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Schwitters, Kurt ( 1887-1948 )

 

Kurzbiografie

Am 20. Juni 1887 in Hannover geboren

Studium an der Kunstgewerbeschule Hannover und an der >Königlich Sächsischen Akademie der Künste<in Dresden

1911 erste Ausstellungsbeteiligungen mit naturalistischen Arbeiten im Kunstverein Hannover

1915 Heirat mit Helma Fischer

1917/18 Militärdienst in einer Schreibstube und Werkstattzeichner im Eisenwerk Wülfel

1919 erstes MERZbild und Veröffentlichung des Gedichtes „An Anna Blume"

1922 Teilnahme am Dada-Treffen in Weimar

Seit 1923 Arbeiten am MERZbau, Erscheinen der Publikationsreihe MERZ

1927,1937 Auslandsreisen und Ausstellungsbeteiligungen

1937 Diffamierung seiner Werke in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst", Emigration nach Norwegen

1940 Flucht nach England, Internierung für 17Monate

1943 Zerstörung des Hauses und des MERZbaus in Hannover

Am 8. Januar 1948 stirbt Kurt Schwitters in Ambleside, GB.


„Schwitters ist der verkannteste Künstler unseres Jahrhunderts mit Sicherheit. Selbst in Deutschland ist seine wahre Größe gar nicht bewusst." (Per Kirkeby, 1994)


„Welch ein Revolutionär! Ihn kann man lieben, was von Revolutionären zu behaupten sonst Hohn und Aberwitz bedeutet. Seine Anna Blume nimmt in unserem Geisterreigen eine Sonderstellung ein. Sie will nichts bedeuten. Sie predigt nichts, sie fordert nichts, sagt nichts. Sie ist. Wer nicht spielen kann, ist ausgeschlossen." (Peter Härtling, 1961)



„Aller Anfang ist MERZ" - Kurt Schwitters ist DADAist.

Kurt Schwitters ist als Dadaist Montagekünstler, aber in der Gruppe ein Einzelgänger. Seine dreidimensionale „begehbare Collage" MERZBAU  ist von besonderer kunstgeschichtlicher Bedeutung.

 DADA war eine nihilistische Weltanschauungsbewegung. In Zürich1916 wurde DADA gegründet und schwappte dann auf Berlin, Köln , Hannover, Paris und New York über. Der Name DADA wurde in Hugo Ball's Cabaret Voltaire, in Zürich, 1916 durch eine Gruppe von Kabarettisten/Künstlern : Emmy Hennings, Richard Hülsenbeck, Marcel Janco, George Janco, Jean Arp, Tristan Tzara gefunden, als sie in einem Französich-Deutschem Wörterbuch nach einem Bühnen-Namen für eine neue Tänzerin suchten . ) Dada formuliert die Haltung der Gruppe für einen anarchischen Neuanfang der Kultur nach dem 1.ten Weltkrieg. Sie formulierten eine antibürgerliche, Antiästhetik, dazu gehörten das Lautgedicht, die Collage, das >ready-made<.

DADA, angesiedelt zwischen sinnlich überraschender Absurdität und konstruktiv klarer Vernunft, hat mit seiner lebensbejahenden Kraft weitreichende Nachfolgen und Denkanstöße in der Kultur und Kunst des 20. Jahrhunderts erbracht.> siehe FLUXUS.Aktuelle Arbeiten zeitgenössischer Künstler, die vor Ort realisiert werden, zeigen den Fortgang der Idee von der Massenkultur.


MERZ ist eine Weltanschauung

„Ich fühlte mich frei und musste meinen Jubel hinausschreien in die Welt. Aus Sparsamkeit nahm ich dazu, was ich fand, denn wir waren ein verarmtes Land. Man kann auch mit Müllabfällen schreien und das tat ich, indem ich sie zusammenleimte und -nagel-te. Ich nannte es MERZ, es war aber mein Gebet über den siegreichen Ausgang des Krieges, denn noch ein-mal hatte der Frieden wieder gesiegt. Kaputt war sowieso alles, und es galt, aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist MERZ. Ich malte, nagelte, klebte, dichtete und erlebte die Welt in Berlin... Es war wie ein Abbild der Revolution in mir, nicht wie sie war, son-dern wie sie hätte sein sollen." (Kurt Schwitters, 1930)

Durch die Verwendung von Reproduktionen berühm-ter Kunstwerke als Collagematerial ironisiert Schwit-ters deren Gehalte, die in der spätbürgerlichen Gesell-schaft oft nur einer trivialisierenden Rezeption ausgesetzt sind.


