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Expressionismus (etwa 1900- 1920)

Neben dem Kubismus gibt es zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine zweite epochemachende Kunstrichtung: den Expressionismus, der an den Symbolismus anknüpft. Die Expressionisten wollen vor allem seelischen Ausdruck (expression) erreichen. Es geht ihnen dabei jedoch nicht so sehr um eine äußerliche Schilderung von Gemütsbewegungen, als vielmehr um den unmittelbaren Ausdruck ihrer eigenen Gemütsverfassung.

In Deutschland ist um 1900 die junge Generation von einem allgemeinen Sendungsbewußtsein erfüllt. Mit der etwa gleichzeitig einsetzenden Jugendbewegung teilen die Künstler den Hang zur Gruppenbildung; sie finden sich in den Künstlergemeinschaften »Die Brücke« (gegr. 1905) und »Der Blaue Reiter« (gegr. 1911) zusammen. Die Maler versuchen, ihre leidenschaftlichen elementaren Erlebnisse unmittelbar ins Bild umzusetzen.

Obwohl die französischen Expressionisten die traditionelle bildnerische Geschlossenheit im wesentlichen wahren, wirken ihre Arbeiten doch so schockierend auf die Zeitgenossen, daß sie »les Fauves«, die Wilden, genannt werden, um ihre scheinbare Zügellosigkeit zu bezeichnen.

Text II

Kennzeichnend ist die Darstellung innerer Wirklichkeitserlebnisse. Psych. Impulse, Affekte, Befindlichkeiten u.a. werden durch eine großflächige, scharf konturierte Formsprache mit starken Farb- und Proportionskontrasten verdeutlicht. Zur Steigerung des Ausdrucks wurde neben der Flächigkeit das Mittel der Deformation eingesetzt. Als Wegbereiter gelten u.a. P.Gauguin, V.van Gogh, F.Hodler, J.Ensor und H.de Toulouse-Lautrec. In Dtl. ist der Beginn des Expressionismus 1905 mit der Gründung der Brücke anzusetzen, der neben den Gründungsmitgl. E.L. Kirchner, E.Heckel und K.Schmidt-Rottluff auch M.Pechstein, O.Mueller und (kurzzeitig) E.Nolde angehörten. Auch frühe Werke von Künstlern des BlauenReiters in München zählen zum Expressionismus Ein weiteres Zentrum wurde Berlin durch die 1910 von H.Walden gegr. Ztschr. »Sturm« und die gleichnamigen Ausstellungen, aber auch durch den Zuzug der Brückekünstler aus Dresden (1910). Eine eigene Variante des Expressionismus bildeten die »rhein. Expressionisten« (H.Nauen, H.Campendonk u.a.). Expressionist. Elemente finden sich auch im Werk M.Beckmanns, C.Rohlfs' und PaulaModersohn-Beckers. Eigenständige Formen des Expressionismus entwickelten sich u.a. in Österreich (O.Kokoschka, A.Kubin, E.Schiele) und Belgien (C.Permeke, G.de Smet). Als frz. Parallele zum dt. Expressionismus kann der Fauvismus betrachtet werden; außerdem finden sich u.a. im Werk der Franzosen G.Rouault und C.Soutine expressionist. Züge. In der Bildhauerkunst traten v.a. W.Lehmbruck und E.Barlach hervor. Nach 1945 lebten Elemente des histor. Expressionismus im abstrakten Expressionismus, im Actionpainting, im Tachismus, in der Malerei der Gruppe Cobra oder in der Art brut und bei den Neuen Wilden wieder auf.

 

VINCENT VAN GOGH

Viel leidenschaftlicher bestimmte der Ausdruckswert der Farbe die Malerei des Holländers VINCENT VAN GOGH (18531890). Sie ist ihm Mittel, seiner persönlichen Weltsicht Ausdruck zu verleihen. Religiöses Verlangen führte den jungen van Gogh als Gehilfen eines Methodistenpredigers zu den Bergarbeitern der Borinage, doch scheiterte er an seiner seelischen Überempfindlichkeit. In der Malerei fand er Erfüllung: Seine ersten Zeichnungen von Bergleuten und Grubenarbeiterfrauen sind in ihren dunklen Tönen Bekenntnisse zum Mitmenschen. Von seinem Bruder Theo nach Paris eingeladen, lernte er die helle Palette der Impressionisten kennen. Der Umgang mit Gauguin bestärkte ihn jedoch in der Auffassung, daß der Impressionismus nichts Endgültiges sein könne. Im Winter 1888 begab er sich nach Südfrankreich, wo er wenige Monate später in Arles die Wunder des südlichen Lichts erlebte. Wie im Fieber drückte er die Farben unmittelbar auf die Leinwand und malte flammende Kornfelder, züngelnde Zypressen und leuchtende Sonnenblumen. »Ich habe Augenblicke, in denen die Begeisterung bis zum Wahnsinn oder der Prophetie gesteigert ist.« Uber zeitweilige Bewußtseinsstörungen half ihm die Ruhe im Sanatorium Saint-Remy hinweg. Sie gab ihm die Kraft, neue mächtige Landschaften mit kreisenden Gestirnen zu schaffen. In diesem letzten Sommer seines Lebens schuf er aufwühlende Bildnisse der ihm Nahestehenden und visionäre Landschaften wie das glühende Bild der Kirche von Auvers. Übermäßiges Rauchen, Exezze mit Absinth und eine ihn immer stärker erfüllende Ekstase die zur Selbstvernichtung führt. Als sozial und in seiner Maleri nicht anerkannt -und sein Leben war sein Leben ganz und gar an die Malerei gebunden- begeht er Selbstmord, indem er sich erschießt.

