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Richard Serra (1939 - )

Richard Serra wurde am 2. November 1939 in San Francisco geboren. Er ist einer der bedeutendsten lebenden US-amerikanischen Bildhauer. Seine ersten Werke waren vom abstrakten Expressionismus inspiriert. Mitte der 1960er Jahre begann er mit Filmexperimenten und experimentiere mit industriellen Werkstoffen wie Blei und Gummi. Die Materialien werden mit einfachen Eingriffen bearbeitet und in einen Bezug zum Raum gesetzt.Mit der Konstruktionen aus großen Stahlplatten wurde Serra berühmt. Dabei geht es ihm um den direkten Kontakt des Betrachters mit Material, seinem Gewicht und Form. Es geht zudem um die Frage der Balance der Form und der Verortung der Form im Raum,dessen Oberfläche unbehandelt der Korrosion ausgesetzt ist. Die monumentalen großen in sich ruhenden Skulpturen, oft auf ihre Standorte zugeschnitten, betonen das Gewicht und vereinen Schwere und Leichtigkeit.In Serras jüngeren Skulpturen der letzten zehn Jahre ein neuer räumlicher Aspekt, die Auseinandersetzung mit topologischen Konfigurationen und einem topologischen Raumdenken, vorliegt. Der topologische Aspekt in Serras jüngerem Werk ist identifizierbar anhand mehrerer Entwicklungsstränge. Diese umfassen die verstärkte Verwendung von Krümmungen im Formenvokabular des Künstlers, die Bezugnahme auf topologische Figuren (Sphäre, Torus, Möbiusband) und topologische Operationen, sogenannte Homöomorphismen (Falten, Stülpen) sowie die Frage nach der Orientierbarkeit von Räumen und den Kategorien Innen und Außen. Die Wahrnehmung der Skulpturen ist abhängig vom Standpunkt des Betrachters. Die Aufstellungsorte für seine Werke wählt er nach dem dialektischen Prinzip „Versperren und Öffnen zugleich“ aus,darin folgt er seinem Lehrer Josef Albers dem es auch darum ging „neue Wege des Sehens“ aufzuzeigen.

Neben dem Spiel mit wechselnden Perspektiven und deren Wahrnehmung variiert Serra die Themen Schwerkraft und Gleichgewicht als physikalische Problematik von Körper und Raum. Er geht darum wie sich der Körper zu dem ihn umgebenden und durch ihn selbst gebildeten Raum verhält. Begriffe wie Innen und Außen, gefüllter oder leerer Raum werden hinterfragt. Serra lehnt inhaltliche Aspekte, Sinnzuschreibungen an das Material ab.

Richard Serra war Teilnehmer der Documenta 5 (1972) , der Documenta 6 (1977), der Documenta 7 (1982) und der Documenta 8 (1987 ). Er gilt als Vertreter einer prozesshaften Minimal Art.

 

„Im Grunde möchte ich Skulpturen machen, die für eine neue Art von Erfahrung stehen, die Möglichkeiten von Skulptur eröffnen, die es so bislang nicht gab.“, Richard Serra

Richard Serra studierte von 1957 bis 1961 englische Literatur an der University of California, Berkeley und anschließend in Santa Barbara. Er machte seinen Bachelor in Englischer Literatur. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen arbeitete Serra in einem Stahlwerk.Von 1961 bis 1964 absolvierte er ein Kunststudium an der Universität Yale in New Haven. Darauf folgte eine Zusammenarbeit mit Josef Albers an dessen Buch The Interaction of Color als Assistent. Machte in Yale den Abschluss Bachelor of Fine Arts und den Master of Fine Arts.

Anfang der 1960er Jahre beschäftigte Serra sich mit den Medien Film und Video.1964 einjähriges Reisestipendiums der Yale Universität in Paris Er begegnete hier dem US-amerikanischen Musiker und Komponisten Philip Glass. Ende der 60er Jahre entdeckte Serra Blei und Stahl für sein Schaffen. Er goss 1968 die Ecken des New Yorker Whitney-Museums mit geschmolzenem Blei aus, um die erhaltenen Formen anschließend in situ auszustellen.

1966 folgte ein einjähriges Fulbright-Stipendium in Florenz. Im Mai 1966 folgt eine erste Einzelausstellung in der Galeria La Salita in Rom. Es folgten Reisen nach Spanien und Nordafrika. Danach zog Serra nach New York und arbeitete mit Robert Fiore, Steve Reich und Philip Glass, aber auch als Möbelpacker. Es folgten Bekanntschaft mit Carl Andre, Eva Hesse, Robert Smithson und Donald Judd. Eine Reihe von Werken aus Gummi und Neonröhren nannte der >Scatter Pieces<. Bedeutend ist diese Werkgruppe der Splashings oder Castings, in der er durch das Schleudern flüssigen Bleis in einen Winkel zwischen Wand und Boden Formen erstellte.

