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FLUXUS ( 1960 - heute )

Ziele | Sinn | Was will Beuys | Michelangelo und Beuys

Die Ziele der Fluxus - Bewegung

Fluxus ist die erste umfassend intermediale Kunstform seit DADA , in der Elemente aus Musik, Theater, Film, Kunst, Literatur und elektronischen Medien (Video!) nicht nur gleichberechtigt genutzt, sondern zu einer neuen, übergreifenden Kunstform entwickelt wurden. Meiner Meinung nach sind die Ziele der Fluxus Bewegung, ein Zusammenspiel zu erreichen, das die Grenzen zwischen den Künsten sowie zwischen den Künstlern und dem Publikum aufhebt. Die Künstler stellten sich nicht in Werken, sondern nur in Aufführungen, Protesten und Ideen dar. Die Werke sind das was als Aktionsrelikte übrig bleibt. Die Bewegung wollte sozial wirken und ihr Ziel war es, die schönen Künste auszulöschen. Das Kunstobjekt als funktionsloser Gegenstand, welcher nur verkauft werden soll, wurde strikt abgelehnt. Die oftmals anarchistischen Aktionen mündeten in dem utopischen Traum, die Kunst zu entkommerzialisieren und sie vor allem auch zu entprofessionalisieren. Die "life performance" sollte im Mittelpunkt stehen, der Zufall sollte regieren, ein Drehbuch für die Aktionen gab es nicht und es regierte das Experiment.

 

Was für eine Sinn macht Fluxus Stück Nr.#6: "Shoes of your choice" von Alison Knowles, 1963 ?

#6-Shoes of Your Choice (March,1963)

A member of the audience is invited to come forward to a microphone if one is available and describe a pair of shoes,the ones he is wearing oranother pair. He is encouraged to tell wehere he got them, the size, color, why he likes tehm, etc.

(Premiered April 6th, 1963 at the Old Gymnasium of Douglass College, Neeew Brunswick, New Jersey)

Die Künstlerin versucht meines Erachtens mit ihrer Veröffentlichung die Menschen dazu anzuregen, über sich und ihren Lebens=Gestaltungszusammenhang nachzudenken. Mit ihrem Fluxus Stück bezieht sie das Publikum direkt ins Geschehen mit ein. Viele Fluxus-Künstler verwendete Knowles bevorzugt gefundene oder zufällig ausgewählte Materialien: "Die Objekte, mit denen ich mich in meiner Arbeit beschäftige, sind auf der Straße gefunden, sehr gewöhnlich oder Gebrauchsgegenstände. Je realer und normaler sie sind, desto interessanter werden sie für mich. Sie bieten Schlüssel zu Realität und sind zur Grundlage meiner Kunst geworden." Nach diesem Zitat findet sie in ihren Gegenständen und Performances den Schlüssel zur Realität.

 

Was will Beuys wohl mit der Aktion "Wie man dem toten Hasen die bilder erklärt" aussagen ?

Ich denke, Beuys bediente sich einer breiten Fülle von teils traditionsverhafteten, teils fürs moderne eintretende Ausdrucksformen, die Urbild, mythische und magisch-religiöse Zusammenhänge mit Hilfe von Gegenbildern neu erlebbar machen. Die Aktion lässt sich verstehen als Konsequenz aus vorausgegangenen ähnlichen "Versuchen am Menschen", die scheiterten. So vermute ich, dass eher der tote Hase die Bedeutung der Kunst begreift, als der sogenannte gesunde Menschenverstand. Der menschliche Betrachter zeigt sich ohne jedes Verständnis, da er schon immer alles verstanden hat, noch bevor er überhaupt richtig hingeschaut hat, d.h. im Wettlauf mit dem Hasen gefällt er sich in der Rolle des Igels. Der Hase ist in der zeitgenössischen Kunst Träger sowohl rein persönlicher, kaum erschließbarer Aussagen als auch sozialkritischer Anklagen oder gesellschaftspolitischer Statements. Der Hase steht meiner Meinung nach für Beuys, als Inbegriff physisch-mentaler Wandlungsfähigkeit und Symbolträger für das Aufweichen jeglicher Starrheit (Gegensatz zu Pieta). In der Analyse der Performance wird die „Selbst" - Darstellung des Künstlers als „rhetorische Figur" vorgestellt. Zugleich wird deutlich gemacht, inwiefern der häufig zu weit gefasste Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler" nicht nur als beschreibende Aussage, sondern als ethischer >Anspruch< gelesen werden kann, der eine Forderung im Sinne des Soll-Sein, damit eine Begrenzung enthält. Dies wird von Joseph Beuys, meiner Meinung nach in der Aktion »Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt« als plastisches Bild formuliert.

 

Was verbindet und was trennt die arbeiten von Michelangelo und Beuys ?

Michelangelo (1475-1564) ist Hauptvertreter der Hochrenaissance und bedeutendster Wegbereiter des Manierismus. Michelangelo repräsentiert das Ideal des selbstgesetzgebenden, kreativen Menschen. Sein Material ist der Marmor, seine Methode ist das Leben in Stein darzustellen und zu konservieren und es dennoch im Auge des Betrachters lebendig zu wähnen.

Sein Werk (Pieta), ist eines der wesentlichen in der Kunstgeschichte und wenige übten einen so nachhaltigen Einfluss auf spätere Generationen aus. Vor allem seine Darstellung des menschlichen Körpers - zB. in der Pieta- wirkte stilprägend auf seine Landsleute Raffael und Tizian sowie die Malerei des Barock und nachfolgender Epochen, weil er es vermochte dem toten Stein Leben einzuhauchen und dem Vorstellungsbild Dauer zu verleihen.

Beuys (1921 - 1986) Performance "Wie man dem toten Hasen die bilder erklärt",wirkt sakral und zugleich unerhört heidnisch.Beuys arbeitet mit dem lebendigen Material . Das war unerhöhrt . Die emotionale Betroffenheit ist größer als bei Michelangelo, um den Preis der Vergänglichkeit des platischen Bildes. Der Hase war für ihn in dieser Situation vermutlich die Verkörperung des Leidenden, des Zusammenhangs von Tod und Wiedergeburt. Die Fluxus-Bewegung, deren Protagonist Beuys war, eine Straßenkunst, deren Wert nur im Moment ihrer Aktion wichtig war und nur in Dokumentationen fortbestehen wollte, spaltete das Publikum in Euphorie und Entrüstung. Beide Arbeiten prägten die Kunstgeschichte erheblich, da ihre Methodik für die Nachfolger verbindlich wurde.

von Marcel Chromik, Jan. 2003

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