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Künstler und Kunstbetrieb

Auszüge aus dem Vortrag >Jung sterben- der Kunstbetrieb< von Bogomir Ecker anlässlich des Symposions „Blindflug - wohin steuert der Kunstbetrieb", Kunstverein Hannover, April 2002 und, in leicht veränderter Form, anlässlich der Begrüßung der neu immatrikulierten Studenten an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (www.hbk-bs.de) im Oktober 2002. Erstveröffentlichung: Mitgliederzeitschrift Kunstverein Hannover, Jahresheft 2002/2003 und „Die blaue Reihe", HbK Braunschweig, 2002

"Der symptomatische Statuswechsel des erfolgreichen Künstlers vom Genie zum Star zeigt einen kompletten gesellschaftlichen Bedeutungs- und Funktionswechsel, wie er sich im Kunstbetrieb abzeichnet. War der Begriff des Genies, also eines erhabenen gottähnlichen Wesens, für jeden aufgeklärten und klar denken den Menschen schon eine ziemliche Zumutung, über die man allerdings mit einer gewissen Sympathie lächeln konnte, so ist die gesellschaftliche Zuordnung des Künstlers zum glitzernden Star atemberaubend blödsinnig und in der Konsequenz äußerst kunstfeindlich und ordinär, da die Kunst selbst zweitrangig wird. Sie wird zum „konservation-piece" degradiert, und das geschwätzige Reden darüber sowie die Vermarktung nach Möglichkeit in alle Nischen des Life-Style wird die eigentliche Arbeit. Die hippesten Ausstellungen der Neunziger Jahre waren Kunst + Mode, Kunst + Design, Kunst + Werbung, Kunst + Boulevard, Kunst + Sensationen, Kunst + Wirtschaft - man könnte es auch fortsetzen mit Ausstellungen wie „The Art of Motorcycles" oder „The Art and Mythos of Mercedes" oder „Let's have a party" oder „That's entertainment" oder eine Ausstellung mit dem Titel „Talk-Show".

Wenn dann einige Schlau-Meier diese reine Spiegelung dessen, was ge schieht, d.h. eine Art tautologisches Verhalten, dann auch noch als vermeintliche Kritik an einer Gesellschaft ausgeben, dann sind dies Taschenspielertricks, über die sich nur der Getäuschte wundert. Anpassung und tautologisches Verhalten werden hier belohnt, allerdings scheint mir der Zenit dieses Verfahrens erreicht. Die Gewöhnung an die Formen der Banalisierung ist unzweifelhaft ein Anpassungsreflex an die Massenkultur, der Zerstreuungsindustrie, es ist eine anbiedern de Verbeugung vor den Massen. Der Künstler als Star will vor allem geliebt werden. Das ist der Reflex des Darstellers. Es geht somit um die exzellente Darstel lung und nicht unbedingt um das Authentische der Dinge. Auf diese Weise findet eine eigenartig überhöhte und überholte Realismus-Debatte statt. Andererseits ist es aber auch der Reflex des „Kinderzimmers", der von der Autorität, den Eltern geliebt werden will. Nur so lässt sich für mich eine große Anpassungstendenz in der Kunst erklären, deren Interesse mehr jene Anpassung ist und weniger die Formulierung von Differenzen.

Die Massenkultur, dieser misslungen geklonte fette Zwilling der bildenden Künste, nimmt aber immer mehr Raum ein, verstellt Situationen, beschleunigt und verspricht alles mögliche. Wir, die bildenden Künstler, sind nicht mehr alleine wievielleicht noch vor 200 Jahren mit dem Entwurf von Bildern einer Gesellschaft beschäftigt. Darüber gibt es nichts zu jammern. Es existieren diese beiden Klassen einer visuellen Kultur. Dieser Tatbestand, diese Bilderflut vom Internet über alle möglichen täglich millionenhaft erzeugten Photographien, bringt eine vollkom men andere Lage, auch für die Museen und Kunstvereine: die Wahrnehmung von Bildern, das Fressen der Bilder hat sich stark verändert und wird sich noch radikaler verändern.

Im Grunde genommen sind sie erbitterte Gegner. Wir, die Künstler, aber natürlich auch die Kunsthistoriker und Kuratoren sind mit der Erstellung von Bedeutung beschäftigt. So ist es möglich, etwas zunächst vollkommen Unbedeutendem, vielleicht Alltäglichem eine Bedeutung zu geben. Das ist die Aufgabe der Kunst; um dies aber zu tun, muss man hin und wieder dem Zeitgeist der Gesellschaft den Krieg erklären. Die Bedeutungs- und Definitionsmacht der Künstler ist aber zunächst rein immaterieller, geistiger Natur. Dieser Zustand, der so lange wie möglich gehalten werden muss, kann aber niemals repräsentativen Charakter haben. So sehe ich die Definition der Kunst auch eher als eine Art Grundlagenforschung. Ich vermute im Übrigen, dass Kunst schon immer so etwas wie Grundlagenforschung war, die vielleicht früher oder später eine Vermarktung erfährt."

 

kunstwissen.de

 
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