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JUNGE WILDE

Seit 1971 führten Vivienne Westwood und Malcolm McLaren einen kleinen Kleiderladen in der Londoner Kings Road. 1975 fand das Geschäft zu dem seinem Angebot entsprechenden Namen und nannte sich "Sex". Junge Leute, die die Alternativkultur der Hippies leid waren, wählten diesen Ort zu ihrem Treffpunkt. SEX wurde der Mittelpunkt einer neuen Subkultur, des Punk. McLaren entschloß sich, eine Rockgruppe zu gründen, um seinem Anliegen eine noch größere Öffentlichkeit zu beschaffen, die Sex Pistols.

Schon 1977 gab es Punks in jeder englischen Stadt. Innerhalb eines Jahrzehnts ging Punk um die Welt, wie ein Virus, der durch die Medien übertragen werden konnte. Entscheidend für Punk war eine neue Beziehung zwischen Produzenten und Publikum, die durch den do it yourself-Charakter erreicht wird. Sniffin Glue, das erste Fanzine, enthielt das berühmteste Statement der Punk-Philosophie: Das Diagramm mit den drei Gitarrengriffen und der Unterschrift „Here's one chord, here's two more, now form your own band".

„We want to be amateurs", sagt Johnny Rotten. Das do it yourself betraf die Musik, aber auch den ganzen Aktionsradius von Punk: die Kleidung, die Texte, die Fanzines, sogar die Labels, die billigste Platten für den Gebrauch unter Freunden verlegten. Jeder konnte also an dieser Bewegung teilhaben - eine ganz eigenartige Durchbrechung der Grenze zwischen Kunst und Leben, die in der ganzen Subkultur und nicht mehr nur in elitären Kunstzirkeln stattfand.

Punk zeigt, daß Codes gebraucht und vor allem mißbraucht werden können, um gesellschaftliche Reaktionen zu provozieren. Um den Rückzug auf bürgerliche Wertsysteme, auf (ideo-)logische Urteile und Botschaften zu verstellen, untergräbt Punk mit seiner paradoxen Rhetorik jeden sinnvollen Diskurs und läßt ein Feld von Widersprüchen entstehen. Punk provoziert eine (symbolische) Ordnung durch symbolische Herausforderungen und inszeniert einen Zeichenkrieg.

 

Ab 1977 treten im Düsseldorfer Ratinger Hof Gruppen wie "wire", Bauhaus oder Cabaret Voltaire auf. Zu den Konzerten kamen die jungen Künstler im Umkreis der Düsseldorfer Akademie. 1978 öffnet in Berlin das SO 36. Ein Jahr lang spielen hier Punk- und New Wave -Bands. Als der Laden von Punkern demoliert wird, übernimmt Martin Kippenberger den Wiederaufbau und für ein Jahr die Geschäftsführung. Neben Musikauftritten von Lydia Lunch oder Suicide finden auch Abende mit New Yorker Underground-Filmen statt.

Die Musikszene sorgt nicht nur für Kontakte unter den Künstlern, die die Konzerte frequentieren und die bald gemeinsame Ausstellungsprojekte mit punkigen Titeln wie "Elend", "Aktion Pißkrücke" oder "Finger für Deutschland" veranstalten.

Die Umwertung aller Werte schlägt sich bald auch in der künstlerischen Arbeit nieder. Hobbykunst wird plötzlich zum Leitwert, die schlechtesten Fernsehserien erfreuen sich der größten Beliebtheit. Für den Kunstbetrieb und seine Klientel funktioniert die Provokation wie sie sich im „Kotzer" von Walter Dahn und Georg Dokoupil genauso niederschlägt wie in Werner Büttners „lm Kino onanierend".

