieser Mischung aus Verführung und notwendiger Kritik versuchten die Künstler mit einer Doppelstrategie beizukommen: Es galt, ohne die Wirkungskraft der Bilder zu beeinträchtigen, den Mechanismen der Verführung ideologiekritisch entgegenzutreten. Diese Quadratur des Kreises ermöglichte eine Methode, die seit den frühen siebziger Jahren bei Philosophen und Literaturtheoretikern die Runde machte, die des Dekonstruktivismus. Er erlaubt, um es mit einer Metapher zu sagen, das Schiff auf hoher See umzubauen.

 Cindy Sherman, Barbara Kruger, Richard Prince, Robert Longo: Sie alle benutzen Material, das aus Filmen, Zeitschriften, Magazinen vertraut ist. Dieser Rohstoff wird allerdings viel weniger verändert als bei Wahrhol oder Rauschenberg. Die gefundenen Motive werden zu Re-Fotografien recycelt. Kein individueller künstlerischer Duktus mischt sich mehr in die Kunstproduktion, wie das bei der Collage, der Malerei oder auch beim Siebdruck der Fall ist. Die Kunstprodukte behalten dieselbe visuelle und emotionale Attraktivität wie das Ausgangsmaterial: „fresh and sexy", wie ein Kritiker schrieb. Eine geringfügige Veränderung der Funktionen allerdings irritiert die gewohnten Verwendungsweisen und löst ein Nachdenken über die Mechanismen aus. Viele dieser Werke geben Werbung wieder, verzichten aber beispielsweise auf die Nennung des Produktnamens.

 

1975 arbeitete Richard Prince bei Time-Life. Sein Job bestand darin, Belegexemplare für Autoren aus den Zeitungen zu schneiden. Die Reklameanzeigen, die dabei übrigblieben, muteten ihn mehr und mehr wie Stills aus Spielfilmen an. Zunächst sammelte Prince diese Anzeigen, bevor er sie 1977 zu fotografieren begann. Mit einem einzigen Druck auf den Auslöser konnte er sich die Motive aneignen. Ein subversiver Akt der Piraterie. Die Folgen dieses scheinbar harmlosen Aktes waren groß: Wer war der Autor dieser Bilder? Welchen Stellenwert hatte dabei die künstlerische Innovation?

 

Waren seine Bilder real? Realistischer als das Original? Waren die Originale möglicherweise nur Fiktion? Waren diese Motive vielleicht Bestandteil einer allgemein verbreiteten Imagination, einer Ideologie, die gleichzeitig das Verhalten der Menschen programmierte? Prince erweiterte bald das Spektrum seiner Methoden. Während er bis 1980 seine Re-Fotografien auch als Einzelbilder zeigte, vereinigte er danach jeweils neun von ihnen zu einem großen Tableau und betonte damit den systematischen Zusammenhang dieser öffentlichen Bildersprache. Mitte der achtziger Jahre schien ihm das Spektrum der Re-Fotografie zu eng. Er begann Jokes aus Zeitungen abzuzeichnen. Dabei entdeckte er dieselbe ideologische Rhetorik, die er schon in den Werbeanzeigen gefunden hatte, auch in der Sprache. In seinen späteren Werken kombinierte er sprachliche Chiffren aus einem Repertoire von Jokes mit Motiven, die er mit Siebdruck auf Leinwand übertrug.

 

Robert Longo interessierte sich Ende der siebziger Jahre mehr für den Film und seine Produktionsformen. Angeregt von einem Streifen Fassbinders ließ er seine Freunde zu Punk-Musik auf dem Dach seines Studios tanzen. Er fotografierte die Posen und zeichnete danach große Bilder, die an Krimi-Szenen erinnerten: Die Tänzer wirkten plötzlich, als seien sie von Kugeln getroffen worden. Longo hat den Sprung ins andere Metier gewagt und Mitte der neunziger einen abendfüllenden Spielfilm gedreht.

 Womit hat sich die Pictures-Generation in der Karte der Kunst-Territorien eingetragen? Das Erbe von Pop ist deutlich auszumachen. Aber es ist nicht die Ikonologie eines Rauschenberg oder Lichtenstein, die hier weiterverwendet wird; es ist die warholsche Sensibilität für die hinter den Kunstobjekten verborgenen institutionellen Zwänge der Produktion. Mit der Pictures-Generation wird die Produktion und Rezeption von Bildern als ideologisch erkannt, die die Rollen von Mann und Frau genauso programmiert wie andere Positionen im gesellschaftlichen Feld. Gesellschaftskritik bedeutet danach Analyse und Veränderung unseres Umgangs mit Bildern.

 

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