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Jason Rhoades ( 1965 - 1.8.2006 )
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::::::::::- The Inner Child

"Jason Rhoades the Purple Penis and the Venus (Installed in the Seven Stomachs of Nürnberg) as Part of the Creation Myth": Bereits der mysteriöse Titel auf den Plakaten vor der Nürnberger Kunsthalle verwirrt, der erste Rundgang noch viel mehr. Dem Besucher bietet sich ein labyrinthisches Chaos dar. Was zunächst wie ein gigantisches, unaufgeräumtes Jugendzimmer oder wie das verwahrloste Reich eines manischen Sammlers aussieht, verrät nach längerem Hinsehen eine Ordnung, die zwar nicht gänzlich durchschaubar ist, die aber einem System zu folgen scheint. Ein geheimnisvolles Archiv? Eine widersinnige Ortung? Ein System zukünftiger Art? Jason Rhoades, Künstler aus Los Angeles, installierte in den sieben Räumen der Kunsthalle eine umfassende Werkschau seiner wichtigsten Arbeiten der vergangenen Jahre. Es ist die erste museale retrospektive Ausstellung des erst 33jährigen.

Um das Ausstellungsprojekt in Worten und Bildern zu realisieren, gab es ein langes Vorspiel. Hier haben sich zwei passionierte Profis auf glückliche Weise zusammengefunden: der Bildhauer von der West-Coast, der den herkömmlichen Begriff von Skulptur in eine offene Form verwandelt und in einem kontextualen Prozeß ständig erweitert, und die Direktorin der Kunsthalle, Eva Meyer-Hermann. Als Kunsthistorikerin hat sie sich mit neuen Formen der Skulptur auseinandergesetzt, besonders mit Carl Andre. Für ihn kuratierte sie 1996 die erste Retrospektive in Deutschland. Im Vergleich zu der Strenge seiner Arbeiten stellten die Installationen von Jason Rhoades eine Provokation dar, bis sie die unüberschaubare Anhäufung von Material in ihren metaphorischen Ansätzen zu begreifen begann. Dann wurde es zu einer Herausforderung für sie, sich mit dem spielerischen Umgang von scheinbar wahllos zusammengetragenem Material ernsthaft auseinanderzusetzen. Beider Interesse liegt in der Weiterführung von Skulptur und ihrer direkten Vermittelbarkeit am Ende des 20. Jahrhunderts, das der Kuratorin im theoretisch-wissenschaftlichen Sinn, das des Künstlers in der Suche nach komplexen alternativen Formen, aus denen sich das Prozeßhafte der Welt, die Evolution in allen Bereichen der Schöpfung ableiten läßt.

