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Picasso`s Aussagen über Kunst (A-Z)

Über Bilder läßt sich nichts sagen, man liebt sie oder verabscheut sie, aber mit Worten lassen sie sich nicht erklären.

Es kommt nicht darauf an, was der Künstler tut, sondern was er ist.(F)

Gott ist ja auch nichts anderes als ein Künstler. Er erfand die Giraffe, den Elefanten und die Katze. Genaugenommen hat er keinen Stil. Er versucht immer neue Dinge.« (S)


Autodidakt

»Angefangen mit van Gogh sind wir alle, so groß wir auch sein mögen, in einem gewissen Maße Autodidakten - man könnte fast sagen, naive Maler. Die Maler leben nicht mehr innerhalb einer Tradition, und so muß jeder von uns alle seine Ausdrucksmöglichkeiten neu erschaffen. Jeder moderne Maler hat das vollkommene Recht, diese Sprache von A bis Z zu erfinden. Kein Kriterium kann a priori auf ihn angewandt werden, weil wir nicht mehr an strenge Maßstäbe glauben. In gewissem Sinn ist das eine Befreiung, aber gleichzeitig ist es eine ungeheure Begrenzung, denn wenn die Individualität des Künstlers beginnt, sich auszudrücken, verliert er das, was er an Freiheit gewinnt, an Ordnung. Und wenn du nicht mehr in der Lage bist, dich einer Ordnung zu unterwerfen, dann ist das im Grunde ein gefährlicher Nachteil.(K)


Bedeutung

Mich interessiert nur, was die Dinge auf meinen Bildern sind, nicht, was sie bedeuten. Wenn man aus bestimmten Dingen auf meinen Gemälden eine bestimmte Bedeutung herausliest, so kann dies völlig zutreffend sein, es ist aber nicht meine Absicht gewesen, diese Bedeutung mitzuteilen . . . Ich male ein Gemälde um seiner selbst willen, ich male die Dinge um ihrer selbst willen. Die Bedeutung steckt in meinem Unterbewußtsein. . . Es gibt keine bewußt propagandistische Absicht in meiner Malerei. . . außer im Guernica (G)


Bilder

Ein Bild ist nicht von vornherein fertig ausgedacht und festgelegt. Während man daran arbeitet, verändert es sich im gleichen Maße wie die Gedanken. Und wenn es fertig ist, verändert es sich immer weiter, entsprechend der jeweiligen Gemütsverfassung desjenigen, der es gerade betrachtet. Ein Bild lebt sein eigenes Leben wie ein lebendiges Geschöpf, und es unterliegt den gleichen Veränderungen, denen wir im alltäglichen Leben unterworfen sind. Das ist ganz natürlich, da das Bild nur Leben hat durch den Menschen, der es betrachtet. (L)


Energie

Alle Menschen haben das gleiche Potential an Energie. Der Durchschnittsmensch verschwendet die seine in einem Dutzend Kleinigkeiten. Ich verschwende die meine auf eine einzige Sache: meine Malerei. (K)


Erfolg

Erfolg ist etwas sehr Wichtiges! Man hat oft gesagt, daß der Künstler für sich selbst, sozusagen »aus Liebe zur Kunst«, arbeiten und den Erfolg verachten soll. Das ist falsch! Ein Künstler braucht Erfolg. Und nicht nur, um davon zu leben, sondern vor allem, um sein Werk schaffen zu können. Sogar ein reicher Maler braucht Erfolg. Nur wenige Leute verstehen etwas von Kunst, und Sinn für Malerei ist nicht allen gegeben. Die meisten beurteilen Kunst nach dem Erfolg. Warum also den Erfolg »Erfolgsmalern« überlassen?Jede Generation hat die ihren . . .

Aber wo steht geschrieben, daß der Erfolg immer nur denen gehören soll, die dem Publikum schmeicheln? Ich habe beweisen wollen, daß man allen und allem zum Trotz Erfolg haben kann, ohne Kompromisse zu machen . . .

Wissen Sie was? Mein Erfolg als junger Maler ist mein Schutzwall gewesen . . .

Die Blaue und die Rosa Periode waren die Paravents, hinter denen ich sicher war . . .