Die Leidenschaft des Ausdrucks, das Expressive, prägt van Goghs sonnentrunkene Malerei. Wie Cezanne hat auch er einen Weg ins 20. Jahrhundert freigelegt. Beide haben das künstlerische Weltbegreifen in neue Bahnen gelenkt: »Cezanne mit den Kräften, die er im Innern der Natur zu ahnen glaubte, van Gogh mit den Erregungsstößen, die aus dem Innern des Menschen kommen und in das All greifen« (Werner Hofmann).

VINCENT VAN GOGH bewahrt die Leuchtkraft reiner Farben. Gelegentlich drückt er die Farben unmittelbar aus der Tube auf die Leinwand. In seinen letzten Jahren schafft er vor allem Landschaften von leidenschaftlicher Erregtheit. Die pastos stark rhythmisiert aufgetragenen Farben scheinen die Gegenstände in kreisende, lodernde, wogende Bewegung zu versetzen. »Ich liebe die Natur, die fast brennt«.

EMlL NOLDE

(eigentlich Hansen, 18671956) zog sich nach kurzer Berührung mit der »Brücke« in die Einsamkeit des deutsch-dänischen Grenzlandes, dem er entstammt, zurück. Sein künstlerisches Ziel war die »absolute Ursprünglichkeit«, zu der ihn die einfache Formensprache der Naturvölker hinführen sollte. In den menschenleeren Weiten seiner Landschaften und Meeresküsten wollte er das Urgeheimnis der Schöpfung sprechen lassen (Farbtafel 71). Sein Drang, die Welt zu deuten, stellte ihn vor das Wagnis, die Botschaft des Neuen Testaments mit der heftigen expressionistischen Pinselschrift zu verkünden. Sein künstlerisches Mittel war eine ungewöhnliche Farbgebung, die grell leuchtend oder dunkel glühend den seelischen Ausdruck zum heftigen Ausbruch steigerte.

Charakteristik. Die Expressionisten wollen ihrem inneren Erlebnis unmittelbaren Ausdruck geben, wobei der sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit nur noch eine anregende Aufgabe zukommt. Empfindungen und Augenblickszustände des Malers, etwa Enttäuschung, Überraschung, Müdigkeit oder Last der Mittagshitze, drücken sich im Bild aus. Kennzeichnend sind einfache, grobe Formen und Umrisse. Großflächige, ungebrochene und unvermittelt gesetzte Farbe wirkt nicht selten wie ein »Schlag ins Gesicht«. Farbe und Form steigern sich gegenseitig; sie werden aus dem sich unmittelbar ausdrückenden Empfinden in spontaner Pinselführung geschaffen. Die Kunst der Naturvölker Afrikas und Ozeaniens dient den Expressionisten wegen ihrer farbigen und formalen Einfachheit als Vorbild.

Themen und Bildgattungen. Landschaft (unberührte Natur wie Moor und Küste, auch in Verbindung mit einfacher menschlicher Lebensform). Meeresbilder mit Schiffen. Interieur,Stilleben. Figur. Porträt. Akt.

Material, Herstellung, Technik. Ölbild (zum Teil »schlampig« gemalt, da eine komplizierte Technik dem spontanen Ausdruck hinderlich ist). Tuschzeichnung. Plakat. Aquarell. Linolschnitt. Holzschnitt, dessen Materialcharakter (Maserung, Astlöcher u.dgl.) in die Gestaltung mit einbezogen wird.

Maler

Frankreich

VINCENT VAN GOGH (1853-1890)

HENRY MATISSE (1869- 1954) bevorzugt Formvereinfachung und großflächige Einfarbigkeit. Der Zusammenhalt der Farbflächen wird durch Arabesken gewahrt, die Details zur Geltung bringen.

GEORGES ROUAULT (1871-1958). Der gelernte Glasmaler rechtfertigt seine glühenden Farben und starken Konturen mit den Worten: »Die subjektiven Künstler sind einäugig, die objektiven aber sind blind.«

England

FRANCIS BACON (1909-1992?) 

Norwegen

EDVARD MUNCH (1863-1944) ist ein Künstler des Ubergangs, der Stilelemente des Symbolismus, Jugendstils und Expressionismus' verbindet. Konturen* schwingen häufig durch Linienwiederholungen zum Bildrand aus. Themen: Angst, Krankheit, Liebe, Eifersucht.

Deutschland

MAX BECKMANN (1884-1950). Seine seherischgleichnishaften Bilder haben das Ausgeliefertsein des Menschen an die rohen und zerstörerischen Gewalten seiner Zeit zum Thema.

Die Künstlervereinigung DIE BRÜCKE wird 1905 von vier Architekturstudenten in Dresden gegründet. Weitere Künstler schließen sich an. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Graphik, besonders der Holzschnitt. Die bedeutendsten Künstler sind: EMIL NOLDE (1867-1956), OTTO MUELLER (1874-1930), ERNST LUDW1G KIRCHNER (1880-1938), MAX PECHSTEIN (1881-1955), ERICH HECKEL (1883-1970) und KARL ScHMIDT-ROTTLUFF (1884-1976).

JUNGE WILDE (1980-1986):FETTING, DAHN , DOKOUPIL,

Literatur:
EXPRESSIV ! , Hatje Cantz Verlag

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kunstwissen.de

 
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