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George Maciunas, Brief an Tomas Schmit, Jan. 1964 (Silvermann). Deutsch Tomas Schmit

Jetzt laß mich zum "Ideologischen " kommen. Zuerst werde ich in kurzen & klaren Sätzen (a) d ie Fluxus-Ziele erläutern und dann (b) die Fragen beantworten, die Du stellst. Danach kannst Du Dir überlegen, ob du mit Fluxus verbunden bleiben willst. Entschließt Du Dich, Fluxus zu verlassen, werden wirunsere Urheberrechte (auf deine Werke) wieder and Dich abtreten, Deine Arbeit zurückschicken und Dich formell aus derFluxusbewegung ausschließen. OK? Die Entscheidung liegt bei Dir, nicht bei uns.

a)Die Fluxus-Ziele sind sozial (nicht ästhetisch). Sie stehen (ideologisch) in Verbindung mit denen der LEF-Gruppe 1929 in der Sowjetunlonund richten sich auf stufenweise Eliminierung der schönen Künste (Musik, Poesie, Prosad ichtung, Malerei, Bildhauerei, etc. etc.). Motiv ist der Wunsch, die Verschwendung von Material und menschlichen Fähigkeiten (wie den Deinen) zu stopen und dieses Material und diese Fähigkeiten auf sozial konstruktive Ziele zu richten, etwa in den angewandten Künsten: industrielles Design, Journalismus, Architektur, Ingenieurwissenschaft, graphisch-typographische Künsten, Druck, etc., die alle den schönen Künsten nahe verwandte Bereiche sind und dem bildenden Künstler beste Alternativen zu seinen Beruf bieten. (Alles klar bis hierher?)

So ist Fluxus strikt gegen das Kunst-Objekt als funktionslose Ware, die nur dazu bestimmt ist, verkauft zu werden & dem Künstler den Lebensunterhalt zu garantieren Es kann höchstens vorübergehend die pädagogische Funktion haben, den Leuten klarzumachen, wie überflüssig Kunst ist, und wie überflüssig es schließlich selbst ist. Es sollte deshalb nicht permanent sein. (Übrigens ist es eineguteLehrmethode, Kunst zu verspotten und Avantgarde-Kunst zu verspotten! oder sich selbst!das wirstDu in derersten NummerderV TRE-Zeitung sehen, die ich DiralsDrucksacheschicken werde.) Deshalb ist Fluxus ANTIPROFESSIONELL (gegen die professionelle Kunst oder Künstler, die durch Kunst ihren Lebensunterhalt verdienen oder ihregesamte Zeit, ihr Leben der Kunst widmen).

Zweitens ist Fluxus gegen Kunst als Medium und Vehikel fürs Künstler-Ego; die angewandten Künste haben mit dem objektiven Problem, das zu lösen ist,fertig zu werden, nicht mit des Künstlers Persönlichkeit oder Ego.

Deshalb tendiert Fluxus zum Geist des Kollektivs, zu Anonymität und ANTI-INDIVIDUALISMUSauch zu ANTIEUROPÄISMUS (Europa als das Gebiet, das die Ideen des Kunstprofessionalismus, der l'art-pour-l'art-ldeologie, der Selbstverwirklichung des Künstler-Ego durch die Kunst, etc. etc. am stärksten unterstützt, gar hervorgebracht hat). All die Fluxus-Konzerte, -Publikationen, etc. sind bestenfalls (in wenigen Jahren) vorübergehende Übergangslösungen bis zu dem Augenblick da die schönen Künste (oder zumindest ihre institutionellen Formen) völlig eliminiert werden können und die Künstler andere Beschäftigungen finden. Daher ist es sehr wichtig, daß Du einen Beruf findest, von dem Du leben kannst.

b) Antworten auf deine ideologischen Fragen:

1. Die beste Fluxus-"Komposition" ist die am stärksten nichtpersönliche, readymade-artige; wie etwa Brechts Exit: Sie verlangt nicht, daß irgendeiner von uns sie auffahrt, da sie täglich ohne spezielle "Aufführung" geschieht. So werden unsere Festivals sich selbst eliminieren (bzw. die Notwendigkeit unsere Teilnahme), wenn sie totale Readymades werden (wie Brechts Exit). Das gleiche trifft auf Publikationen

andere vorübergehende Aktivitäten zu.

2. Zu Deiner Frage: der Fluxus-way-of-life ist tatsächlich: 9 Uhr bis 17 Uhr: sozial konstruktive und sinnvolle Arbeit, Lebensunterhaltverdienen; 17 Uhr bis 22 Uhr: Propaganda für den eigenen way-of-llfe unter müßigen Künstlern, Kunstsammlern, sie bekämpfen; 24 Uhr bis 8 Uhr: Schlafen (8 Stunden ist genug).

Du wirst feststellen, daß die besten Revolutionäre alle regelrecht arbeiten und praktizieren, was sie predigen und propagieren! Castro etwa leitet außer, daßerReden hält (Propaganda), eine Regierung. Könntest Du Dir vorstellen, daß er nur Reden hielte und die Regierungsführung einem anderen überließe? Alle LEF-Revolutionäre von 1929 arbeiteten als Journalisten oder in angewandten Künsten. Alle Fluxusleute (außer Paik und Dir) arbeiten, zum Teil in ganz anderen Bereichen.

 

Beste Grüße, & ich hoffe sehr ernstlich, daß Du bei Fluxus bleiben wirst, aber auf konstruktive Art, George.

aus Mr. Fluxus, Harlekin Art, 1996

kunstwissen.de

 
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