Im Schutze meines Erfolges habe ich tun können, was ich wollte. (E)


Freiheit

Auf die Freiheit muß man sehr achtgeben. In der Malerei wie auch sonst. Was du auch unternimmst, du findest dich mit Ketten beladen. Die Freiheit, etwas nicht zu machen, verlangt, daß man etwas anderes machtverlangt es gebieterisch. Und schon liegst du wieder in Ketten! Das erinnert mich an die Geschichte von Jarry; wenn die Soldaten des Anarchismus exerzieren, wird ihnen befohlen: rechtsum kehrt! Da sie nun Anarchisten sind, machen sie zwangsläufig auf der Stelle linksum kehrt. Beim Malen ist es genauso. Du nimmst die Freiheit und schließt sie mit deiner Idee ein; nur mit ihr und mit keiner anderen. Und schon wieder findest du dich in Ketten. (P)

Es gibt keine abstrakte Kunst. Man muß immer mit etwas anfangen. Nachher kann man alle Spuren der Wirklichkeit entfernen. Dann besteht ohnehin keine Gefahr mehr, weil die Idee des Dinges inzwischen ein unauslöschliches Zeichen hinterlassen hat. Es ist das, was den Künstler ursprünglich in Gang gebracht, seine Ideen angeregt, seine Gefühle in Schwung gebracht hatte. Ideen und Gefühle werden schließlich Gefangene innerhalb seines Bildes sein. Was auch mit ihnen geschehen mag, sie können dem Bild nicht mehr entschlüpfen. Sie bilden ein inniges Ganzes mit ihm, selbst wenn ihr Vorhandensein nicht länger unterscheidbar ist. Ob es dem Menschen paßt oder nicht, er ist das Werkzeug der Natur. Sie zwingt ihm ihren Charakter und ihre Erscheinungsform auf. (Q)

Ich möchte durch das Medium des alltäglichen Gegenstands etwas erzählen: zum Beispiel eine Kasserolle, irgendeine beliebige Kasserolle, wie sie jeder kennt. Für mich ist sie ein Gefäß im metaphorischen Sinn, so wie Christus die Gleichnisse gebraucht hat. Er hatte einen Gedanken. Er formulierte ihn in Gleichnissen, damit dieser Gedanke so vielen Menschen wie irgend möglich verständlich wurde. Genauso benutze ich die Gegenstände. Ich werde zum Beispiel niemals einen Louis-Quinze-Sessel malen. Das ist ein Gegenstand, der bestimmten Menschen vorbehalten ist, aber er ist nicht für jeden. Ich benutze Gegenstände, wie sie jeder besitzen kann, wenigstens theoretisch. Aufjeden Fall verpacke ich in sie meine Gedanken. Sie sind meine Gleichnisse. (K)


Kubismus

Der Kubismus hat plastische Ziele. Wir sehen darin nur ein Mittel, das auszudrücken, was wir mit dem Auge und dem Geist wahrnehmen, unter Ausnützung der ganzen Möglichkeiten, die in den wesenhaften Eigenschaften von Zeichnung und Farbe liegen. Das wurde uns eine Quelle unerwarteter Freuden, eine Quelle der Entdeckungen. (Q)

Als wir den Kubismus erarbeiteten, taten wir es nicht mit Absicht, sondern wir wollten nur ausdrücken, was in uns war. Niemand schrieb uns ein Programm vor, und unsere Freunde, die Dichter, verfolgten aufmerksam unsere Anstrengungen, ohne uns jemals etwas aufzuzwingen. Die heutigen jungen Maler lassen sich oft ein Programm aufzeichnen, und als gute Schüler strengen sie sich an, ihre Aufgabe gut zu erfüllen. (B)


Kunst

Was ist Plastik? Was ist Malerei? Immer klammert man sich an altmodische Ideen, an überlebte Definitionen, als ob es nicht gerade die Aufgabe des Künstlers wäre, neue zu finden... (E)

Kunst ist eine Art Aufruhr. Etwas, das einfach nicht frei sein darf. Kunst und Freiheit muß man wie das Feuer des Prometheus rauben, um sie gegen die bestehende Ordnung anzuwenden. Wenn Kunst einmal offiziell und für jeden greifbar ist, dann entsteht ein neuer Akademismus. (B)

Wir wissen alle, daß Kunst nicht Wahrheit ist. Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt, wenigstens die Wahrheit, die wir als Menschen begreifen können. (L)


Malerei

Zwei Probleme zeigten sich meinem Geist. Ich bemerkte, daß die Malerei einen selbständigen Wert hat, unabhängig von der sachlichen Schilderung der Dinge. Ich fragte mich, ob man nicht die Dinge eher so malen müsse, wie man sie kennt, als wie man sie sieht. Da die Malerei eine ihr eigene Schönheit hat,kann man eine abstrakte Schönheit darstellen, die Malerei ist. (Q)

Die Rolle der Malerei ist für mich nicht, Bewegung darzustellen, noch die Wirklichkeit in Bewegung zu setzen. Meiner Meinung nach soll sie viel eher Bewegung aufhalten.

Um ein Bild zu fixieren, muß man weiter gehen als bis zur Bewegung. Sonst läuft man ewig hinterher.

