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Tatlin- Konstruktivismus

Tatlin der Turm. Retrospektive Wladimir Tatlin (1885-1953)

Wladimir Tatlin zählt zu den Künstlern, deren Berühmtheit sich dem Hörensagen verdankt. Bislang war kaum ein Werk von ihm in einem Museum ausgestellt. Selbst die erste "Retrospektive", in Stockholm 1965, mußte auf Originale verzichten. Tatlin, das war das Modell des Turms der III. Internationale - und auch dieses blieb unausgeführt.

Daher ist es eine kleine Sensation, daß in Zusammenarbeit mit russischen Museen der Künstler seine erste Werkschau überhaupt in Düsseldorf erhält. Sogar zu seinen Lebzeiten war sie ihm versagt geblieben. Jürgen Harten, der Kunsthallenleiter, besitzt reiche Erfahrung in kulturpolitischen Drahtseilakten. 1981 gelang ihm eine Retrospektive des russischen Suprematisten Kasimir Malewitsch, für die er den Eisernen Vorhang des Ostblocks einen Moment lang lüpfen konnte. Zwölf Jahre später sind die russischen Museen froh, ihre jahrzehntelang verschlossenen Schätze der Klassischen Moderne ans Licht tragen zu können.

Um die Versäumnisse der sowjetischen Kulturpolitik rasch auszugleichen, machte das deutsch-russische Ausstellungsteam Nägel mit Köpfen: Der Katalog enthält das komplette Werkverzeichnis mit 1300 Nummern, und die Ausstellung ist mit über dreihundert Exponaten reichlich bestückt.

Angesichts der tragischen Rezeptionsgeschichte Tatlins ist solcher Eifer verständlich, doch hinterläßt der Rundgang durch die Ausstellung das hartnäckige Gefühl, daß eine Konzentration der Werkauswahl das Unternehmen erheblich gefördert hätte. Die Zeitgeschichte hat sich übermächtig auf die russische Kunst dieses Jahrhunderts ausgewirkt, und auch Tatlin mußte sich Stalins Kunstdiktat beugen. Seine Arbeiten seit den späten 1920er Jahren lassen nicht mehr erkennen, weshalb er zu den Großen der russischen Avantgarde zählt.

Tatlins Frühwerk zeigt eine bemerkenswerte Anlehnung an Cézanne. Schon während seines Akademie-Studiums (1905-10) näherte er sich der französischen Avantgarde an, die er in der Sammlung Schtschukin zu sehen bekam. Mit seinem Bekenntnis, die Fundamente seiner Kunst seien "Material, Raum und Konstruktion", beschrieb Tatlin seinen in den Jahren 1913/14 vollzogenen Fortschritt. Damit wurde er zum Mitinitiator der neuen Kunstrichtung des Konstruktivismus. Zwar blieben auch aus der vorrevolutionären Ära nur wenige größere Objekte erhalten, doch selbst in Kostümskizzen wirken sich die Dynamik und Technikverbundenheit Tatlins aus. Er entwarf sogar ein in Düsseldorf ausgestelltes Fluggerät mit Muskelantrieb, das jedoch weniger an futuristische Ideen als an Leonardo da Vincis Erfindungen erinnert.

Den Traum der Konstruktivisten, ihre Kunst sei der angemessene Ausdruck der sozialen Revolution in Rußland, zerschlug die politische Realität bald. Deshalb ist das bedeutendste Exponat eine Rekonstruktion: Tatlins Turm, als Denkmal der "III. Internationale" der kommunistischen Bewegung geplant. Er sollte das berühmteste Symbol des Bürgertums, den Eiffelturm an Größe (Höhe: 800m), Eleganz und Erfindungsreichtum übertreffen. Statik und Bewegung vereinigen sich in ihm harmonisch. Modelle von ihm waren 1920 und 1925 öffentlich aufgestellt worden, und diese Präsentationen mußten genügen, um der modernen Kunst einen wesentlichen Impuls zu geben. Die erste Werkschau Vladimir Tatlins ist die Frucht der Jagd des verlorenen Schatzes.

Düsseldorf: Städtische Kunsthalle 11.1993

Katalog: 39,-DM

Manuskriptfassung. Zuerst erschienen in den Westfälischen Nachrichten, 21.9.1993 -Christoph Danelzik-Brüggemann

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