MERZ ist eine Weltanschauung MERZbau

„Ich werte Sinn gegen Unsinn." Kurt Schwitters „Nun suchte ich, als ich zum ersten Male diese geklebten und genagelten Bilder im Sturm in Berlin ausstell-te, einen Sammelnamen für diese neue Gattung, da ich meine Bilder nicht einreihen konnte in alte Begriffe, wie Expressionismus, Kubismus, Futurismus oder sonst wie. Ich nannte nun alle meine Bilder als Gat-tung nach dem charakteristischen Bild MERZbilder. Später erweiterte ich die Bezeichnung MERZ erst auf meine Dichtung, denn seit 1917 dichte ich, und endlich auf all meine entsprechende Tätigkeit. Jetzt nenne ich mich selbst MERZ."

Auf so genannten MERZabenden trug Kurt Schwitters seine Gedichte und Prosatexte vor. Mit Textformen, Worten, Sprachstrukturen spielte er auf amüsante wie hintersinnige Weise. Auch der Zufall wird nach Merk-würdigkeiten forschend abgeklopft. Berühmt sind die Anna-Blume-Texte und die Ursonate. Anna Blume machte Schwitters berühmt. Anna Blume, die Geliebte seiner „siebenundzwanzig Sinne", ist Schwitters´ bekannteste Erfindung. Es ist ein dadaistisches Nonsensgedicht im Stil hymnischer Liebespoesie. Es bricht in frecher Form mit literari-schen Gepflogenheiten, bildet Paradoxe, verbindet Triviales mit dem Pathos des Verliebtseins. Im Juni 1920 hing das Gedicht groß plakatiert an den hanno-verschen Litfasssäulen und erregte die Gemüter. Hier ein Schwitters-Text zu seinem Heimatort: HANNOVER

Die Hannoveraner sind die Bewohner einer Stadt, einer Großstadt. Hundekrankheiten bekommt der Hannoveraner nie. Hannovers Rathaus gehört den Hannoveranern und das ist doch wohl eine berechtigte Forderung. Der Unterschied zwischen Hannover und Anna Blume ist der, dass man Anna von hinten und vorn lesen kann, Hannover dagegen am besten nur von vorne. Liest man aber Hannover von hinten, so ergibt sich die Zusam-menstellung dreier Worte: „re von nah". Das Wort „re" kann man verschieden überset-zen: „rückwärts" oder „zurück". Ich schlage die Übersetzung „rückwärts" vor. Dann ergibt sich also die Übersetzung des Wortes Hannover von hinten: „Rückwärts von nah". Und das stimmt insofern, als dann die Übersetzung der Wortes Hannover von vorn lau-ten würde: „Vorwärts nach weit." Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermessliche. Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A...(Hunde bitte an die Leine zu führen.)


TYPOGRAPHIE KANN UNTER UMSTÄNDEN KUNST SEIN

Kurt Schwitters warb nicht nur für seine MERZkunst oder für sich selber. Seit Beginn der 20er-Jahre übernahm seine so genannte MERZ-Werbezentrale Aufträge von verschiedenen Firmen, namentlich von Bahlsen und Pelikan in Hannover. Für die Stadtverwaltung Hannover entwarf er dem Geiste des Bauhauses nahe stehend offizielle Drucksachen und Vordruckpapiere. Gemeinsam mit El Lissitzky und dem Werbefachmann Jan Tschichold war Schwitters vor allem auf der Suchenach einer „gestaltenden Typographie", worunter er die Vereinheitlichung und die Verschränkung von Bild und Typographie verstand.

„Typographie kann unter Umständen Kunst sein", sagte Schwitters. Kurt Schwitters veröffentlichte 1930 in einer kleinen Broschüre seine Grundsätze für „Die neue Gestaltung in der Typographie". Schwitters suchte in der schier unübersehbaren Flut von Drucksachen im Alltag nach einer prinzipiellen gestalterischen Ordnung und tritt uns hier mit verblüffend sachlich waltender Vernunft entgegen. Er erkennt, dass bei der typographischen Gestaltung von Drucksachen zwei Prinzipien funktionale Bedeu-tung haben: Orientierung und Werbung. Der Betrachter und Leser will sich informieren und/oder will umworben sein. • Die orientierende Gestaltung einer Drucksache erfüllt den Zweck einer l textgebundenen Lesbarkeit, zielt in erster Linie auf den Verstand • Die werbende Gestaltung einer Drucksache nutzt die Mittel optischer Logik und wendet sich mit der Sinnerfassung der so genannten Bild-Form in erster Linie an das Auge. Schwitters hat versucht, dies in einer Tabelle zu erfassen.


siehe auch 1998© eflPo2000 HANNOVER GMBH

Literatur:

Kurt Schwitters , Hatje Cantz Verlag

Schwitters- Arp, Hatje Cantz Verlag

 

kunstwissen.de

 
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