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Punk Pop

Am Donnerstag, den 20. Oktober 1987 fiel die New Yorker Börse um 500 Punkte, das entsprach mehr als 22 Prozent ihres Wertes. Einige behaupten, daß die achtziger Jahre damit endeten. Zweifellos ließ die neue ökonomische und soziale Situation die Künstler nicht unberührt. Themen wie Aids, Arbeitslosigkeit, die Umweltzerstörung gaben der Arbeit der Künstler eine neue Ausrichtung. Zwei Künstler der achtziger Jahre stehen in den USA als Vermittler zwischen den achtziger und neunziger Jahren: Robert Gober und Mike Kelley.

 

Die Disparatheit der unterschiedlichen Gestaltungsmittel, das Vagabundieren der Phantasie zwischen individueller Obsession und gesellschaftlicher Prägung, schließlich die Auseinandersetzung mit dem Körper, machen Robert Gober zu einem der wichtigen Vorläufer für die Ästhetik der neunziger Jahre. Mike Kelley hat die Objektkunst der achtziger Jahre durch die Einbeziehung von WestcoastKultur, von Hippie- und Punkästhetik unterlaufen.

 "Zwei Konzerte haben für mich alles verändert", erinnert sich Mike Kelley, „das eine war ein Konzert von Sun Ra beim Ann Arbor Blues and Jazz Festival, und das andere war ein Konzert von Iggy and the Stooges in einer kleinen Biker-Bar in Wayne, Michigan." Letzteres endete binnen kurzem mit zerschlagenem Mobiliar, einer flüchtenden Band und einer Prügelei der Biker: "Das beste Stück Theater, das ich je gesehen habe."

 Bis 1985 entwickelte Mike Kelley seine Arbeiten im Zusammenhang mit aufwendigen Performances, in denen Hypnose, Sprache, Rockmusik und Video verbunden wurden. "Erfahrungen" nennt sie Kelley, an denen es angeblich nicht viel zu verstehen gab. Bekannt wurde Kelley durch seine Skulpturen aus gebrauchten Stofftieren, die er in Secondhandläden kaufte. Sie hängen gebündelt im Raum oder sind auf alten Decken plaziert als Akteure in einem Drama, dessen Stimmen aus einem Ghetto Blaster kommen.

Einmal von liebevollen Müttern für ihre Babies gebastelt, verraten sie die Klischees von Liebe und Zuneigung. Aber auch vom Vergehen der Gefühle in der Konsumwelt handeln diese Werke: Kaum sind die Kleinen älter, wandern die Liebessymbole in den Abfall. Nicht nur die mehr oder minder linkischen Strick- und Bastelkünste von Müttern dienen Kelley dazu, einen Blick auf die Befindlichkeit der Menschen freizugeben. Er nutzt gerade naive Techniken, mit denen Menschen sich eine Identität zu geben trachten: die Malkünste von Grundschülern genauso wie die Dekorationsrituale von studentischen Verbindungen und exklusiven Vereinen, z.B. Pferdeclubs.

 

Mike Kelley hat gelegentlich mit seinem Freund Paul McCarthy zusammengearbeitet. McCarthy führte schon 1967 erste Performances durch, die schon bald mit Video aufgezeichnet wurden. McCarthys frühe Arbeiten lassen sich im Zusammenhang mit Körperkunst behandeln. Sie zeigen elementare Handlungen wie "Linse anspucken" (1973) oder „Gesicht bemalt Boden" (1972). Anders als Stücke von Paik, auf die McCarthy sich bezieht, sind seine Videoperformances immer von sexuellen Konnotationen geprägt. Dabei benutzte er bald auch Puppen und Masken, so daß es nahelag, in Rollen zu schlüpfen, die bereits aus dem Fernsehen oder aus Märchen und Comics bekannt waren.

 

Dabei spielte er kunstvoll mit der Grenze zwischen Obszönität, Gewalt und Kunst. Die Puppen verselbständigten sich in den achtziger Jahren zu Skulpturen. Aber auch hier wird der erste Blick auf das Spielzeug durch den provokanten Zusammenhang irritiert: Die beiden süssen Bärchen befinden sich gerade im Geschlechtsakt, der Disney-Hase zeigt ungebührlich ein monströses Sexualorgan. "lch bin mir der Gewalt sehr bewußt", sagt Paul McCarthy in einem Interview. "lch bin mir der Bedrohung bewußt, daß Kultur in besonderer Weise bedrohlich erscheint, sofern sie mit Massenmedien zu tun hat, mit Werbung, Konsumartikeln und Kino und Mode. All das wird in meinen Arbeiten vermischt."

Jason Rhoades ,Tony Ourseler und Thomas Hirschhorn gehören zum Umkreis, Hirschhorn verdankt vieles den Arbeiten Joseph Beuys.

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