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Ist Kunst lernbar?

 

Die spezifische kunstfertige Handwerklichkeit des Künstlers ging mit dem Heraufziehen der industriellen Welt zu Beginn unseres Jahrhunderts zu Ende. Seitdem sich Künstler nicht mehr an der optischen Sichtbarkeit ausrichten, ist das akademische Schulsystem zusammengebrochen. Kunst von handwerklichem Können herzuleiten ist jetzt ungültig.

 

Damit bleibt nur der Anspruch des Künstlers übrig, aus Gründen seiner Natur als Künstler zu gestalten. "Jeder Mensch ist ein Künstler" sagte mein Lehrer Joseph Beuys und ich muß ergänzen, wenn der Mensch sich dieses Recht auch herausnimmt. Der Künstler kann auf zu Lernendes verzichten, da er ohne Begriff und ohne Methode sein Material zu einer höheren Bedeutsamkeit bildet. Dabei gründet er seine Gestaltung auf seine natürliche Intuition.

 

Diese Zusammenhänge hatte schon Immanuel Kant angesprochen :

„Man sieht hieraus, daß Genie 1) ein Talent sei, dasjenige, wozu sich keine bestimmte Regel geben läßt, hervorzubringen: nicht Geschicklichkeitsanlage zu dem, was nach irgend einer Regel gelernt werden kann; folglich daß Originalität seine erste Eigenschaft sein müsse. 2) Daß, da es auch originalen Unsinn geben kann, seine Produkte zugleich Muster, d.i. exemplarisch sein müssen; mithin, selbst nicht durch Nachahmung entsprungen, anderen doch dazu, d.i. zum Richtmaße oder Regel der Beurteilung, dienen müssen. 3) Daß es, wie es sein Produkt zu Stande bringe, selbst nicht beschreiben, oder wissenschaftlich anzeigen könne, sondern daß es als Natur die Regel gebe" (Kant: Kritik der Urteilskraft, § 46. Schöne Kunst ist Kunst des Genies).

 

Im Gegensatz zum professionellen Fachmann - eine Position, die dem Verdacht der Fachidiotie, des mangelnden Überblicks ausgesetzt ist - ist der Künstler als Dilettant ein Generalist, der aus sich heraus und ohne geschules Können agiert, der besser Bescheid weiß als der Fachmann.

Kunst zeigt sich als ein Können, das nicht aus Wissen, sondern aus natürlicher Produktivität schöpferisch erzeugt wird. Denn anstelle von gelerntem Wissen erzeugt der Künstler „ Einfälle". Er schöpft nicht aus Gelerntem, er provoziert „ Ideen"

Für die Fachschaft Kunst, Klaus Tesching

kunstwissen.de

 
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