<<
Marcel
Duchamp
- RadioInterview von
1959
1987 wäre Marcel Duchamp 100 Jahre alt geworden. "Marcel Duchamp der wohl faszinierenste und verwirrendste Erfindergeist der modernen Kunst, dieser Sohn eines normannischen Notars, der wohl immer als einer der erstaunlichsten Geister seiner Zeit gelten wird." schreibt Pierre Caban über den Künstler, mit dem er 1966 ein berühmt gewordenes Interview geführt hat, das als Buch veröffentlicht worden ist.
Über die Bedeutung von Marcel Duchamp meinen der Salzburger Kunsthistoriker Thomas Zaunschirm, der auch Autor einige Bücher über Duchamp ist, und der Kunsthistoriker Wolfang Drechsler: "Der Mythos um Duchamp bzw. was andere aus ihm gemacht haben, ist vielleicht noch wichtiger, als seine eigenen Werke. Duchamps Konzeptionen und Projekte zeugen von einem sehr offenen System. Diese Offenheit läßt Platz für eigene Ideen, sodaß eine Auseinandersetzung mit Duchamp und seinen Werken anregend ist." Daß sich zwei österreichische Kunsthistoriker mit Duchamp beschäftigt haben, ist alles andere als Selbstverständlich - heißt es doch etwa im Vorwort zu eines der Bücher von Thomas Zaunschirm: "Den Namen Marcel Duchamp hörte ich während meines Kunstgeschichtestudiums nie."
Das Radio-Interview mit Marcel Duchamp wurde 1959 aufgenommen und zwar von Richard Hammilton und George Hörd Hammilton, und befindet sich nun im Archiv von Audio-Arts in London. Marcel Duchamp erzählt in diesem Interview von seinen "Ready-mades", vom "Fahrrad-Rad" aus dem Jahre 1913, dem "Flaschentrockner" und der "Schneeschaufel" die schon in New York entstand: "Das Readymade war eine Art von Selbstbefreiung. Es ist sehr wichtig für mich mich nicht in einem eingefahrenen Gleis zu bewegen. Ich möchte frei sein, frei vor allem von mir selbst. Ich kann es nicht ändern ich bin eben ein penibler Mensch."
Ein anderes "Ready-made"
heiß "Warum nicht niesen?" und besteht aus einem
Vogelkäfig mit einem Würfelzucker aus Marmor
anstatt eines Vogels. In seinen Notizen erwähnt
Marcel Duchamp einige "Ready-mades" die nicht
ausgeführt worden sind, darunter eines, daß er
ein reziprokes "Ready-made" nennt: "Man nehme ein Bild
von Rembrandt und statt es anzuschauen, verwende man es
einfach als Bügelbrett."
Thomas Zaunschirm und Wolfgang Drechsler formulieren ihre Eindrücke zu dem Radio-Interview mit Marcel Duchamp folgendermaßen:
"Duchamp hat seit 1949 immer wieder und in verstärktem Maße dann in den 50er Jahren Interviews gegeben. Das erste Interview von ihm wurde von NBC 1956 ausgestrahlt und es folgten weiter Interviews wie das der beiden Hammiltons, das auch auf Tonbändern aufgenommen wurde. Duch ein Interview, bzw. durch die Originalstimme des Künstlers, kann sich das Bild daß man sich von ihm macht verändern. Wie würde z.B. ein lispelnder Picasso, ein pipsender Klimt oder ein stotternder Dürrer auf die Vorstellung die man sich von ihnen macht wirken?
So hat auch das Bild von Duchamp durch das Interview eine gewisse Akzentuierung erfahren. Wenn man in Duchamp einen leichten Zyniker sieht, der sehr reflektierend gearbeitet hat, so könnte man sagen, daß die Stimme durchaus zu ihm paßt. Gleichzeitig scheint dieser Zyniker, der einem aus Bildern und Fotographien entgegenlächelt, eigentlich verschwunden. Er spricht in einer Tonlage, die zwischen Dämonie und Zerbrechlichkeit hin und her schwankt. Hört man seine Worte bzw. seinen Tonfall, so kann man erahnen, weshalb er als sehr freundlich, charmant und entgegenkommend beschrieben wird. Und man bekommt das Gefühl, daß dies wirklich jener Mann ist, der sich jahrzehntelang gewollt oder ungewollt dem Kunstbetrieb entzogen hat.