In den 60gern kam der Minimalismus auf, mit Richard Serra, Robert Smithson, Bruce Nauman , Robert Morris, Eva Hesse,Gary Kuehn, später Donald Judd . Für Serra ging es um eine „Erweiterung des Minimalismus“. Die Materialien wurden einfacher, wie Gummi oder Blei. Serra wa mehr daran interessiert, wie das Material , seine Form und Raumbeherrschung sich auf den Betrachter auswirkt. Wie er damit manipuliert werden konnte. Die Werkgruppe der >Splashings<oder >Castings< führte er 1968 im Castelli Warehouse in New York erstmals aus.1969 war er beteiligt an der Ausstellung von Harald Szeemann in Bern > When attitudes become from< die erstmalig Tendenzen des Minimal und der Concept Art vorstellte.

1968 entstand seine Serie >Hands<. 1968 hatte Serra eine Einzelausstellung in der Galerie Rolf Ricke, Köln. Um 1969 versuchte er eine Analogie zwischen den Schnitten im Film und seinen Skulpturen. In diese Zeit begann auch die Zusammenarbeit mit Leo Castelli. Nachfolgend arbeitete er mit Nancy Holt in >Boomerang (1974)< und mit Joan Jonas ( seiner damaligen Lebensgefährtin), bei deren Performances er häufig mitwirkte.

Nach einem Japanaufenthalt in 1970 beschäftigt er sich mit der Geometrie von Plätzen. In Tokyo entstand das Werk >To Encircle Base Plate Hexagram<, darauf folgte 1972 die >Spoleto-Circles<, ein liegendes Stahlkreis-Objekt und ein in den Boden eingelassener Kreisplan.

Anfang der 1970er Jahre entstand Serras erste begehbaren Großplastiken im öffentlichen Raum die Installation >Circuit<, in denen die Wahrnehmung der Kunst von unmittelbaren, körperlichen sowie auch psychischen Erfahrungen begleitet wird und die auf der documenta 5 1972 in Kassel zu sehen war und sich in der Kunstsammlung der Ruhr-Universität in Bochum befindet.

1974/75 Richard Serra’s >Delineator <, at the MoMA NY. The work consists of two rectangular steel plates, each measuring 10’ x 26’ and weighing in at two and a half tons apiece.One plate lies flat on the floor and the other lies flat against the ceiling, together creating a cruciform that spans the full height of the room and delineates its volume. Serra has cited a longstanding interest in making objects that “reveal the structure and content and character of a space.” Viewers are invited to enter the work and walk, at once, on top of and beneath it; with each step, the relationship between the body, the sculpture and the surrounding environment shifts. In this state of heightened perceptual awareness “you’re forced to acknowledge the space above, below, right, left, north, east, south, west, up, down,” Serra has observed. “All your psychophysical coordinates, your sense of orientation, are called into question immediately.” Serra acknowledges a key inspiration for the work in that of the Russian abstract painter Kazimir Malevich, whose aesthetic theory, known as Suprematism, tested the limits of the possibility of abstraction.

1977 konzipierte er für die Documenta 6 in Kassel das Werk >Terminal<, vier trapezförmige Platten aus COR-TEN-Stahl. Während der documenta war das Werk vor dem Fridericianum, dem zentralen Ausstellungsgebäude, aufgestellt und wurde somit zum „Wahrzeichen“ dieser Documenta.

Anschliessend wurde >Terminal < von der Stadt Bochum für 350.000 DM gekauft und 1979 an einer Kreuzung vor dem Hauptbahnhof Bochum aufgestellt.Begleitet von heftigen Protesten wurde Terminal zum Synonym für aktuelle unverständliche Kunst. Die CDU machte im Landtagswahlkampf eine Kampagne gegen die Aufstellung in Bochum. Der damalige Kandidat Kurt Biedenkopf hielt direkt vor der Plastik eine Rede, in der er deren Abriss ankündigte.