Als Kippenberger 1977 die Ausstellung „Chimären-Bilder" organisiert, bittet er seine Freunde nicht um „Werke", sondern um Liegengebliebenes aus den Schubladen. Ziel: einen Gedanken ohne professionelle Verpackung deutlich zu machen. Die Kürzel von den „Punks der Palette" machte die Runde. Aber neben der Werteverkehrung und dem Eklektizismus der Stile schafft Punk auch ein neues Modell für das Miteinander von Produzenten und Öffentlichkeit. Die Erfahrung einer kollektiven Sensibilität, wie sie das Konzert darstellt, leitet die Renaissance von Zeichnung und Malerei ein, die beide auch ein gemeinsames spontanes Gestalten erlauben.

 Sigmar Polke begann 1975 an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg zu unterrichten. Schon seit dem Rückzug von Joseph Beuys aus der Düsseldorfer Akademie war er zur wichtigsten Kultfigur der jungen Szene geworden. Wie kein anderer mischt er Texte, Fotos, Fotokopien und Malerei und erweitert so die traditionelle Atelierarbeit zu einer neuen Medienpraxis. Mit Fotoapparaten bewahrt zogen die jungen Künstler durch Berlin, Düsseldorf oder Hamburg und verschossen Hunderte von Fotos, aus denen hinterher Zeichnungen entstehen oder Dia-Shows.

Die Aneignung von Welt, die hier betrieben wird, hat Änlichkeiten mit der Re-Fotografie, wie sie die jungen Amerikaner betreiben. Doch das Erscheinen von Punk bringt alles durcheinander und läßt das Medium Fotografie für die achtziger Jahre unwichtiger werden.

Albert Oehlen und Georg Herold, Werner Büttner und Martin Kippenberger studieren nicht wirklich bei Polke in Hamburg. Sie verbringen mehr Zeit mit ihm in Kneipen wie "Vienna" und "Gans". Eine Ausstellung, die 1977 in der Polkeklasse stattfindet, läßt erkennen, wie sich der Punk-Virus langsam einschleicht. Das Projekt ist durch das erste Raumfahrtunternehmen der USA inspiriert. In der Klasse wird es als Wegwerf-Tableau inszeniert. Bestes Beispiel für die Trash-Kunst ist Georg Herolds "Laser", nachgebaut aus einem Backstein und Bindfaden.

Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Werner Büttner und ihre Freunde haben immer eine theoretische Uberfrachtung ihrer Werke bekämpft. Die Parallelen zwischen ihrer Praxis und der von Punk läßt jedoch da ein Ziel ahnen, wo programmatisch Sinnlosigkeit behauptet wird. Das drückt sich nicht nur in den verwendeten banalen Materialien und den scheinbar banalen Motiven aus. Alle Künstler üben sich scheinbar in der Anpassung an die gewohnten Verhältnisse und machen aber gerade dadurch deren Unerträglichkeit sichtbar. Oder, wie Albert Oehlen es pragmatischer ausdrückt: "Wir lesen morgens die Zeitung und malen mittags. Für das Ergebnis ist dieser Staat verantwortlich."

 

Scheinbar paktieren sie mit den Hausmeistern, den Sauber- und Strahlemännern „aus dem öffentlichen Dienst". In der Aneignung dieser Rolle schwingt Bescheidenheit und das Bedürfnis nach Allgemeinverständlichkeit mit. Eine gewisse Absurdität gerade des gesunden Menschenverstandes wird aber dennoch spürbar. „Hinter den Bildern sollte ein bescheidener Ansatz lauern", schreibt Werner Büttner, "das macht die Menschen dankbar und abhängig, und Geld läßt sich sehr gut verarbeiten. Wie das "lch weiß, daß ich nichts weiß" zum Zierlichsten und gleichzeitig Einprägsamsten gehört, was dieser Planet hervorgebracht hat. Und so kann man zufrieden sein, wenn von seinen Bildern wie eine jauchzende Offenbarung der Satz emporsteigt: "lch bin ein Arschloch, aber ihr seid auch Arschlöcher."

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