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Caspar David Friedrich - Gestaltungskriterien

Friedrichs Bilder sie sind erfunden. An zahlreichen Beispielen hat die Forschung nachgewiesen, daß seine Kompositionen sich aus einer Reihe von Naturstudien zusammensetzen. Das porträtgetreue Dokument eines Baumes oder Felsens liegt oft jahrelang im verfügbaren Skizzenfundus, ehe es für einen Bildgedanken verwendet wird. Es wird herangezogen, sobald Friedrich ein Bild »im Sinne« hat [92]. So entstehen Komposit-Landschaften. Die »Wörter« sind verläßliche Naturwiedergaben, die Syntax, die das Ganze zur nahtlosen Einheit zusammenfügt, ist der Vorstellung entsprungen und wird von formalen Ordnungsprinzipien gelenkt. Im übertragenen Sinne kann man vom Zusammenwirken empirischer Prosa und imaginärer Poesie sprechen.

In seinen Bildern stellen die Dinge sich selbst dar und stehen zugleich in einem, die Wahrnehmung überschreitenden Sinnzusammenhang.Friedrichs beruft sich wie folgt: »Des Künstlers Gefühl ist sein Gesetz«.Das Kunsturteil gewinnt seine Maßstäbe für Ausdruckstiefe, Unbedingtheit und innere Notwendigkeit, indem es den Künstler zum »Seher erklärt, dem intuitive Gewißheiten den Weg angeben: was er hervorbringt, ist ein Ganzes, keine bewußt gemachte, sondern eine unbewußt gewordene Welt anschanlicher Offenbarungen. Seit Goethe am Straßburger Münster das Wirken >starker, rauher, deutscher Seele« rühmte, sieht offenbar das dem nationalen Selbstbewußtsein verschriebene Kunsturteil in der Innerlichkeit das höchste Kriterium.

Damit verfolgt er die Absicht, die Natur edel, einfach und groß - mit einem Wort: würdig darzustellen. Er bedient sich formaler Mittel, die zu seiner Zeit bei allen Nachbetern der klassischen Forderung »Einheit durch Mannigfaltigkeit« im Verruf der leeren Monotonie standen.

Er verzichtet auf Abwechslungsreichtum und »malerische Vielgestaltigkeit«, beschränkt sein Vokabular und gibt ihm eine feierlich lapidare Syntax. Er arbeitet, aus klassischer Sicht, mit Elementen der »negativen Schönheit«: der Eintönigkeit, der Wiederholung und der Leere. Daß diese sparsamen Bildstrukturen nicht in die Blässe abgeleiteter Schemata geraten, sondern sowohl in konkreter Landschaftlichkeit zu gründen als diese zu überschreiten scheinen, macht die Anziehungskraft von Friedrichs Kunst aus.

Die Kopplung von Naturnähe und Naturferne, das ist, vereinfacht gesagt der neue Weg, den Friedrich der Landschaftsmalerei öffnet.Indem Friedrich die Landschaft hoheitsvoll, einfach und würdig macht, gibt er ihr eine sakrale Bildform.

Er beteibt die Profanisierung des Sakralen und die Sakralisierung des Profanen. Während der Klassizismus nach alten Mustern des allgemeinverbindlichen sucht, sucht Friedrich und die Romantiker den schöpferisch, relilgiösen Impuls in der Materie, der als Erlösöungsbedürfnis Friedrichs Werk durchzieht. >Schließe Dein leibliches Auge, damit Du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild.<(92)


Vielen von Friedrichs Äußerungen haftet ein schroffer, kompromißloser Zug an. Wer sich im Erfinden hervortut, aber nichts empfindet, wird abgelehnt, das»sogenannteKomponieren« wird verspottet [95], das »Hineinsehen« in die Natur verurteilt, aber auch das bloß äußerliche Nachahmen gilt nur als ein Merkmal geistiger Blindheit. Mehrmals wird dem Künstler aufgetragen, nur das zu malen, was aus seinem Innern hervorgeht und für seinen sittlichen religiösen Wert bürgt.

Ein Wort, in dem Friedrich alle seine Forderungen an das Kunstwerk zusammenfaßt: »Glücklich ist, wo Kopf und Herz und Hand gleichen Schritt halten«. Keine der drei Komponenten wird gegen die anderen ausgespielt, keine bevorzugt, der Gleichschritt macht sie gleichrangig.

Wir haben nun einen verbindlichen Maßstab für den Rang eines Kunstwerks. Wie Friedrich ihn handhabt, zeigen seine Aufzeichnungen »bei Betrachtung einer Sammlung von Gemälden von größtenteils noch lebenden und unlängst verstorbenen Künstlern«. Er geht darin mit seinen Zeitgenossen hart ins Gericht:

Dies Bild ist schön gemacht, doch nicht durchdacht; es ist erfunden, aber nicht empfunden.

Dies hier ist tief empfunden, doch weniger durchdacht und schlechter noch gemacht.

Dies Bild ist wohl empfunden und reiflich auch durchdacht doch weniger gut gemacht.

Mit diesem Schema erledigt Friedrich die Fingerkünstler und kalten Vielwisser, die nazarenischen und die klassizistischen Rompilger.

 

 W. Hofmann (Hrsg), CDF- Kunst um 1800, Prestel Verlag,1981

 

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