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 Das 20. Jahrhundert

Der Historiker Eric Hobsbawm nannte das 20 Jahrhundert das Zeitalter der Extreme. In der Tat lagen in keinem Jahrhundert Fortschritt und Regression, Krieg und Frieden, Aufklärung und Barbarei zeitlich und räumlich so eng beieinander wie im 20. Jahrhundert.

Die beiden großen Ideologien des Jahrhunderts, der Faschismus und der Kommunismus, zogen den Menschen in den Bann des Glaubens an die Gestaltbarkeit von Geschichte. Der von Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg und die Ermordung der europäischen Juden stellten einen Zivilisationsbruch dar, der politische Heilsversprechen in der westlichen Welt endgültig desavouierte. Der Kapitalismus gewann schließlich die Systemkonfrontation mit dem Kommunismus.

Kulturell begann eine avantgardistische Kunst und Literatur schon früh damit, das handlungsmächtige, aufgeklärte, bürgerliche Subjekt des 19. Jahrhunderts in seine Bestandteile zu zerlegen. Dank Elektrizität, Schallplatte, Telephon, Fernsehen, PC und Internet, erreicht eine kommerzielle Massenkultur am Ende des Jahrhunderts auch den letzten Winkel der Erde. Seit den Studentenprotesten der sechziger Jahre lösen Lebensentwürfe, die an existentieller Selbsterfahrung orientiert sind, immer stärker die starren Rollenbilder der modernen Industriegesellschaft ab. Die Relativitätstheorie und die Quantentheorie sowie die Entdeckung der DNS waren die zentralen wissenschaftlichen Entdeckungen des Jahrhunderts.

Die Philosophie stellt sich den Umbrüchen der Zeit. Die Gewißheiten von Aufklärung und Positivismus werden in Frage gestellt Mit Leben, Sprache und Gesellschaft treten neue Themen ins Zentrum der philosophischen Betrachtung. Die Sprache wird zum Hauptthema der Philosophie, weil die Einheit der Erfahrung in der Vielfalt der möglichen Perspektiven wenn überhaupt, dann nur in der sprachlichen Verständigung zu finden zu sein scheint. Der Leitbegriff Leben trägt der Erfahrung Rechnung, daß mit der endgültigen Auflösung traditionaler Gemeinschaften auch eine Quelle spontaner Lebensenergie verschüttet wurde. Die Gesellschaft schließlich wird zum Thema, weil die vielfaltige Abhängigkeit jedes einzelnen von der Welt nicht mehr glaubwürdig in theologischen Begriffen beschrieben werden kann.

 

 

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