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Jeff Koons
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Koons in Münster bei Skulpturen Projekte Münster, 1997

Zuhälter des Sentimentalen

Große Jeff-Koons-Retrospektive in Stuttgart eine Show aus Nippes, Kitsch und Porno

Zuerst verkaufte er der Kunstszene Schlauchboote aus Bronze, dann sterile Staubsauger hinter Plexiglas und Nippesgegenstände in poliertem Edelstahl. Als er auch noch sein Liebesleben mit einem Pornostar zu hochdotierter Kunst machte, stand endgültig fest: Jeff Koons ist der cleverste Kunst-Simulator des letzten Jahrzehnts. Dennoch ließ sich der New Yorker vom Amsterdamer Stedelijk Museum mit einer großen Retrospektive feiern, die ab 13. März 93 in der Stuttgarter Staatsgalerie zu sehen ist.

Der gerissene Kunstmanager beweist immer wieder, daß nichts wichtiger ist, als im richtigen Moment das richtige Produkt am richtigen Markt zu haben. Neues wird in bis zu vier identischen Exemplaren produziert, um es gleichzeitig in Museen und Galerien in Köln, Chicago und New York zu zeigen. Das kann seinen Galeristen dann schon mal bis zu drei Millionen Dollar einbringen. Der so bombardierten Kunstwelt bleibt gar nichts anderes übrig, als diesen smarten Jungen, der sich sein Anfangskapital an der Börse im Baumwollhandel verdiente, zu lieben oder zu hassen. Er gibt den Stoff für Gespräche und achtet tunlichst darauf, daß niemand über- oder unterfordert wird. Stets stimmt die Mischung, von Begeisterung bis zur krassen Ablehnung ist jede Reaktion möglich und läßt sich trefflich begründen.

Somit kann es sich bei Koons also nur um den Teufel handeln, wie der New Yorker Kunstkritiker Peter Schjeldahl in einem philosophischen Katalogessay zur Stuttgarter Ausstellung feststellt. Und Jean-Christophe Ammann, der Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, vermutete schon 1989, daß die Strategie von Jeff Koons „vielleicht interessanter ist als die Werke".

Des kleinen Teufels Provokationen und Sünden sind jedoch nichts anderes als ein großes Spiel mit den Ideen der aktuellen Kunst. Nichts wahres Neues entspringt seinem Kopf. Jeff Koons ist lediglich die beste Marketingabteilung der Kunstszene, die genau weiß, an welcher Stelle das Produkt noch ein bißchen besser gestylt werden muß, ein wenig geschmeidiger. Heraus kommt ein visuelles Klischee, daß jeder sofort begreifen kann; gerade auch, weil es von perfekter Plattheit ist.

Bei Marcel Duchamp waren es 1915 Schneeschaufeln und bei dem Minimal-Artisten Dan Flavin 1965 pure Neonröhren. Koons verknüpft beides raffiniert, indem er Staubsauger auf Neonröhren stellt. Bei seinem Schlauchboot aus Bronze greift er 1985 auf zwei bronzene Bierdosen zurück, die Jasper Johns 1964 präsentierte. Und die in Edelstahl gefaßten Objekte finden ihren direkten Vorläufer bei dem heute nur noch Insidern bekannten Engländer Clive Barker, der in den sechziger Jahren Gegenstände von der Coladose bis zu den Cowboystiefeln verchromte.

Schlagzeilen machte Koons' Verbindung 1989 mit dem Pornostar Ilona Staller alias Cicciolina, die in Italien zeitweilig sogar bis zur Parlamentsabgeordneten aufstieg. Das Pärchen inszenierte sich auf der Biennale in Venedig für einen lebensechten Hardcore-Porno: Geschlechtsverkehr als Bild und Skulptur in üppiger Dekoration.

Manch einer in New York erinnerte sich damals an eine sehr viel frühere Romanze. Denn zehn Jahre zuvor pflegte Koons innigen Koritakt zu der Künstlerin Colette, die, ihrer Zeit weit voraus, schon Mitte der siebziger Jahre ihren eigenen Körper in plüschigem Ambiente als Kunstwerk mit hohem Sexappeal präsentierte. Und wer von den Sexskulpturen aus Muranoglas angetan ist, sollte wissen, daß Cicciolina mit einem Murano-Penis bereits vor Jahren schon so manchen Orgasmus auf der Leinwand zelebrierte.