Rhoades bezieht sich dabei auf Marcel Duchamp und auf Constantin Brancusi als den Künstlern, die die Auffassung von Skulptur im 20. Jahrhundert entscheidend verändert haben. Von dem einen übernimmt er die Ready-mades, von dem anderen die Idee von Skulptur, die sich endlos erweitern und gedanklich fortführen läßt. Während Brancusi sich in der "Unendlichen Säule" von 1918 auf reproduzierbare, stereometrische Grundelemente beschränkt, um das Wechselspiel von Materie und Leere als Prinzip der Skulptur im Raum zu visualisieren, macht Rhoades die ins Monumentale anwachsende Akkumulation von Konsumgütern und Informationsmaterialien zum Inhalt seiner Arbeiten. Konsequent führt er aus dem tradierten Kunstkontext heraus hin zum "Hier und Jetzt" seiner Welt. Bezeichnend für alle Arbeiten ist neben dem erwähnten Spielerischen die Parodie, die sich durch alle Arbeiten zieht und in den ironisch verfremdeten Titeln gipfelt. So wurde die "Unendliche Säule" Brancusis in "My Brother/Brancusi" von 1995 mit einer Donut-Säule zitiert, einer Stange, auf der die von einer Maschine (eine Erfindung seines Bruders) ununterbrochen produzierten Donuts aufgeschichtet wurden. In den frühen Aktionen Anfang der 90er Jahre brachte er sich als Künstlerfigur persönlich und direkt ein. In "More Moor Morals and Morass" von 1991, was etwa mit "Mehr Mohr/Moor Moral und Morast" zu übersetzen wäre, stellte er sich in einem Kostüm, das ihn als einen fetten nackten Mann verkleidete, mit einem Flohmarktstand auf einen leeren Parkplatz, um allerlei Kleinkram, aber auch eine Seebrise mit Palmen- und Pinienduft als Darmduftwasser zu verkaufen und eine Tombola zu veranstalten. Er selber verkörperte den Kleinunternehmer, die Tombola sollte die Aktion verlängern und in Spannung halten. Das Konzept bestand darin, zu einem offensichtlich falschen Zeitpunkt, am falschen Ort, ohne Publikum eine Kunstaktion zu veranstalten, die sich selbst ad absurdum führte. Er versinnbildlichte mit dieser widersinnigen Aktion bereits zu Beginn seiner Karriere seine Position als Künstler in einem System unterschiedlicher Interessen. Das Künstlerische, so wie er es versteht als vergänglichen Augenblick, kann man erleben, nicht aber verkaufen.

