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Caspar David Friedrich (1774-1840) >Über Kunst und Kunstgeist< Verschollenes Manuskript von etwa 1830- zitiert nach S. Hinz: CDF in Briefen und Bekenntnisssen, Berlin 1968, S.83

/ Lebenslauf / Gestaltungskriterien /


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Über Kunst und Kunstgeist: Es sei mir vergönnt, noch einmal in aller Kürze meine Ansichten über das, was Kunst und Kunstgeist in dem Menschen ist, zu zeigen.

 Du sollst Gott mehr gehorchen denn den Menschen. Jeder trägt das Gesetz von Recht und Unrecht in sich; sein Gewissen sagt ihm: dieses zu tun, jenes zu lassen. Die heiligen Zehn Gebote sind der reine, lautere Ausspruch unser aller Erkenntnis vom Wahrhaften und Guten. Jeder erkennt sie unbedingt als die Stimme seines Innern, niemand kann sich dagegen empören. Willst du dich also der Kunst widmen, fühlst du eine Berufung, ihr dein Leben zu weihen, oh, so achte auf die Stimme deines Innern, denn sie ist Kunst in uns.

Hüte dich vor kalter Vielwisserei, vor frevelhaftem Vernünfteln, denn sie tötet das Herz, und wo das Herz und Gemüt im Menschen erstorben sind, da kann die Kunst nicht wohnen.

Bewahre einen reinen, kindlichen Sinn in dir und folge unbedingt der Stimme deines Innern, denn sie ist das Göttliche in uns und führt uns nicht irre.

Heilig sollst du halten jede reine Regung deines Gemütes; heilig achten jede fromme Ahndung, denn sie ist Kunst in uns! In begeisternder Stunde wird sie zur anschaulichen Form; und diese Form ist dein Bild.

Keiner soll mit fremdem Gute wuchern und sein eignes Pfund vergraben! Nur das ist dein eignes Pfund, was du in deinem Innern für wahr und schön, für edel und gut anerkennst.

Mit eignem Auge sollst du sehen und, wie dir die Gegenstände erscheinen, sie treulich wiedergeben; wie alles auf dich wirkt, so gib es im Bilde wieder!

Vielen wurde wenig, wenigen viel zuteil: Jedem offenbart sich der Geist der Natur anders, darum darf auch keiner dem andern seine Lehren und Regeln als untrügliches Gesetz auf Erden. Keiner ist Maßstab für alle, jeder nur Maßstab für sich und für die mehr oder weniger ihm verwandten Gemüter.

So ist der Mensch dem Menschen nicht als unbedingtes Vorbild gesetzt, sondern das Göttliche, Unendliche ist sein Ziel. Die Kunst ist's, nicht der Künstler, wonach er streben soll! Die Kunst ist unendlich, endlich aller Künstler Wissen und Können.

Nach dem Höchsten und Herrlichsten mußt du ringen, wenn dir das Schöne zuteil werden soll.

Darum, ihr Lehrer der Kunst, die ihr euch dünket so viel mit eurem Wissen und Können, hütet euch sehr, daß ihr nicht einem jeden tyrannisch aufbürdet eure Lehren und Regeln; denn dadurch könnt ihr leichtlich zerknicken die zarten Blumen, zerstören den Tempel der Eigentümlichkeit, ohne den der Mensch nichts Großes vermag. Ihr vermöget doch nichts Besseres aufzubauen; wieviel ihr euch auch dünket, das Eigentümliche im Menschen zeigt sich auf eigene Weise, jeder nach seiner inneren Natur auf andere Art. Eure Lehren können gut sein, doch für einen jeden passen sie nicht, denn nicht jede Blume gedeihet auf jedem Boden. Nur Gottes Gesetze gelten für alle und sind in aller Menschen Herzen geschrieben, die heiligen Zehn Gebote.

Nebensache hin, Nebensache her! Nichts ist Nebensache in einem Bilde, alles gehöret unumgänglich zum Ganzen, darf also nicht vernachlässigt werden. Wer dem Hauptteile seines Bildes nur dadurch einen Wert zu geben weiß, daß er andere, untergeordnete Teile in der Behandlung vernachlässigt, mit dessen Werk ist es schlecht bestellt. Alles muß und kann mit Sorgfalt ausgeführt werden, ohne daß jeder Teil sogleich zu sehen sich aufdrängt. Die wahrhafte Unterordnung liegt nicht in der Vernachlässigung der Nebensachen zur Hauptsache, sondern in der Anordnung der Dinge und Verteilung von Schatten und Licht.

W. Hofmann (Hrsg) Prestel Verlag,1981

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