Im selben Jahr erhielt Serra im Rahmen des „Art in Architecture Program“ der U.S. General Services Administration den Auftrag für eine ortsspezifische Skulptur auf dem „Federal Plaza“ in New York. Das Werk >Tilted Arc<, eine 37 Meter lange und 3 Meter hohe etwas geneigte Stahlwand, die sowohl die Sicht und Überquerung des Platzes teilweise blockiert bzw. verhindert, sodass sich vorbeilaufende Menschen damit formal und optisch auseinandersetzen müssen, wurde 1981 fertiggestellt. Insbesondere durch die anwohnende Bevölkerung wurden kontroverse Diskussionen bis hin zu Protestaktionen ausgelöst, was 1989 dazu führte, dass die große Stahlskulptur wieder entfernt werden musste.

1980 >TWU. T.W.U.< (Abkürzung für "Trade Worker Union") steht zwischen den Deichtorhallen."Trutzig, rostig, massiv erhebt sich Richard Serras Turmbau zwischen der östlichen Bahnunterführung des Hamburger Hauptbahnhofes und den beiden Deichtorhallen. Ein spröder und doch faszinierender Koloss aus drei identischen, jeweils 10,97 Meter hohen, 7 Zentimeter dicken und 3,66 Meter breiten Stahlplatten konstruiert"

1981 heiratete er Clara Weyergraf und drehte den Film >Steelmill/Stahlwerk< in der Henrichshütte in Hattingen.

Seit 1986 verwendet Serra für seine Stahlskulpturen überwiegend Grobbleche der AG der Dillinger Hüttenwerke, die teilweise auch in Dillingen zu Skulpturen geformt werden. So war es naheliegend, in Dillingen „einen Serra“ aufzustellen. Als Standort wählte man den Verkehrskreisel am Torhaus der Dillinger Hütte in Richtung Saarlouis.>Viewpoint<, eine Stahlskulptur von 13 Metern Breite, 9 Metern Höhe und 104 Tonnen Gesamtgewicht, wurde am 25. März 2006 der Öffentlichkeit übergeben. Sie besteht aus sechs gebogenen Stahlplatten, wovon jeweils drei Platten aneinandergefügt wurden. Von oben betrachtet bilden die Stahlplatten zwei sich mit etwas Abstand gegenüberstehende Kreisbögen (ähnlich einer öffnenden und einer schließenden Klammer: () ) mit begehbarem Innenraum.

1987 >Trunk - Johann Conrad Schlaun Recomposed<, Erbdrostenhof, Münster .Die zweiteilige Skulptur aus Cortenstahl mißt 4,25x2x5,90 Status: Nach Abbau am 4. Oktober 1987 wurde 1988 ein unglücklicher Standort in St. Gallen gefunden. Johann Conrad Schlaun, Westfalens bedeutendster Barockarchitekt, hatte für das innerstädtische Adelspalais des Erbdrostenhofes wenig Raum zur Prachtentfaltung, die der Auftraggeber dennoch erwartete. Er löste die Aufgabe vor allem dadurch, daß er den ganzen Mittelteil leicht nach innen bog, wodurch aus der zulaufenden Perspektive eines dreieckigen Hofes die Illusion einer Palastfassade mit geschwungenen Flügeln entstand. Dieses Wechselspiel von Kompositionslinien und Proportionsmaßen stellt Serras Plastik auf die geometrisch einfachste Weise dar. Der Bogen entspricht genau dem des Mitteltrakts, nun aber in die Achse gekehrt, und die Höhe reicht genau an die Unterkante der Balkone. Die Zweischaligkeit hebt Schlauns zweites Problem hervor, die Durchdringung von Außen- und Innenraum, von Achsendurchblick und geschlossener Wölbung - aufgefangen wiederum von einem größeren Außenraum, dem Hof mit seinen hohen Gittern.Es ist nicht dieses abstrakte Wechselspiel, was so viele Leserbriefe ausgelöst hat, es ist das Material. 24 Tonnen Stahl, bei aller Eleganz der Form strahlen sie auch eine massive Bedrohung aus.So führen zwei Künstler nicht nur einen Dialog der Formen, sondern auch über Inhalte ihrer Zeit. Und der Stahl setzt Rost an, eine blühende, warme Farbe, die Vergänglichkeit anmahnt. Text von Georg Jappe aus "Rundgang / Guide", Kurzführer 1987

1992 wurde die Skulptur >Torque< auf dem Campus der Universität des Saarlandes in Saarbrücken errichtet.

1993 nahm Serra mit einem Objekt in der Synagoge Stommeln an der jährlich wechselnden Gestaltung der ehemaligen Synagoge teil.

