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Filmgeschichte
Meilensteine des Films

Vorgeschichte: Der englische Gelehrte Peter M. Roget veröffentlichte 1824 eine Studie, in der er das Phänomen der Trägheit des Auges beschrieb. Er fand heraus, dass das menschliche Auge ein Bild für den Bruchteil einer Sekunde länger speichert, als es tatsächlich vorhanden ist. Angeregt durch Rogets Arbeit wurden verschiedene Methoden zur Untersuchung und Nutzung des Phänomens entwickelt. Um 1830 kam es zur Konstruktion der sogenannten Lebensräder, rotierender Bewegungsphasenbilder von Pferden, Tanzfiguren usw. (J. Plateau, F. Uchatius). Durch die gleichzeitige Entwicklung der Photographie (L. Daguerre) gelangen E. Muybridge photographische Reihenbilder von Tierbewegungen (1878), die von O. Anschütz auf der Basis des Lebensrades zum Tachyskop (Schnellseher) vervollkommnet wurden (1889). Einen entscheidenden Fortschritt leistete Th. A. Edison mit seinem perforierten Filmband (1889), seiner Aufnahmekamera, dem Kinetographen (1891), und einem Betrachtungsgerät (Kinetoskop). Mit dem Kinematographen (kombiniertes Aufnahme- und Vorführgerät) der Gebrüder A. und L. Lumiere konnten Filme in Großprojektion gezeigt werden. Ihre erste öffentl.iche Vorführung am 28. 12.1895 in Paris gilt heute als Geburtsdatum des Films.

Filmgeschichte als Geschichte filmkünstlerischer Stile und Gattungen setzte erst ein, als die Hersteller lernten, über die bloße optische Reproduktion hinaus den dargestellten Gegenstand filmisch zu interpretieren: durch die Wahl des Bildausschnitts und der Aufnahmeperspektive, durch Beleuchtung, Bildschärfe, Bewegung der Objekte und der Kamera, durch den Schnitt. - Die ersten Filme der Stummfilmzeit sind inhaltl. wie formal noch der Schaubodensensation verhaftet.

In den Streifen der Gebrüder Lumiere wird das Wunder der naturalist. Wiedergabe an zahllosen Szenen aus dem Alltagsleben exemplifiziert. Der Franzose G. Melies schuf mit skurrilen Zaubertrickfilmen das Vorbild der filmischen Burleske. Aus den amerikanischen Slapstick-Komödien M. Sennets gingen die Komiker-Stars Ch. Chaplin und B. Keaton hervor. Unter den amerik. Filmpionieren begann D. W. Griffith eine künstlerische Sprache auszubilden. Seine dramaturg. Verwendung der Montage beeinflußte den russischen Revolutionsfilm und wurde durch Regisseure wie S. M. Eisenstein, W. Pudowkin und D. Wertoff zum künstlerisch-agitatorischen Prinzip entwickelt.

 1900-1909:

Nach der Aufführung der ersten bewegten Bilder 1895 verbessern Filmpioniere wie der Berliner Oskar Meßter und der Franzose Georges Melies die Technik. Groß- und Nahaufnahmen sowie Kamerafahrten werden möglich, erste Spezialeffekte überraschen das Publikum.


1910 -1919:

Produzenten, Verleiher und Regisseure wie William Fox Samuel Goldwyn, Carl Laemmle und Adolph Zukor gründen die ersten Studios in einem Vorort von Los Angeles und legen damit den Grundstein für die Traumfabrik Hollywood. Mary Pickford, Gloria Swanson Asta Nielsen und Pola Negri sind die ersten Filmstars.

Nach dem I. Weltkrieg begann in Frankreich eine Blütezeit des filmischen Experiments mit impressionist. Montagen, raffinierten Stimmungsgemälden und tiefenpsychol. Metaphern (A. Gance, M. L'Herbier, L. DeUuc, G. Dulac, J. Epstein). Die spätere Avantgarde tendierte zum Surrealismus (L. ~Bunuel, J. ~Cocteau) und zum 'cinema pur', dem reinen Spiel der Formen (F. Leger, R. ~CIair).

