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Auswirkungen der Fotografie auf die Malerei

Die mediale Revolution, welche die Erfindung der Fotografie auslöste, kann in ihren Folgen kaum überschätzt werden. Denn sie bewirkte, daß die Maler die Kontrolle über die Bildherstellung verloren und an eine Maschine abgeben mußten. Als am Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Offsetdruck auch noch ein Verfahren erfunden wurde, welches die direkte photomechanische Übertragung des fotografischen Bildes auf die Druckplatte erlaubte, schieden die Maler endgültig aus dem Bildherstellungsprozeß aus. Damit verloren sie jedoch nicht nur ihr gesellschaftliches Monopol auf Bildherstellung und Bildreproduktion, sondern letztlich auch ihren Einfluß auf die sich nun in industriellem Maßstab ausbreitende Bilderindustrie ( Hollywood und TV-Channel ). Angesichts der maschinell erzeugten Bilderflut unserer Epoche - Fotografie, Film, Fernsehen, Video etc. - ist es nicht übertrieben zu behaupten, daß die Künstler selbst in ihrer ureigenen Domäne, der Bildproduktion, sowohl quantitativ als auch qualitativ nur noch eine marginale Rolle spielen.

 

Auswirkungen auf die Kunst

Betrachtet man die Reaktionen der Künstler auf die Erfindung der Fotografie, so fällt auf, daß letztere zunächst weitgehend ignoriert wurde. Zwar nutzten manche Künstler des 19. Jahrhunderts das neue Medium als eine Art Zeichenapparat zur Produktion von Malvorlagen, doch blieb die Fotografie dabei auf die Funktion eines technischen Hilfsmittels der Malerei beschränkt. Erst die um 1860 entstehende avantgardistische Bewegung des Impressionismus reagierte indirekt auf das neue Medium. Wie die Fotografen vor Ort fotografierten, so verließen nun auch die Impressionisten das Atelier, um direkt im Freien zu malen. Dabei übernahmen sie in ihren Bildern sowohl die Ausschnitthaftigkeit fotografischer Aufnahmen als auch deren - z.T. banale - Motivik. Zugleich übertrafen sie die Möglichkeiten des neuen, noch schwarzweißen Mediums durch die starke Farbigkeit ihrer Bilder und die geradezu haptische Stofflichkeit ihrer Primamalerei.

Ohne der , bis vor kurzem noch als Heldenepos - einsame Genies erfinden neue künstlerische Ausdrucksformen- erzählten , Entstehungsgeschichte der modernen Kunst im 20. Jahrhundert Gewalt antun zu müssen, läßt sich diese als mehr oder minder unbewußter - Rückzugskampf aus der alltäglichen Bilderwelt schildern.

In dem selben Maße, in dem das apparativ erzeugte und maschinell vervielfältigte Bild die Welt eroberte, gab sich die Kunst fundamentalistisch und primitivistisch - oder anders ausgedrückt: autonom. Auf die Präzision der fotografischen Abbilder reagierten die Impressionisten mit unpräzisen Wiederspiegelungen vermittels grober und unmodulierter Farbklekse. Der möglichst plakative und grobe Umgang mit den künstlerischen Arbeitsmitteln und Materialien entwickelte sich in der Folge zu einem Kennzeichen der Moderne. Den Expressionisten konnten die Farben nicht unge mischt und grell und die Formen nicht holzschnittartig genug sein. Der im Stilvergleich geradezu zivilisiert wirkende Kubismus hatte sich dagegen die Zerstörung der - einst von der Kunst entwickelten und nun von der Fotografie usurpierten - Zentralperspektive zur Aufgabe gesetzt. Die Bildfläche wurde zum Ort der Zerstörung der Abbildlich keit des Bildes. Diesen Prozeß vollendete schließlich Kasimir Malewitsch mit dem Bild >Schwarzes Quadrat<, das nur noch auf sich selbst oder auf das >ganz Andere<verwies.

Der Rückzug aus der entfalteten Bilderproduktion, welchen die Kunst im Namen ihrer >Autonomie< führte, stützte sich - kunsttheoretisch formuliert - auf den alt bekannten Gegensatz von Subjektivität und Objektivität bzw.-ideologisch formuliert auf den Gegensatz von freier Individualität des Menschen contra seelenloser maschineller Reproduktion: Angesichts der technischen Reproduzierbarkeit der Bilder kaprizierte sich die Kunst auf das Individuelle und die Pflege der >Handschrift< im Bild. Damit gelangte - hierauf weist Beat Wyss hin - die Kunst zugleich zu einem stillschweigenden Arrangement mit der Fotografie: »Der handwerklichen Kunst war das Feld schöpferischer Freiheit aus dem Geist des Künstlers überlassen; das technisch erzeugte Bild verfügte dafür über das Gütesiegel unbestechlicher, dokumentarischer Echtheit. Der Künstler brachte die innere Welt aus dem Subjekt hervor: der Fotograf zeigte die äußere Realität durch das Objekt seiner Kamera.«

zitiert aus "Vom Holzschnitt zum Internet" Katalog zur Ausstellung S.46-48

 

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