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David Lynch (1946
Wohl wegen seiner "unamerikanischen Arroganz" wies man David Lynch, als er Ende der 70er Jahre entdeckt wurde, häufig als Europäer oder zumindest New Yorker aus. Tatsächlich stammt er jedoch aus Missoula, einer Kleinstadt in Montana, und anders als seine Filme vermuten lassen, wuchs er in einer"Bilderbuchfamilie" auf.

Vielleicht war es Langeweile, die Lynch aus diesem Idyll in die Großstadt trieb. Geboren am 20.1.1946, ist es auch der Geist des "eversmiling "Post-Eisenhower-Amerika der50er Jahre, der ihn prägte, und hinter dessen schön gestrichener Fassade er schon immer die Paranoia vermutete: "Es gab eine Menge Anzeigen, in denen man eine gut gekleidete Frau einen"apple pie" aus dem Ofen ziehen sah und so ein bestimmtes Lächeln in ihrem Gesicht, was zu besagen schien: So sollte die Welt sein, oder so könnte sie sein. Damit machten sie mir wirklich verrückte Träume. Ich sehnte mich nun nicht gerade nach einer Katastrophe, aber nach etwas Ungewöhnlichem."

Später zog die Familie Lynch in unterschiedliche Städte in Idaho, Washington, South Carolina und Virginia, bedingt durch den Beruf des Vaters Naturforscher- immer Gegenden mit Landwirtschaft und Wäldern. Zur Erinnerung des Regisseurs an diese Orte gehören Einsamkeit und Verweigerung, er fand sich früh in seine Außenseiterrolle. Auch hatte er Probleme mit der Sprache: Er las wenig, sah noch weniger fern, nur Kafka gefiel ihm. Auch heute noch spricht er wie jemand, der eine Fremdsprache erlernt hat.

Damals entwickelte er seine Vorliebe für die Malerei, später studiert er Kunst an der Corcoran School of Art in Washington. Bis heute hat der Regisseur nebenbei auch weiter als Maler und Fotograf gearbeitet und Musikprojekte entwickelt.

Mitte der 60er Jahre unternahm er mit einem Freund eine Reise nach Europa, um die Kunst in den großen Museen zu studieren, erlitt jedoch einen gewaltigen Kulturschock: In Salzburg dachte Lynch vor allem daran, dass er "7000 Meilen vom nächsten McDonald's entfernt war", und machte sich schon bald wieder auf den Weg in die hass-geliebte Heimat. 1965 ging er an die Pennsylvania Academy of Fine Arts, wo er seine ersten Filmarbeiten realisierte. Dafür erhielt er ein Stipendium des American Film Institute (AFI), wo sein erster Langfilm, der düstere "Eraserhead", entstand - auch ein erster Kulterfolg. Die europäische Kritik betrachtete das Werk als Beispiel einer neuen New Yorker Avantgarde, 1980 wurde der Film auf dem Festival von Avoriaz (Frankreich) ausgezeichnet. Der Erfolg bestärkte Lynch, seinen Weg als Filmemacher weiter zu gehen: Er realisierte in Zusammenarbeit mit Mel Brooks"The Elephant Man" (1980). Der Film, der auf der wahren Geschichte des deformierten John Merrick (John Hurt) im victorianischen Britannien basiert, und als Lynchs"freundlichster Film" gilt, erhielt acht Oscar-Nominierungen, darunter für Drehbuch, Regie, Hauptdarsteller und Bester Film.

"Filmemachen," sagt David Lynch, "muss unter die Haut gehen, sonst macht es keinen Spaß." Und seine Filme begeben sich fast physisch unter die Oberfläche der"Popular Culture" des schönen Amerika - nicht nur, um dahinter das stets lauemde Böse zu entdecken, sondem auch, um aus den Träumen und Alpträumen, die erunszeigt, eine Einsicht in die Struktur der menschlichen Beziehungen zu gewinnen. Wer bin ich? Woher komme ich? Wo ist die Grenze zwischen "Ich" und "Welt'? Die Darstellung von exzessiver Gewalt in seinen Filmen, für die er oft kritisiert wird, ist für ihn ein Mittel, diese Suche nach Identität "körperlich"zu machen. Leben und Gewalt sind, wie er sagt, eine Einheit.