Erst dann ist für mich eine Wirklichkeit erreicht. (P)

Wir geben der Form und der Farbe die ihnen eigene Bedeutung, soweit wir sie sehen können; in unseren Themen wahren wir die Freude der Entdeckung, das Vergnügen am Unerwarteten; unser Thema an sich muß eine Quelle des Interesses sein. Doch wozu berichten, was wir tun, wenn jeder, der will, es sehen kann? (L)


Metamorphosen

Eines Tages nehme ich einen Fahrradsattel und eine Lenkstange, setze sie aufeinander ich mache einen Stierkopf. Sehr gut. Was ich aber sofort danach hätte tun sollen: den Stierkopf wegwerfen. Ihn auf die Straße, in den Rinnstein, irgendwohin werfen, aber wegwerfen. Dann käme ein Arbeiter vorbei, läse ihn auf und fände, daß man aus diesem Stierkopf vielleicht einen Fahrradsattel und eine Lenkstange machen könnte. Und er tut es. . . Wundervoll wäre das. (P)


Natur

Ein Bild kann ebensogut die Ideen der Dinge darstellen wie ihre äußere Erscheinung, ohne deshalb zu zerfallen. In Wirklichkeit kopiert man nie die Natur, man ahmt sie nicht nach, man bekleidet erfundene Objekte mit einem realistischen Schein. Man soll nicht von der Malerei zur Natur gehen, sondern von der Natur zur Malerei. Es gibt den Maler, der aus der Sonne einen gelben Fleck macht, aber es gibt auch den, der mit Uberlegung und Handwerk aus einem gelben Fleck eine Sonne macht. (Q)

Ich bemühe mich immer um Ähnlichkeit . . . Ein Maler muß die Natur beobachten, darf sie aber nie mit der Malerei verwechseln. Natur ist nur mit Hilfe von Zeichen in Malerei übersetzbar. Aber ein Zeichen erfindet man nicht. Man muß sich intensiv um Ähnlichkeit bemühen, damit sich schließlich die Zeichen

herauskristallisieren. Für mich ist die Surrealität nichts anderes und ist nie etwas anderes gewesen als jene wesenhafte Ähnlichkeit jenseits der Formen und Farben, in denen die Dinge uns erscheinen. (E)

Nicht mehr die Wirklichkeit ist es, die in meine Form eindringen muß. Sonst bin ich wie der Zuckerbäcker, der Backformen benutzt, und backe alle möglichen Kuchen, um sie in meine Backformen zu stopfen. Das ist ein Pfefferkuchen und jenes ein Pistazientörtchen. Und schließlich getraust du dich überhaupt nicht mehr, einen Schritt außerhalb deiner Backformen zu tun. (P)

 

Es ist schön und gut, ein Porträt mit allen Frackknöpfen und sogar mit den Knopflöchern und dem kleinen Reflex auf dem Knopf zu malen. Aber Vorsicht! Es kommt ein Moment, wo die Knöpfe beginnen, einem ins Gesicht zu springen. (P)

Die Wirklichkeit muß durchbohrt werden in jedem Sinne des Wortes. Die Menschen vergessen so gern, daß alles einzigartig ist. Die Natur schafft nie zweimal dasselbe. (L)

Man spricht immer vom Naturalismus als dem Gegensatz zur modernen Malerei. Ich möchte wohl wissen, ob irgendjemand schon einmal ein natürliches Kunstwerk gesehen hat. Natur und Kunst sind verschiedene Dinge, können also nicht das gleiche sein. Durch die Kunst drücken wir unsere Vorstellung von dem aus, was Natur nicht ist. (L)

Man kann nicht gegen die Natur angehen. Sie ist stärker als der stärkste Mann. Es liegt nur in unserem eigensten Interesse, wenn wir uns gut mit ihr stellen! Was sich unser Interesse erzwingt, ist Cezannes Unruhe: sie ist Cezannes Lehre! Und die Qualen van Goghs - sie sind das wahre Drama des Mannes! Alles andere ist Schwindel. (L)


Neuerungen

Wir dürfen keine Scheu davor haben, etwas zu erfinden, was es auch sei. Alles, was in uns existiert, ist Natur. Schließlich sind wir ein Teil der Natur. (L)

 


Schönheit

Akademischer Unterricht »in Schönheit« ist Schwindel. Wir sind beschwindelt worden, und zwar so gut beschwindelt worden, daß wir kaum einen Hauch Wahrheit wiederfinden können. Die Schönheiten des Parthenons, der vielen Venusstatuen, Nymphen und Narzissusgestalten sind ebenso viele Lügen. Kunst ist nicht die Nutzanwendung eines Schönheitskanons, sondern das, was Instinkt und Gehirn über jeden Kanon hinaus fassen können. Wenn wir eine Frau lieben, kommt es uns nicht in den Sinn, vorher ihre Gliedmaßen zu messen. Wir lieben mit unserem Verlangen- obwohl schon alles unternommen worden ist, um auch der Liebe ein Gesetz aufzuzwingen. (F)