Der dt. Stumm-F. trat nach dem I. Weltkrieg in eine künstlerisch bedeutsame Phase. Neben hist. Ausstattungs-F. (E. ~Lubitsch) dominierte eine vom ~Expressionismus beeinflußte malerisch-architekton. Stilrichtung, die sich vor allem in der Darstellung dämonischer Triebe und Schicksalsmächte manifestierte (C. ~Mayer, F. W. ~Murnau, F. ~Lang). Nach 1924 machte sich eine von der 'Neuen Sachlichkeit' beeinflußte, der Außenwelt zugewandte Tendenz bemerkbar, die sich um eine symbolfreie Darstellung der Realität bemühte (G. W. ~Pabst, W. ~Ruttmann).


1920 -1929:

In Deutschland entstehen Klassiker wie Fritz Langs „Metropolis" oder Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens". Mit Charlie Chaplin, Buster Keaton und Harold Lloyd betreten melancholische Komiker die Leinwand. Douglas Fairbanks und Rudolph Valentino erobern die Herzen der Zuschauerinnen. 1927 kommt der erste Tonfilm „Der Jazzsänger" heraus. 1928 schuf Disney Micky Maus.

Mit dem Aufkommen des Tonfilms gegen Ende der zwanziger Jahre bedurfte es nicht mehr der optischen Hilfsmittel des Stummfilms, um akustische Vorgänge auszudrücken; der Gewinn an Realistik führte oft zu einem Verlust an künstler. Qualität da die Bildsprache vernachlässigt wurde. - Die Weltwirtschaftskrise verstärkte den Trend zu realist. Sehweise. Der frz. Film erreichte in den Werken von J. Vigo, R. Clair, M. Carne und J. Renoir einen neuen Höhepunkt. In England entstand unter der Leitung von J. Grierson eine Dokumentarfilmschule mit dem Ziel, 'das Drama des Alltags' sichtbar zu machen. Auch der amerik. Film brachte einen sozialkritisch orientierten Realismus hervor, der sich in einem neuen Typ des Gangsterfilms ebenso manifestieren konnte wie in satirischen Lustspiel-F. (F. Capra). Daneben entstanden neue Gattungen wie das Musical, der Zeichentrick-F. (W. Disney), der Wild west-F. ( Western).


1930 -1939:

In „Der blaue Engel" (1930) beginnt Marlene Dietrichs Weltkarriere. Die göttliche" Greta Garbo erlebt ihren Durchbruch. 1933 wird der deutsche Film vom NS-Regime „gleichgeschaltet". Das monumentale Kriegsmelodram „Vom Winde verweht wird mit acht Oscars ausgezeichnet und gilt lange als bester Film aller Zeiten.


1940 -1949:

Hollywood erlebt während des Zweiten Weltkriegs eine künstlerische Blütezeit. Die Kommunistenjagd des US-Senators J.R. McCarthy sorgt jedoch nach 1947 für Unruhe unter den Künstlern. In Frankreich rührt Marcel Carnes Meisterwerk „Kinder des Olymp" zu Tränen. Vittorio De Sica prägt mit Filmen wie „Fahrraddiebe" (1948) den Stil des italienischen Neorealismus.

Im Rußland der Stalinära erstarrte die F.-Kunst unter der Doktrin des sozialist. Realismus, in Deutschland und Italien durch den ideolog. Terror des Faschismus. Aus dem Geiste des Widerstands gegen den Faschismus erwuchs um 1945 in Italien der Neorealismus (L. Visconti, R. Rossellini, V. de Sica, C. Zavattini), der ein unverstelltes Bild der alltägl. sozialen Wirklichkeit zu geben suchte und ein kritisches Augenmerk auf die Zeichen gesellschaftl.-polit. Unterdrückung richtete.


