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Thomas Hirschhorn (1957-
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*1957 in Bern, Schweiz. Lebt in Paris, Frankreich.

 

Thomas Hirschhorn verfremdet Präsentationsweisen. Er irritiert Sichtweisen, die Überblicke garantieren, entrücken oder erhöhen. Aus Holz, Plexiglas, Plastik- und Aluminiumfolie, aus Packpapier und Klebeband baut er chaotisch anmutende, unüberschaubare Gefüge.
In der Ausstellung "Bernsteinzimmer" rekonstruiert er das legendäre Bernsteinzimmer. Friedrich Wilhelm I. hatte es 1716 dem Zaren Peter dem Großen geschenkt. Im Zweiten Weltkrieg demontierten es deutsche Besatzer aus dem Zarenschloß Zarskoje Selo in der Nähe von Petersburg und brachten es 1941 nach Königsberg zurück. Seit 1945 gilt es als verschollen.
Hirschhorn aktualisiert es eigenwillig. Er implantiert seine Vorstellung von dem Bernsteinzimmer in die Galerie des 19. Jahrhunderts. Seine Arbeit berührt den Umgang mit Beutekunst in den Museen sowie die Art und Weise, wie Kunst, die aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit geraten ist, imaginiert und erinnert werden kann.

Unzufrieden mit den aufgezwungenen Definitionen und Beschränkungen einer hyperkapitalistischen, multinationalen Globalisierungsrhetorik macht Thomas Hirschhorn sich das kommunikative Potenzial des Denkens zunutze. Sein Werk, in dem der materielle Wert hintangestellt ist, umfasst verschiedene skulpturale Modelle, die vornehmlich aus den billigen Produktverpackungsmaterialien der Konsumindustrie - Alufolie, Plastik, Karton und Sperrholz - gefertigt sind und überführt so die Begierden des Kapitalismus in einen Zustand dauerhafter kreativer Anarchie. Hirschhorns zeitlich begrenzte Denkmale für Benedict de Spinoza (1999, Amsterdam), Gilles Deleuze (2000, Avignon), Georges Bataille (2002, Kassel) und Antonio Gramsci (noch nicht realisiert), die sich mit kommunalem Engagement und "der Qualität innerer Schönheit" (Hirschhorn) auseinander setzen, folgen einer Logik der Kurzlebigkeit, der Anhäufung und der potenziellen "Offenheit". Hirschhorn kartografiert die Stadt Kassel unter persönlichen und sozialen Gesichtspunkten für mehr als ein Jahr und fügt das Bataille Monument so für die Dauer der Ausstellung aktiv in das Leben einer marginalisierten lokalen Gemeinde ein. Unter Verzicht auf traditionelle Kategorien der Wissensproduktion holt das Werk die zum Ritual formalisierte Sammel- und Ausstellungsfunktion des Museums in den öffentlichen Raum zurück.

OnlineText Dokumenta 11, 2002, Kassel


Originaltext am Bataille Monument von Thomas Hirschhorn in der Friedrich Wöhler Siedlung , Kassel, Mai- Sept. 2002

"Bataille Monument" für Documenta 11 Kassel 2002

Als Künstler mit einem Projekt im öffentlichen Raum stelle ich mir folgende Fragen: Bin ich; fähig, mit meiner Arbeit Begegnungen zu machen? Und, bin ich fähig, durch meine Arbeit Ereignisse zu erzeugen?

Das "Balaille Monument" ist ein prekäres, zeitlich begrenztes Kunstprojekt im öffentlichen Raum das mil Jugendlichen und Bewohnern eines Quartiers gebaut und betreut wird. Das "Bataille Monument" will durch seinen Standort, seine Materialien und seine Ausstellungsdauer Fragen stellen und Raum und Zeit für Diskussion und Ideen schaffen. Das "Bataille Monument" ist eine Kritik am bestehenden Monument, das "Bataille Monument" kommt von unten, es will niemanden einschüchtern, es ist nicht unzerstörbar, und es ist nicht für die Ewigkeit bestimmt.