Man hat noch nichts Besseres hervorgebracht als die Skulptur der Primitiven. Wem fiele die Präzision der Höhlenzeichnungen nicht auf? Die assyrischen Reliefs bewahren noch die gleiche Reinheit des Ausdrucks. Diese wunderbare Einfachheit ist verlorengegangen, weil der Mensch aufgehört hat, einfach zu sein. Er wollte weiter sehen und verlor die Fähigkeit, das zu begreifen, was er vor Augen hatte. (L)


Zukunft

Alles Neue, alles, was der Mühe wert ist, geschaffen zu werden, kann gar nicht anerkannt werden, denn die Leute haben einfach nicht den Blick für die Zukunft. Also ist dieses Gerede von der Befreiung der Kultur absurd. Man kann Kultur in einem sehr allgemeinen Sinn verteidigen, wenn man damit das Erbe der Vergangenheit meint; doch das Recht auf freien Ausdruck ist etwas, das man sich nimmt, nicht etwas, das einem geschenkt wird; es ist kein Prinzip, von dem man sagen könnte, daß es vorhanden sein müsse. Das einzig Prinzipielle daran ist: Wenn dieses Recht existiert, so existiert es, um gegen die bestehende Ordnung gebraucht zu werden. (T)


Werk

Das Werk, das man malt, ist eine Art, Tagebuch zu führen. (M)

Bilder, ob fertig oder nicht, sind Seiten meines Tagebuchs, und als solche haben sie ihre Bedeutung. Die Zukunft wird die Seiten aussuchen, die sie für wichtig hält. Es ist nicht meine Sache, die Auswahl zu treffen. Ich habe den Eindruck, daß die Zeit immer schneller an mir vorüberzieht. Ich bin wie ein Fluß, der sich weiterwälzt und Bäume mit sich führt, die zu nahe an seinen Ufern wuchsen, oder tote Kälber, die man hineingeworfen hat, oder alle möglichen Mikroben, die in ihm gedeihen. (B)


QuellenVerzeichnis

  • A Galerie Beyeler (Hrsg.) Picasso. Katalog zu den beiden Ausstellungen von November I966 bis Mai I967, anläßlich Picassos 85. Geburtstag. Worte und Gedanken von Pablo Picasso, Vorwort von Alfred H. Barr, jr., Bildkommentare von Roland Penrose. Basel I967/I968
  • B Galerie Beyeler (Hrsg.) Picasso. go Zeichnungen undfarbige Arbeiten. Einleitung von Horst Keller. Basel I97I
  • C Galerie Beyeler (Hrsg.) Picasso 1881-1981. Vorworte von Ernst Beyeler und Reinhold Hohl. Basel I98I
  • D Boeck, Wilhelm und Jaime Sabartes Picasso. Stuttgart I955
  • E Brassai Conversations avec Picasso. Paris I964
  • F Cabiers d'Art Heft 1o/1935. (Picasso im Gespräch mit Christian Zervos, I93S)
  • G Chipp, Herschel B. (Hrsg.) Theories of Modern Art. Berkeley/Los Angeles I968. (Picasso im Gespräch mit Jerome Seckler, I945)
  • H Dufour, Pierre Picasso I950- -1968. Genf I969
  • I Georges-Michel, Michel Künstler, die ich kannte. Von Renoir bis Picasso. Mainz/Berlin I965
  • K Gilot, Fran,coise und Carlton Lake Life with Picasso. New York I964, dt. Leben mit Picasso (detebe 2 I 5 84)
  • L Haase, Josef (Hrsg.) Worte des Malers Pablo Picasso. Nachwort von Apollinaire. Zürich I970
  • M L'Intransigeant. Paris I5. 6. I932. (Picasso im Gespräch mit E. Teriade, 1932)
  • N Lettres Francaises. Paris 24. 3. I945. (Niederschrift Picassos für Simone Tery)
  • P Parmelin, Helene Picasso dit. . . Paris I966
  • Q Picasso, Pablo Wort und Bekenntnis. Diegesamten Zeugnisse und Dichtungen. Zürich I954
  • R Rubinstein, Arthur Mein glückliches Leben. Frankfurt/Main I980
  • S Stern, Hamburg 22. IO. I98I (Emanuel Eckardt Picasso - der Mann, den die Frauen liebten)
  • T Süddeutsche Zeitung, München I4. 4. I973
  • U Wiegand, Wilfried Pablo Picasso in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek I973

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