Eine solche Ausschlachtung bewährter Ideen, die ihm die harte New Yorker Kunstszene vorwirft, ist keinesfalls der Kritikpunkt.Schließlich hat sich dort jeder schon einmal mehr oder weniger aus dem Fundus der Kunstgeschichte bedient. Aber daß Koons verdammt konservativ sei, der letzte weiße, nicht homosexuelle und die Bourgeoisie bedienende Superstar, der die Kunst endgülhg zur kritiklosen Kitschware verkommen läßt. machten ihm Kritiker und Künstler gleichermaßen zum Vorwurf. So stellte die farbige US-Künstlerin Adrian Piper nebeneinem lächelnden JeffKoons-Porträt, das den Sunnyboy mit einer amerikanischen Schulklasse zeigt, das Foto einer schwarzen Mutter mit hungerndem Kind im Arm.

Koons hat den Haß schon einkalkuliert. Er ließ sich bereits 1988 mit Schweinen fotografieren und begründete dies im nachhinein quasi als Vorsichtsmaßnahme: "Ich wollte mich entwürdigen und mich Schwein nennen, bevor der Betrachter es tun konnte."

Den Künstler muß es dann besonders getroffen haben, daß er nicht zur documenta im letzten Sommer eingeladen wurde, der größten Unterhaltungsshow, die die Kunstwelt je sah. Er reagierte, 30 Kilometer enffernt, mit einem zwölf Meter hohen Terrier vor einem Barockschloß; einem süßen Kläffer. konstruiert aus Tausenden von Blumen. Laut dem jüngsten Koons-Buch " feierte die internationale Kunstkritik diese Arbeit als Höhepunkt des documenta-Sommers ". In Wirklichkeit bewies sie aber nur, daß Koons auch der größte Gärtner ist.

Christoph Blase


Link zum Interview , Klaus Ottmann befragt Jeff Koons, NY ,1986

In dem hochinteressanten Interview antwortet Jeff Koons auf die Frage von Klaus Ottmann : What is your main interest as an artist? ( ÜB: Was interessiert sie am meisten als Künstler ?)

Koons: I'm interested in the morality of what it means to be an artist. As an artist I'm most concerned with what art means to me, how it defines my life, etc. And then after that, my next concern is my actions, the responsibility of my own actions in art in regard to other artists, and then to a wider range of the art audience, such as critics, museum people, collectors, etc. Art to me is a humanitarian act and I believe that there is a responsibility that art should somehow be able to effect mankind, to make the word a better place (this is not a cliche!).

 

Auf die Frage nach Koons Anteil an der Produktion des Werkes folgt folgende wichtige Antwort:

Ottmann: How far are you involved in the actual production of your work?

Koons: I'm basically the idea person. I'm not physically involved in the production. I don't have the necessary abilities, so I go to the top people, whether I'm working with my foundry—Tallix—or in physics. I'm always trying to maintain the integrity of the work. I recently worked with Nobel prize winner Dr. Richard P. Feynman. I also worked with Wasserman at Dupont and Green at MIT. I worked with many of the top physicists and chemists in the country.

Ottmann: Are they generally cooperative?

Koons: Anybody who is good at whatever he does becomes interested and challenged if presented with something that is difficult. My work generally takes the realm of the difficult in one way or another.

 

Über die Werbung erfolgt folgendes Statement:

Ottmann How do you see advertisement?

Koons: It's basically the medium that defines people's perceptions of the world, of life itself, how to interact with others. The media defines reality. Just yesterday we met some friends. We were celebrating and I stated to them: "Here's to good friends!" It was like living in an ad. It was wonderful, a wonderful moment. We were right there living in the reality of our media.

Über die Funktion der Galerieausstellung findet sich folgende Äußerung:

Ottmann: Do you consider the gallery the ideal space for your work?

Koons: I love the gallery, the arena of representation. It's a commercial world, and morality is based generally around economics, and that's taking place in the art gallery. I like the tension of accessibility and inaccessibility, and the morality in the art gallery. I believe that my art gets across the point that I'm in this morality theater trying to help the underdog, and I'm speaking socially here, showing concern and making psychological and philosophical statements for the underdog.



Link zum Interview , Klaus Ottmann befragt Jeff Koons, NY ,1986

Literatur:

kunstwissen.de

 
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