Das "Bataille Monument" ist dem französischen Schriftsteller Georges Bataille (1897 - 1962) gewidmet. Die Verantwortung für diese Wahl trage, ich. Es ist ein künstlerisches Engagement. Ich bin ein Fan von Georges Bataille, er ist Vorbild und Vorwand zugleich. Georges Bataille untersuchte und entwickelte das Prinzip des Verlustes, des sich Ausgebens, der Gabe und der Maßlosigkeit. Ich verehre ihn wegen seines Buches "La part maudite" und seines Textes "La notion de depense". Die Wahl Georges Batailles bringt mit sich, dass sich ein breites und komplexes Kraftfeld öffnet, zwischen Ökonomie, Politik, Literatur, Kunst, Erotik, Archäologie. Es gibt viel explosives Bild- und Wortmaterial. Georges Bataille hat nichts mit Kassel zu tun. Das "Bataille Monument" ist keine Kontextarbeit, vielmehr kann das Monument auch in einem anderen Quartier, in einer anderen Stadt, in einem anderen Land und auf einem anderen Kontinent gezeigt werden.

Das "Bataille Monument" hat acht Elemente, die miteinander verbunden sind. Es gibt keine Hierarchie unter den verschiedenen Elementen. Die einzelnen Elemente sollen verschiedene Türen zum Monument bilden und es ist auch möglich nur ein einzelnes Element als ein Monument zu verstehen. Die acht Elemente sind:

Eine Skulptur aus Holz, Karton, Klebeband, Plastik.
Eine Bibliothek "Georges Bataille" mit Büchern, die einen Bezug zum Werk Georges Batailles haben. Sie sind geordnet nach Wort, Bild, Kunst,Sport, Sex. Mitarbeit Uwe Fleckner.
Eine Bataille-Ausstellung, mit Werk-Topographie, Plan, Büchem von und über Georges Bataille. Mitarbeit Christophe Fiat.
Verschiedene Workshops, die über die gesamte Ausstellungsdauer laufen (8.6. - 151.9.2002). Mitarbeit Manuel Joseph, Jean-Charles Massera, Marcus Steinweg u.a.
Einen Imbiss mit Getränken und Esswaren.
Ein TV-Studio aus dem täglich eine kurze Sendung vom "Bataille Monument" aus im "Offenen Kanal Kassel" ausgestrahlt wird.
Ein Fahrdienst mit Fahrzeugen und Fahrern, der die Documental 1 Besucher zum "Bataille Monument'' (und zurück) bringen und die Bewohner des Quartiers zur Documenta 11 (und zurück) bringen wird.
Eine Website mit Webkameras vom "Bataille Monument" aus (24 Stunden, 7 Tage).
www. bataillemonument.de ::::::::::::::::www.hirschhorn.documenta.de
Das "Bataille Monument'' kann ich nicht alleine machen. Ich bin Künstler, ich habe ein Projekt, ich will das Projekt realisieren. Ich weiß, zur Realisierung des "Bataille Monuments" benötige ich die Hilfe, die Unterstützung und die Toleranz der Bewohner und Jugendlichen.
Deshalb frage ich: "Nicht: Mache es wie ich. Sondern: Mache es mit mir zusammen."
Der Standort des "Bataille Monuments" ist die Nordstadt, in der Friedrich-Wöhler-Siedlung. Es ist, ein Standort der die Realität annimmt, Aufbau und Betreuung können realisiert werden, Reibung und Auseinandersetzung sind möglich, es braucht keinen geeigneten Standort für das "Bataille Monument", die Standorte seiner einzelnen Elemente werden nach Konsultation mit den Bewohnern der Siedlung miteinander verbunden. Der Aufbau und die Betreuung wird (unter anderem) mit Jugendlichen des "Boxcamp Philippinenhof" gemacht, jeder wird für seine geleistete Arbeit bezahlt.

Ich bin kein Sozialarbeiter, ich bin kein Quartier-Animator, für mich ist Kunst ein Werkzeug, um die Welt kennenzulernen; Kunst ist ein Werkzeug, um mich mit der Realität zu konfrontieren; Kunst ist ein Werkzeug, um die Zeit in der ich lebe zu erfahren.

Das "Bataille Monument' soll Wissen und Information vermitteln, das "Bataille Monument" soll Verbindungen ermöglichen und Bezüge schaffen, das "Bataille Monument" soll Menschen einschließen, es ist für ein nicht-exklusives Publikum gemacht.

Das "Bataille Monument" ist das dritte Monument in der Reihe von insgesamt vier. Realisiert habe ich das "Spinoza Monurnent" 1999 in Amsterdam und das "Deleuze Monument" 2000 in Avignon. Das vierte und letzte Monument dieser Serie will ich für Antonio Gramsci machen.

 

Thomas Hirschhorn, Paris, Februar 2002

 

 

 

 

 

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