1996 >Dialogue with Johann Conrad Schlaun< Allee von Haus Rüschhaus in Nienberge/ Münster

Anläßlich des Jubiläumjahres zum 300. Geburtstag von Johann Conrad Schlaun (1695-1773) besuchte Richard Serra 1995 Münster, um die noch vorhandenen Bauwerke Schlauns zu besichtigen. Als Standort für sein Projekt "Dialogue with Johann Conrad Schlaun" wählte er das Haus Rüschhaus - ein aus Haupthaus, flankierenden Nebengebäuden und barocken Zier- und Nutzgärten bestehendes Anwesen, das sich aus einer zentralen Symmetrieachse entwickelt. Serra greift mit seiner Skulptur die vorhandenen formalen Bezugspunkte auf, indem er auf der zentralen Achse einen massiven, um 7° dem Hause zugeneigten Kubus aus Cortenstahl plaziert, dessen Maße - 2x1,5x1,5 m - sich auf den zentralen Eingangstorflügel des Hauptgebäudes beziehen.

1996 >Measurements of Time. (Seeing is Believing)<,Hamburger Kunsthalle. Das Werk besteht aus5 Riegeln aus geschüttetem Blei, 0,50 x 4,95 x 11,50 m. Die Arbeit zählt zu der Werkgruppe der „Splashings“ (dt: spritzend) oder „Castings“ (dt: gießend), die in den Jahren 1968-1969 im Castelli Warehouse in New York ihren Ursprung nahm. Die Mehrzahl dieser Werke waren temporäre Installationen. Die Hamburger Arbeit dagegen ist auf Dauer angelegt und zugleich die größte der „Splashings“. Während der achttägigen Werkrealisation wurden über 13 Tonnen Bleischrott eingeschmolzen. Serra schleuderte das glühendheiße Metall mit einer Schöpfkelle an die Kante zwischen Wand und Boden. Beim Abkühlen und Erstarren nahm die Gussmasse sogleich Form an. Vier der nacheinander gegossenen Elemente wurden aus der Raumkante befreit, gekippt und hintereinander in den Raum gerückt. Der fünfte Riegel blieb fest im Winkel von Wand und Boden verankert. Das unverrückbare „Casting“ ist ein Memento der ästhetischen Experimente um 1969. Der Titel wurde vom Künstler am 6.9.1996 festgelegt. Serra benannte im Untertitel die Mitarbeiter, die ihn unterstützt hatten.

1998 entstand mit der >Bramme für das Ruhrgebiet< auf der Halde Schurenbach in Essen eine weitere bekannte Arbeit Serras. Die Bramme ist als Landmarke auf der Spitze einer Bergehalde von weither sichtbar. Sie besteht aus einer 14,5 m hohen, 67 Tonnen schweren Stahlplatte, die sowohl an die Tradition der Stahlproduktion im Ruhrgebiet, als auch an die Zwangsarbeiter, die während des Dritten Reiches die Schurenbachhalde auftürmten, erinnern soll. Die Bramme wurde zum Wahrzeichen des Ruhrgebietes.

2005 entstand die raumgreifende begehbare Installation >The Matter of Time< aus acht gigantischen und tonnenschweren Stahlskulpturen für das Guggenheim Museum Bilbao, bestehend aus begehbaren Spiralen, Ellipsen und Schlangenformen. Das Werk ist einer der größten bildhauerischen Aufträge die bislang in der Geschichte der Moderne für einen konkreten Raum entwickelt wurden.

Eine seiner jüngeren Arbeiten sind die >Blade Runners< in Miami Beach.

2008 zeigte Richard Serra im Grand Palais in Paris, im Zuge der Monumenta 2008, seine eigens hierfür gefertigte Installation >Promenade<. „Eine minimalistische Skulpturenlandschaft aus Stahl, voller Bewegung.“



Für die Hamburger Kunsthalle schleuderte Richard Serra mit einer großen Schöpfkelle, unterstützt durch die genannten Helfer sechzehn Tonnen Blei in die von Fußboden und Rückwand gebildete Raumecke.
Die so entstandene Form wurde nach Erkalten in Längsachse um 135 Grad gekippt und eine über die andere hinweg rechtwinklig zu den begrenzenden Seitenwänden in den Raum bewegt.
Insgesamt produzierte das Team im Verlauf von fünf Tagen fünf solcher Elemente.
Die zuletzt entstandene Form verblieb im Winkel zwischen Wand und Boden. Ihre Vorgänger wurden in der Abfolge ihrer Fertigung hintereinander in den Raum gestaffelt, so daß die am vierten Tag gegossene Form am weitesten vom Ort ihrer Erzeugung entfernt liegt.
Alle mit dem spröden Material und unter den gegebenen Raummaßen denkbaren Bewegungen wurden durchgeführt.

 

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