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 Jugendstil (1895-1915)

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Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts alle historischen Vorlagen verbraucht waren, entstand eine Bewegung, die nach neuen Wegen suchte. Überall in Europa forderte die Jugend, den verfälschten Formen der Vergangenheit eine Kunst entgegenzusetzen, deren Formgesetze der eigenen Zeit entwuchsen. Man fand in Deutschland für die neuen künstlerischen Bestrebungen die Bezeichnung »Jugendstil«. Der Begriff geht auf den Titel der 1896 von Otto Eckmann in München gegründeten Zeitschrift »Die Jugend« zurück.

 Dem neuen Stil war keine lange Dauer beschieden. Sein Ende kam mit dem Ersten Weltkrieg und den sozialen Veränderungen der frühen zwanziger Jahre. Seither pflegt man ihn etwas geringschätzig als eine um 1900 tonangebendekunstgewerbliche Richtung zu betrachten, deren Stilmerkmal aus einem bewegungsvollen, dem Wellenschlag des Wassers und den knorpeligen Formen von Wurzeln nachgebildeten Ornament bestand. Seit der Mitte unseres Jahrhunderts hat sich jedoch die Erkenntnis durchgesetzt, daß diese enge Auffassung der Bedeutung des neuen Stils nicht gerecht wird. Die Wirklichkeit war komplizierter. Das Neue beschränkte sich nicht auf eine modische Stilisierung der Natur, sondern erwuchs dem Umschichtungsprozeß, der sich um 1900 zwischen zwei Generationen vollzog. Man betrachtet heute den Jugendstil als eine selbständige Epoche, die aus dem 19. in das 20. Jahrhundert führte. Die neue Kunstauffassung wurde zum Bekenntnis einer Jugend, die sich gegen das positivistische Zweckdenken der bürgerlichen Ordnung von 1890 erhob. Ziel des Jugendstils (der Begriff im weitesten Sinn verstanden) war die Formung der gesamten Lebensäußerungen. Es ging der um 1860/70 geborenen Generation um nichts geringeres als die Wiederherstellung der seit dem Barock verlorenen »Einheit von Kunst und Leben« und die Wiedervereinigung der Baukunst, Malerei und Plastik zum Gesamtkunstwerk. An der Verwirklichung dieses Programms arbeitete die Jugend in ganz Europa.

Der Jugendstil, der sich in England »Modern Style« oder »Arts and Crafts« nannte, in Frankreich und Belgien »Art Nouveau«, in Holland »Nieuwe Kunst«, in Österreich »Sezession« und in Italien »Stile floreale«, wurde zur europäischen Bewegung.

  

 

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