"Dune - Der Wüstenplanet" war David Lynchs erster Farbfilm und für die damalige Zeit ein Mammutprojekt: Beinahe 1700 Menschen waren an der Produktion beteiligt, Lynch selbst war länger als drei Jahre mit dem Film beschäftigt. In der Wüste Mex ikos inszenierte er einen düster-barocken Bilderrausch, offlerend auf Frank Herberts SF-Romanen des "Dune"-Zyklus mit vielfältigen politischen, sozialen und religiösen Anklängen.

"Dune" ist der Wüstenplanet Arrakis, der zur Gewinnung der Droge"Spice" ausgebeutet wird. Spice ist das Lebenselixier, wirkt bewusstseinserweitemd und erlaubt Reisen durch das Universum mittels Gedankenkraft. Dies nutzen vor allem die Gilde der Navigatoren und die das weibliche Prinzip verkörpernde Schwestemschaft der Bene Gesserit. Sie gründen ihre Macht auf das Spice, das ihnen übernatürliche Fähigkeiten verleiht - sie sind es, die als heimliche höchste Instanzen des Imperiums aus dem Hintergrund Intrigen und Kriege zwischen den Regentenhäusern anzetteln, um ihre Herrschaft zu wahren. Der junge Paul Atreides (Kyle Mac Lachlan) wird ihr Gegenspieler- als"Messiasfigur'kämpft er für Freiheit und Gerechtigkeit.

Lüstern-makabre Bilder und Skunilitäten haben ihren Platz in dieser komplizierten Filmerzählung, ebenso wie die an faschistische Inszenierungen ä la Riefenstahl erinnernden Massenszenen, die faszinierend und befremdend zugleich wirken. Der Film prunkt mit phantastischen Einfällen, bizarren Bildern und wunderschön-expressiven Gesichtern wie denen von Siän Phillips als Ehrwürdige Mutter Gaius Mohiam, Max von Sydow als Dr. Kynes und Sting als bösartiger Feyd Rautha.

Auch Lynchs Mystery-Thriller Blue Velvet' (1986) mit Isabella Rossellini, Dennis Hopper und wiederum Kyle MacLachlan, zeigt die dunklen Abgründe hinter einer vermeintlich sauberen und netten US-Kleinstadtfassade, durchdrungen von einer surrealen und mysteriösen Handlung. Wegen seiner angeblichen moralischen und sexuellen Perversionen löste der Film Kontroversen aus, brachte Lynch aber dennoch seine zweite Oscar-Nominierung als Regisseur ein.

 Die mit "Blue Velvet' eingeschlagene Richtung setzt das Melodram "Wild At Heart'(l 990) mit Nicolas Cage und Laura Dem fort, das ein Publikumserfolg wird und die Goldene Palme in Cannes erhält. Dagegen wird "Twin Peaks - Fire Walk with Me" (1992), der die Vorgeschichte zu Lynchs TV-Kultserie "Twin Peaks" (1989) erzählt, ein Misserfolg. Mit "Lost Highway" (1996) steigert er sich weiter in seiner oft schwer verständlichen Mischung aus elegant inszenierten Bildern und unaufschlüsselbaren Handlungszusammenhängen.

 

Eine völlig neue Wendung in Lynchs Arbeit ist "The Straight Story" (1999): Die wahre Geschichte eines alten Mannes, der sich auf seinem Rasenmäher auf eine Reise durch die USA begibt, um sich mit seinem Bruder zu versöhnen. Lynchs erster Film, der ohne jede Sex- oder Gewaltszene auskommt aber nicht ohne seine Beobachtungsgabe für das Besondere und Skurrile.
N.B. in arte TV Magazin Aug.2001

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