Ganz pragmatisch geht er vor, um Phänomene direkt sichtbar zu machen und beim Namen zu nennen. Er sucht keine intellektualisierten Umwege, setzt jedoch zunehmend metaphorisch zu deutende Objekte ein, mit denen er im wahrsten Sinn des Wortes Eindrücke hinterläßt. Etwa mit den "Car-Projects". Das Auto, für jeden Bewohner von Los Angeles lebensnotwendig, spielt für den Künstler in mehrfacher Hinsicht eine zentrale Rolle. Es ist Teil seines Ateliers, in dem er während der langen Fahrzeiten Projekte entwickelt. Mit dem "Impala", einem weinroten Chevrolet, der zur Zeit als mobiles internationales Museumsprojekt auf den Straßen Europas zwischen Orten pendelt, an denen Rhoades' Kunst zu sehen ist, fuhr er unlängst in einer nächtlichen spontanen Aktion eines seiner favorisierten Embleme in den gepflegten Rasen eines Sammlers, ein Donut. Oder er plazierte einen "Fiero", amerikanische Version eines europäischen Sportwagens mit erotischem Image, als Outdoor-Skulptur im Matsch, indem er so lange Gas gab, bis die Räder sich tief in den Boden eingegraben hatten und die "Skulptur" endgültig feststeckte. So eine Aktion nennt er "Placing the Sculpture", was soviel bedeutet wie, den richtigen Kontext gefunden zu haben.
Die 1997 in der Kunsthalle Basel zuerst gezeigte, später im Whitney-Museum in New York und auf der Biennale in Lyon installierte Arbeit mit dem Titel: "Uno Momento/The Theatre in my Dick/A Look to the Physical/Ephemeral" gibt ein anderes Beispiel seiner intensiven Suche nach bildhafter Umsetzung. Ist ein bestimmter Moment konservierbar? Er benutzt das Bild des Penis ("dick") mit Hoden und Samenproduktion als Metapher, um an der Funktion des männlichen Geschlechts das Flüchtige im Körperlichen zu zeigen und gleichzeitig das Körperliche im Flüchtigen benennen zu können. Hier werden Videomonitore, eine Tontaubenschleuder, ein Rollenförderband, als Sitze fungierende Eimer und Kisten, Schaumstoff- und Filzmaterialien von einem computergesteuerten Programm in Aktion gesetzt, zum Leuchten und Tönen gebracht. Ein amerikanisches Geschirrspülmittel der Marke Joy übernimmt durch Zufuhr von Luft den Samenerguß. Das klingt alles schrecklich banal und ist dennoch komplex. Den Künstler interessiert die Frage nach dem einen Moment vor der Ejakulation. Was bleibt von dieser Zeitspanne übrig?
Auch in Nürnberg verbrämt er die Raumskulpturen mit vorstellbaren Bildern von körperlichen Funktionen. Es sind Neufassungen von Arbeiten der letzten sieben Jahre. Der Untertitel, "Installed in the Seven Stomachs of Nürnberg", verrät bereits die Absicht, sein bisher geschaffenes Werk gleich einem Verdauungsakt wiederzukäuen, es immer wieder zu reflektieren und in neuen Zusammenhängen auch mit aktuellen Bezügen zum Ort umzusetzen. Wochenlang hat das Nürnberger Team gemeinsam mit dem Künstler die Materialien beschafft, sie schließlich zusammengebaut, verkabelt, vernetzt, Holzgestelle und Tische gezimmert, aus Kordsamt - dem Stoff, der beim Künstler Assoziationen von typisch deutscher Kleidung erweckt - Kissen und Donuts genäht, Wände verspiegelt und Unzähliges mehr, bis jeder der sieben Räume angefüllt war mit Spolien aus der Wirklichkeit, wie sie sich Jason Rhoades darbietet. Entstanden ist ein Zeugnis leidenschaftlicher Obsession für die Kunst. Während Duchamp das hinlänglich bekannte Pissoir im musealen Umfeld zum "Fountain" nobilitierte, Picasso aus einem Fahrradsattel und einer Lenkstange einen Stierkopf komponierte, bringt Rhoades in einer hemmungslosen Anhäufung scheinbar beliebiger Konsumgüter die Ästhetik der Wegwerfgesellschaft in die Kunst ein. Produkte aus Heimwerkermärkten und der Medienbranche dominieren. Er strukturiert dieses scheinbare Chaos durch ein inneres Gerüst. In früheren Arbeiten ist es eine einheitliche Farbe, in Nürnberg benutzt er ein Eisenband, wie es zu Armierung von Beton verwendet wird, das er auf einer Länge von 300 Metern als Leitlinie wie eine Zeichnung durch alle Räume führt. Gleichsam als Lebensnerv, an dem alles hängt, sind alle Kabel an diesem Eisenband befestigt, die die Arbeiten in den sieben Räumen vernetzen, sie erleuchten und in Bewegung halten. Ausgehend vom ersten Raum führen sie Informationen aus den anderen Räumen über Videokameras dahin zurück. Der Besucher kann so bereits am Eingang die in schnell wechselnder Reihenfolge in den Monitor geschleusten Ausschnitte aus den verschiedenen Arbeiten betrachten. Von hier aus kann er durch eine Fernsteuerung auch interaktiv tätig werden und bestimmte Mechanismen in den übrigen Räumen in Bewegung versetzen. Kernstück der Ausstellung ist der "Spaceball", ein Weltraumsimulator in einem verspiegelten Raum. Es ist der einzige Raum, in dem außer beleuchteten Eimern als Orientierungspunkten nichts herumliegt. Doch es gibt Öffnungen in den Spiegelwänden, durch die das Umgebende eindringen kann und endlos reflektiert wird, bis es sich im Unendlichen verliert; die Wirkung ist faszinierend und verwirrend zugleich. Indem man sich durch die Räume bewegt, kann man das Innere von außen betrachten und umgekehrt. In einem Pilotensitz kann man sich außerdem durch Rotation in einen Zustand der Schwerelosigkeit versetzen lassen, wobei man alles Umgebende sehen kann, doch wegen der Fülle der unendlichen Reflexionen und der Geschwindigkeit orientierungslos nichts mehr erkennt. Die Frage nach der Perspektive stellt sich abhängig davon, welche Position man einnehmen will.

Jason Rhoades im verspiegelten Raum mit Spaceball zur Bewegungssimulation im All

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