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George Maciunas, > Fluxmesse < ,1969

GM: "Du sagst, es soll in der Kapelle sein?"

GH:"Ja."

GM:"Dann müssen wir eine Fluxmesse machen.

 

 Das war ein Gespräch im Herbst 1969 über die Möglichkeit, ein Fluxusprogramm am Douglass College der Rutgers Universität zu machen, an der ich im Fachbereich Kunst unterrichtete und auch gerade in den Vorhees-Veranstaltungsausschuß gewählt worden war. Bei diesen wöchentlichen Veranstaltungen war die Anwesenheitspflicht gerade in eine freiwillige Teilnahme umgewandelt worden, und das Komitee war daran interessiert, Programme zu planen, die die Studenten anziehen würden. Meine Anregung zu einem Fluxkonzert wurde wohlwollend aufgenommen, und so ging ich zu Maciunas, um die Idee mit ihm zu besprechen.

Er meinte, da es in einer Kapelle stattfinden sollte, müsse es unbedingt eine Fluxmesse sein, etwas, was wir nie zuvor gemacht hatten. Während unseres Gesprächs schlug er vor, das Projekt zu einem ganzen Fluxfestival auszuweiten. Das Honorar sollte vollständig in Material und Ausstattung gesteckt werden, um ein Ereignis zu haben, daß so spektakulär wie nur möglich sein sollte. Neben der Kapelle war die alte Turnhalle. Wir sollten auch eine Fluxolympiade haben, und in der Kunstgalerie sollte eine Ausstellung stattfinden. Für den Fall, daß es Schnee gäbe (es gab leider keinen), sollte ein mehrstöckiges Schneehaus gebaut werden. Für das Ganze war der 17. Februar 1970 angesetzt.

Maciunas studierte die katholische Messe, ihre Struktur und Traditionen, er untersuchte sorgfältig ihre Bestandteile und entwickelte witzige Interpretationen für alles. Die Assistenten des Priesters trugen Gorillakostüme, und die Vorderseite des Priestergewands zeigte abwechselnd Bilder von Napoleon, der Venus von Milo und von George Washington. Yoshimasa Wada war der Priester. In einem Plasmabehälter mit Schlauch befand sich der Messwein. Die Oblaten waren Kekse zum Abführen und für blauen Urin. Die Segnung des Brots, eines riesigen mit Sägemehl gefüllten Laibes, wurde von einer mechanischen Taube (Heiliger Geist), die Joe Jones hergestellt hatte, durchgeführt; sie bewegte sich über den Köpfen an einem Draht hin und her und ließ aus einer Dose Kot auf den Laib fallen.

Antiphonale „Gesänge" bestanden aus Klangeffekten wie Hundegebell und Lokomotiven, sowie aus Vogelrufen, die vom Priester durch Gewehrschüsse beantwortet wurden. Das Vaterunser wurde in Dutzenden von Sprachen rezitiert. Signalflaggen wurden eingesetzt. Rauchbomben dienten als Kerzen. Ein mit Wein gefüllter, aufblasbarer Superman wurde „zur Ader gelassen" .

Es war eine witzige, geistreiche Aufführung im echten Fluxus-Stil, die vielen gefallen hat, den Kaplan der Episkopalkirche brachte sie jedoch auf die Palme. Obwohl man gesehen hatte, wie er während der Fluxmesse in sich hineinkicherte, hetzte er andere Kapläne und Geistliche, Gemeindemitglieder und Abgeordnete unmittelbar danach dazu auf, beim College und der Universität zu protestieren. Plötzlich stand ich inmitten einer sich vom Organisator und Mitwirkenden zum Verteidiger. Es kam zu einem lokalen "cause celebre".

Die Fluxmesse ist sicher eins von Georges Hauptwerken. Gegen Ende seines Lebens wollte er eine weitere Aufführung der Fluxmesse arrangieren, möglichst in einer Kirche in Italien.

Geoffrey Hendricks, "Fluxriten", aus Fluxus-Katalog Wiesbaden 1982, S.151/152- aus Mr. Fluxus, Harlekin Art, 1996

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