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Meinungen1.Wahrheitsfunktion / 2. zur Manipulation des Betrachters durch das Fernsehen / 3. über Realty-TV und Spielshows
>>Fernsehen ist in der Regel ein Medium der Wahrheit und der Wirklichkeit, weit weniger ein Mittler der Lüge und der Manipulation. Das liegt an der Eigenheit des Programm-Mosaiks, an der Echtzeit konkurrierender Nachrichten-Übermittlung und der unmittelbaren Bildwirkung. Begriffe wie »Authentizität« oder >Echte-Leute-Fernsehen« mögen von trendversessenen Senderchefs bis zur Unkenntlichkeit überstrapaziert worden sein, sie beschreiben aber die Potenz des Mediums, Formen der Wirklichkeit, vergangene, gegenwärtige, zukünftige, mit einem großen Publikum durchzuspielen. Die Zuschauer sind Voyeure (was auch sonst?), sind sensationslüstern und dann wieder auf der Suche nach dem großen Gefühl oder dem Sedativ, aber sie lassen sich über einen längeren Zeitraum nicht langweilen oder von rein kommerziellen Interessen übertölpeln.<<
>>Erzeugen und vermitteln Bilder nur platte Eindeutigkeiten? Oder steckt nicht auch in ihnen auch in den schauspielerisch besetzten, auch in den durch Landschaft und Innenraum begrenzten Bildern - die Kraft und die Fähigkeit, im Betrachter eine Kette eigener Bilder auszulösen?
Wäre es nicht so, wäre es anders, dann wäre jede Bilderkunst nur ein Grabmal der interpretatorischen Freiheit; dann wären die Träume, die Filme in uns auslösen, wären die Mythen, die mit ihnen entstehen, nichts als eindlimensionale Muster. Jegliche Erfahrung spricht noch gegen diese düstere Vorstellung. Aber genau diese Erfahrung muss jeden Versuch abwehren, die Bilderwelt selbst einzuengen: eben auf immer weniger Muster, auf dürre Standards der Formeln oder auf das allzuleichtgängige, weil jederzeit für jedermann Eingängige.
Zu akzeptieren allerdings ist - bei aller notwendigen Forderung, diese kulturellen Freiheits- und Vielfaltsräume zu sichern und womöglich zu erweitern - das Prinzip der Gleichzeitigkeit. Das Exklusive ist ohne die Nachbarschaft des Banalen nicht zu haben. Das Gewöhnliche, vulgo: auch das Ordinäre lässt sich nicht systematisch ausgrenzen.<<
>>Längst haben sich »Echte-Leute-Fernsehen« und Quiz-Shows zu einer Sintflut ergänzt, die ganze Programminseln mit sich zu reißen droht. Denn mögen Kopien und Originale von Quiz und Reality-TV auch suggerieren, dass die Gewinne nie so hoch waren, die Zuschauer und Kandidaten ihren Sendern nie so teuer, ist doch das Gegenteil der Fall, und die Konsequenzen für die Fernschlandschaft sind unübersehbar. Der Reiz der Formate liegt darin, dass sie zu Spottpreisen zu haben sind. Die Ratespiele werden in mehreren Teilen täglich en bloc produziert, und gegen hohe Gewinne sind die Sender versichert. So bezahlt SAT.1 für eine Dreiviertelstunde »Quiz Show« nur hunderttausend Mark und unterbietet damit sogar die versteckten Kameras im Duschkopf von »Big Brother«. Nur die Kosten für »Wer wird Millionär?« hütet RTL wie ein Beichtgeheimnis, denn sonst käme heraus, dass der einzige Millionär der Show die Fragen stellt und nicht beantwortet.
Zu Fernsehfilmen oder anspruchsvollen Serien verhalten sich diese Budgets wie der Aldi-Beutel zum Prada-Rucksack. Man muss nicht Ausnahme-Produktionen wie den vor RTL geplanten fünfzehn Millionen Mark teuren Zweiteiler über Sissis kleine Schwester (Arbeitstitel: >Sophia«) heranziehen. Gagen und Action haben die Kosten für einen Fernsehfilm in den letzten zwanzig Jahren verdreifacht. Heute ist auch eine Folge »Bella Block« unter zwei Millionen Mark kaum zu haben. Außer den Rechten für Sportübertragungen kommt das Fernsehen nichts so teuer zu stehen wie Fiktionen. <<