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Michelangelo (1475-1564)

Hochrencissance Im 16. Jh. veränderte sich das Weltbild völlig: 1492 entdeckte Columbus Amerika und regte damit die Erkundung der Meere auf der Suche nach neuen Kontinenten an. Im Todesjahr des Astronomen Nikolaus Kopernikus 1543 erschien sein Hauptwerk, in dem er das heliozentrische Weltbild und die Unendlichkeit des Weltenraums darlegte. Das aus den spanischen Kolonien fließende Gold förderte den frühen Kapitalismus. Italien wurde zum Schauplatz der Rivalitäten zwischen Franz 1. von Frankreich und dem Habsburger Karl V. Die Päpste überboten sich in der Förderung der Künste, mit denen sie ihr weltliches Ansehen zu steigern und den Kirchenstaat zu vergrößern suchten. Kunst und Wissenschaft erlebten in Florenz unter den Medici begeisterte Förderung.

 Aus dem humanistisch gebildeten Künstler der Frührenaissance wurde der uomo universale. Sowohl Leonardo da Vinci als auch Michelangelo verstanden sich nicht nur auf die Malerei und Bildhauerei, sondern beschäftigen sich daneben mit Mathematik und Philosophie. Während Leonardo kein plastisches Werk mit Sicherheit zugeschrieben werden kann , hinterließ Michelangelo zahlreiche Marmorfiguren, die den Ubergang vom ausgewogenen Humanismus zur Steigerung der Leidenschahen in einer von keinerlei Gewißheiten mehr bestimmten Welt dokumentieren.

Bevor Michelangelo in den Dienst der Päpste trat und die Sixtinische Kapelle ausmalte, schuf er während seines ersten Romaufenthalts als nur 23 jähriger eine Pieta . Während nördlich der Alpen das Motiv als Vorwand für die Darstellung des Leidens und der Trauer genutzt wurde, verwandelte Michelangelo dieses in Italien unübliche Thema in eine gelassene Erzählung. Die monumental angelegte Figur Mariens scheint den Tod ihres auf ihre Knie gebetteten Sohnes als notwendiges Opfer für das Seelenheil der Menschheit hinzunehmen. Die harmonische Gruppe, die heute im Eingang von St. Peter in Rom steht, bezieht ihre stilistischen Merkmale weitgehend von Donatello und Jacopa della Quercia.

 Wenig später nach Florenz zurückgekehrt, geriet der begabte Künstler an einen 4 m hohen Marmorblock, der seit 1464 in der Dombauhütte lagerte. Ein Kollege hatte bereits für die Beine ein Loch in den Stein geschlagen, war aber dann vor der Aufgabe der Gestaltung eines solch riesigen Werks zurückgeschreckt. Michelangelo schlug aus diesem Marmorblock den berühmten David , der nach seiner Fertigstellung 1505 vom Rat der Stadt programmatisch vor dem Palazzo Vecchio aufgestellt wurde. Symbolisch für das selbstbewußte Bürgertum verkörpert der David die Einheit von ira (Zorn) und fortezza (Kraft). Auf den ersten Blick scheint der nackte Heros antiken Vorbildern zu entsprechen. Der betont stechende Blick und die hervorgehobenen großen Hände wären im Altertum jedoch nicht möglich gewesen.

Der den Goliath besiegende David ist selbst zum Giganten geworden und bedarf nicht mehr der Attribute, die ihn als alttestamentarischen Tyrannenmörder ausweisen.

Der bei dem Antikenkonservator der Medici als Bildbauer ausgebildete Michelangelo studierte die menschliche Anatomie, wie seine Zeichnungen belegen, in allen Einzelheiten. Die organisch körperhah aufgefaßte menschliche Gestalt wurde bald in seiner heroisch-monumentalen Form zu seinem Markenzeichen.

 Bevor Michelangelo 1435 oberster Baumeister, Bildhauer und Maler des Apostolischen Palastes wurde, gestaltete er die Medici-Kapelle von S. Lorenzo neu. Die Sitzstatuen der sich gegenüberliegenden Wandgräber von Giuliano und Lorenzo de'Medici verkörpern zwei Temperamente. Vor den Nischen lagern paarweise,Werden und Vergehen versinnbildlichend, die Tageszeiten I (152). Konzept und Dekoration der Grabmäler verlieren sich nicht einer Fülle von Anspielungen, sondern gehen erstmals in einer Einheit auf.

Als Inkarnation des tiefen geistigen Ringens mit den Unwägbarkeiten der Neuzeit gelten seine zum Teil unvollendeten Sklaven (153, 154), die für ein über Jahre geplantes Grabmal von PapstJulius II.gedacht waren. Vasari interpretierte die Figuren als unterworfene Kirchenprovinzen. Denkbar ist auch, die angebundenen Sklaven als Allegorien der unfreien, menschlichen Natur zu verstehen. Nach Valerio Guazzoni schuf Michelangelo den Körper als Gefängnis der Seele, den schöpferischen Prozeß als spirituelle Metapher: Während er die Sklaven noch halb gefangen ließ im Stein, spürte Michelangelo die Spannung des >non finito<, also den Drang zu seiner vollen Befreiung und dem Widerstand, den ihr die Materie entgegensetzt. Der Marmor birgt die Idee schon in sich, die Hand muß nur der Schöpferkrah folgen. Das >concetto<, das geistige Vorstellungsbild, ist in der Materie schon vorgebildet. Für Vittoria Colonna dichtete Michelangelo: >Kein Bild kann selbst der beste Künstler nicht ersinnen, das nicht der Marmor schon umschlossen in sich birgt, und nur zu dem dringt vor die Hand, die willig folgt der Schöpferkraft.<

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