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Auguste Rodin (1840-1917)

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Das Häßliche ist schön. Der wichtigste Bildhauer des 19. Jh., Auguste Rodin, scheiterte dreimal an den Annahmebedingungen der Ecole des Beaux-Arts ein untrügliches Zeichen dafür, daß die Akademien ausgedient hatten. 1875 reiste der Steinmetz und Gießer nach Italien und entdeckte Michelangelo, dessen Werk ihn - nach eigenen Aussagen - völlig vom Akademismus befreite.

 

Rodins Gestalten stehen für die Widersprüche des späten 19. Jh., für das Nebeneinander der Gegensätze. Sein Realismus entspringt der Beobachtung der Natur, die für ihn immer schön ist: »... auch das Häßliche ist schön. Er ließ seine Modelle nackt durch das Atelier spazieren, skizzierte eine Haltung, die ihm gefiel, blitzschnell in Ton. In seinem von Dantes Göttlicher Komödie angeregten Höllentor taumeln zahllose Körper dem »Eingang zum ewigen Leid entgegen«. Rodin hatte 1880 den Auhrag für ein Portal des Musee des Arts Decoratifs erhalten, aber nie vollendet. Die zentrale Figur des Denkers im Türsturz stand zunächst für den Dichter, der über sein Werk grübelt, bald für den Zweifelnden schlechthin.

 

Während der 80erJahre beschäftigte sich Rodin mit den verschiedenen Lebensaltern. Die Figur einer alten Frau, die später La vieille Heaulmiere , Die alte Helmschmie din; nach einem Gedicht von Francois Villon) genannt wurde, illustriert nicht allein den ausgemergelten Körper der Greisin, der als »häßlich« alt, sondern versinnbildlicht den Verfall, den Übergang von derJugend über die Reife zum Alter in einer Figur.

 

Die Bildhauerin Camille Claudel, die seit Beginn der 80erJahre eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen Rodins war, schuf 1893 mit ihrer Clotho (208) ein Werk, das einerseits in der realistischen Darstellung dem Meister folgte, aber dennoch eine eigene Perspektive einnahm. Clotho heißt eine der Parzen, der Schicksalsgöttinnen der griechischen Mythologie, die damals als Allegorie der Vergänglichkeit und des Todes verstanden wurden. Statt der Spindel als Attribut hält Claudel ihre Figur in Haarkaskaden gefangen. Hier zeigt Claudel die Frau als beherrschtes Ding, »ihr Objekt-Sein als einengende, erstickende Qual«.

Neben der impressionistisch zu nennenden, Schule machenden Oberflächenbehandlung Rodins, seinen der Literatur entlie henen Themen, schlug der Künstler auch den Boaen zur Vergangenheit. Sein Schreitender (209) führte den Torso als autonome Kunstform ein. Auf die Frage seiner Zeitgenossen, warum der Kopf fehle, antwortete Rodin: »Braucht man zum Gehen einen Kopf?« Tatsächlich scheint des Meisters Begegnung mit Michelangelos unvollendeten Werken Nachwirkungen gezeitigt oder zu einer gezielten Anspielung auf den Torso vom Belvedere angeregt zu haben. Das Fragment einer griechischen Skulptur diente vielen Künstlern durch die Jahrhunderte als Vorbild für die Darstellung eines athletischen Männeroberkörpers.

 

Auguste Rodin nimmt für den Übergang vom19. zum 20. Jh. eine Sattelstellung ein. Einerseits wurzelt sein Werk in Traditionen und Konventionen, andererseits führt es darüber hinaus. Eine seiner wichtigsten Neuerungen lag in der Fragmentierung des Körpers. Damit lieferte der Meister seinen Beitrag zu der Verselbständigung der Figur als Plastik. Von einer Neudefinition der Plastik als ästhetisches Objekt wie bei den Kubisten kann jedoch - wie Eduard Trier herausgestellt hat - noch nicht die Rede sein. Auch weist Trier darauf hin, daß der Torso bei Rodin eine grundsätzlich andere Bedeutung hat als bei Michelangelo. Während Michelangelos unvollendete Sklaven tragische Zeugnisse seines Ringens um die Sichtbarmachung von Ideen seien, müsse die Fragmentierung bei Rodin, der die Plastik aus Teilen zusammensetzte, als ein bewußter Gestaltungsakt verstanden werden.

 

Betrachtet man das Werk Rodins oder die modellierten Figuren des impressionistischen Malers Edgar Degas, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, die herkömmliche Skulptur habe sich seit der Renaissance auf ein halbes Dutzend klassische Posen beschränkt. Die kauernde Frau Rodins dagegen mag aus einer zufälligen Beobachtung heraus entstanden sein. Er steigerte den Körperausdruck durch extreme Kopf und Handhaltung zu einem Sinnbild in sich gekehrter Verzweifelung.

Links:

Literatur:

Auguste Rodin
Author(s): Néret, Gilles
Softcover, flaps, 185 x 230 mm, 96 pages
Basic Art Series
Auguste Rodin - the great master of the human form
Taschen Verlag, ISBN-
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