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Die Natur und ihre Abstraktion in der Kunst
 

Der naive Betrachter bedenkt nicht, daß ein Bild - auch eine Photograhie- ein in die Fläche umgesetztes, reduziertes Abbild der Natur ist und damit nur eine künstliche Realität erzeugt. Die optische Realität wird vorgespielt. Das Bild besteht ja aus anders geartetem Material als die Wirklichkeit, trägt zudem Werkzeugspuren und Persönlichkeitsmerkmale des Herstellers/ Künstlers (einmalige Farb-, Form- und kompositorische Eigentümlichkeiten).1919 hängte der russische Maler MALEWITSCH ein leeres Bild in eine Ausstellung. Er zeigt damit, daß die Bildfläche die wichtigste Voraussetzung der Malerei ist.

Nicht alles in der Natur kann zugleich wahrgenommen und dargestellt werden. Vergegenwärtigen wir uns beispielsweise eine Landschaft. Sie erscheint zu jeder Tageszeit und für jeden Betrachter anders. Jeder Sonnenstrahl, jede trübende Wolke gibt ein neues Erscheinungsbild, die Farben werden heller, dunkler. Bei trübem oder dunstigem Wetter, bzw. gegen Abend werden die Umrisse undeutlicher, verschwimmen die Gegenstände.

Abgesehen davon, daß sich die Natur selbst ständig ändert, nimmt sie auch jeder Mensch unterschiedlich wahr. Wir übertragen Gefühle auf sie: Bei stürmischem Herbstwetter kann ein Wald auf den einen unheimlich düster, beängstigend wirken, auf den anderen anregend, aufmunternd.

Von den vielfältigen Erscheinungen der Natur hebt der Künstler, der diese nicht vollkommen erfassen kann und auch nicht will, nur das ihm Wesentliche hervor. Er filtert vor allem die Merkmale der Natur heraus, die ihn besonders reizen und die seine Phantasie in eine Bildidee umzusetzen vermag. Er darf nie außer acht lassen, daß im Bild eine Felsenhöhle flächig, ein fahrendes Auto bewegungslos, ein körperhafter Gegenstand ungreifbar ist. Wasser, Luft" und Wolken sind im Bild fester Farbstoff. Der Gegenstand der Natur lebt im Bild allein in Farbe und Form.

Für den Abstraktionsgrad des Naturvorbilds gibt es eine große Spannbreite. Das Bild verzichtet auf viele Dimensionen die den Gegenständen in der Natur innewohnen zB.Ton, Größe . Es hängt von der Offenheit des Betrachters, seiner Auffassungsgabe, Phantasie und seinem Interesse ab, ob er die Bildidee zu verstehen und anzuerkennen vermag. Nur wenn er sein Augenmerk auf die Gesamtheit des Bildes richtet und begreift, daß das Gegenständlich-Abbildhafte lediglich ein Teil der Absicht des Künstlers ist, wird er das künstlerische Werk verstehen.

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