1950 -1959:

Akira Kurosawas Filme beeinflussen Regisseure in aller Welt. Eine kurze Nacktszene mit Hildegard Knef macht „Die Sünderin" 1951 zum deutschen Skandalfilm der Nachkriegszeit. Federico Fellini dreht seine poetische Geschichte „La strada" (1954). Zwei von Billy Wilders besten Filme entstehen: „Zeugin der Anklage" mit Marlene Dietrich und „Manche mögen's heiß" mit Marilyn Monroe. In Frankreich wird die „Nouvelle Vague' begründet.

Etwa ab 1950 hatte sich die Filmwirtschaft von den Erschütterungen des Krieges erholt. Eine Ausnahmestellung erlangte in den Jahren 1944-48 der Schweizer F. mit einigen humanitär ausgerichteten Filmen von L.Lindtberg. Trotz verstärkter restaurativer Tendenzen entstanden unter Ausnahmebedingungen oder in kleineren Ländern bed. Werke. Filme von Rang gelangen Regisseuren wie F. ~Fellini, M. Antonioni, P. P. Pasolini, Bernardo Bertolucci (*1941) (Italien), R. Bresson, M. Ophüls, J. Tati (Frkr.), I. Bergman (Schweden), E. Kazan, St. Kubrick (USA), L. Bunnuel.


1960 -1969:

Der erste James-Bond-Film mit Sean Connery „007 jagt Dr. No" prägt ein ganzes Genre. Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" thematisiert die atomare Bedrohung. Kubricks Sciencefiction-Film „2001 - Odyssee im Weltraum" setzt 1968 neue Maßstäbe, während Dennis Hopper mit „Easy Rider" 1969 den Kultfilm der rebellischen Jugend liefert.

In Frkr. entstand aus den Kreisen junger F.-Intellektueller die Neue Welle eine Reihe von F., in denen sich eine betont subjektive und literarisch reflektierte Revolte gegen die Erstarrung des französischen F. in Stilkonventionen ankündigte: F. Truffaut, Claude Chabrol (*1930), L. Malle, J. L. Godard; ähnl. in der BRD der Junge Deutsche F. (V. Schlöndorff, A. KIuge, R. W. Faßbinder). Die Befreiung von Marktzwängen fordert das engl. Free Cinema (R. Reisz, T. Richardson) und das New American Cinema (A. Warhol, G. Markopoulos) mit seinen Untergrund-Film.


1970 -1979:

Clint Eastwood startet als „Dirty Harry" 1971 zu einer erfolgreichen Serie von Action-Spielfilrnen. Francis Ford Coppolas „Der Pate" bricht alle Kassenrekorde. Bernardo Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris", Marco Ferreris „Das große Fressen", Nagisa Oshimas „Im Reich der Sinne" brechen Tabus und werden die Skandalfilme des Jahrzehnts. Autorenfilmer wie Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders und Alexander Kluge beschreiten neue Wege im deutschen Film.


1980 -1989:

Volker Schlöndorffs Literaturverfilmung „Die Blechtrommel" erhält 1980 einen Oscar als beste ausländiäche Produktion des Jahres. Wolfgang Petersen inszeniert „Das Boot", Margarethe von Trotta „Die bleierne Zeit", Wim Wenders seine Meisterwerke „Paris, Texas" und „Der Himmel über Berlin". Hollywood feiert 1997 den 100. Jahrestag seiner ersten Filmproduktion.


1990 -1999:

Die ersten Multiplex-Kinos eröffnen 1991 und bewirken einen Strukturwandel in der Filmtheaterlandschaft. Mit der Komödie „Der bewegte Mann" löst Sönke Wortmann 1994 einen neuen deutschen Filmboom aus. Steven Spielbergs „Jurassic Park" (1993) wird 1998 von James Camerons „Titanic" als kommerziell erfolgreichster Film des Jahrhunderts abgelöst.


2000 - :

Mit "Herr der Ringe" und 3-D Animationsfilmen wie "Monster AG" zeigt der Zeitgeist Hunger nach Märchen.

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