Seine Werke sieht man sie
im Original drücken einerseits Zerbrechlichkeit und
Empfindsamkeit und andererseits eine enorme
Präzision. Dies drückt sich auch in seiner
Stimme aus.Die persönlichen Aussagen eines
Künstlers besitzen natürlich einen
Informationswert. Genauso wie auch die Stimme einen
Informationswert hat, was vielleicht von Seiten der
Kunsthistoriker etwas vernachläßigt wird. Die
Information, die in einer Stimme liegt, muß man
erst hören lernen. Es gibt nicht nur so etwas wie
eine Weltanschauung, sondern es gibt auch so etwas wie
eine Weltanhörung. In diesem Sinne wird vielleicht
Duchamps Stimme unterbewertet und vielleicht sein
Schweigen überbewertet."
Auf die Frage ob man das "Ready-made" als Kunstwerk betrachten kann, meint Duchamp: "Das Problem liegt darin, daß man zuerst definieren muß, was Kunst ist. Das "Ready-made" ist ein ironischer Kommentar zu der Tatsache, daß es keine unveränderliche Definition dessen gibt, was Kunst ist."
Thomans Zaunschirm und Wolfgang Drechsler:
"Eine Schwierigkeit bei Radio-Interviews besteht darin, daß sie an den Moment der Sendung gebunden werden. Allerdings kann aus dieser Flüchtigkeit eine Präsenz entstehen, die Bilder nicht haben. Ein Bild braucht immer eine Interpretation, damit es Gegenwartspräsenz bekommt. Eine Stimme erklingt - in gewisser Weise distanzlos - in uns. Man kann nicht auf das Hören horchen. Daß die Radio-Interviwes mit Marcel Duchamp selten in schriftlicher Form vorliegen, erklärt sich z.T. daraus, daß in den Radio-Interviews kaum Neues gesagt wurde, sondern meist auf Themen, Ideen, Konzepte eingegangen wurde, die Duchamp bereits an anderer Stelle gesagt hat und die bereits veröffentlicht sind. Duchamp hat stets gerne Auskunft gegeben über seine Werke oder Projekte. Sieht man sich diese Werke allerdings genauer an, so erhält man den Einduck, daß er es peinlichts vermieden hat, mit seinen Antworten etwas zu erklären. Es sind Antworten, die einen schnellen Frager sicherlich zunächst einmal befriedigen. Erst wenn man genauer darüber nachdenkt, was er gesagt hat, zeigt sich, daß eigentlich noch mehr Rätseln entstanden sind. Auch seine Werke sind mit Rätseln versehen und vielleicht liegt auch darin ein Grund, weshalb er nach wie vor aktuell und ein Thema der Kunsthistoriker ist."
Duchamp selbst meinte: "Ein Kunstwerk existiert dann, wenn der Betrachter es angeschaut hat. Bis dahin ist es nur etwas, das gemacht worden ist, und wieder verschwinden kann, ohne daß jemand dovon weiß. Die Museen sind nichts anderes als Gefäße für Dinge, die überlebt haben und wahrscheinlich mittelmäßig sind. Die Bilder haben überlebt nicht weil sie schön sind, sondern nach Gesetzen des Zufalls. Ein Kunstwerk ist immer nur für eine kurze Zeitspanne ein Kunstwerk. Es gibt ein Leben in einem Kunstwerk das noch kürzer ist als die Lebenszeit des Menschen. Nach 20 Jahren hat ein impressionistisches Gemälde aufgehört ein impressionistisches Gemälde zu sein. Sie überleben weil es Kuratoren der Kunstgeschichte gibt. Die Kunstgeschichte ist nicht Kunst."
Ein musikalisches Erratum
von Marcel Duchamp aus dem Jahre 1913, trägt den
gleichen Titel wie Duchamps großes Glas: "Die Braut
von ihren Junggesellen nackt entblöst sogar". Zur
Realisierung von Duchamps musikalischem Erratum braucht
man einen Trichter, eine Spielzeugeisenbahn mit offenen
Waggons und Bälle, die in den Trichter gelegt
werden. Die Bälle haben Nummern und
repräsentieren je einen Ton z.B. auf dem Kalvier.
Der Zufall entscheidet wie die Bälle aus dem
Trichter in den Spielzeugzug fallen. Auf diese Weise wird
die Tonfolge der Komposition festgelegt. Sie ist also
variabel. Duchamp hat damit zum ersten Mal Zufallsmusik
komponiert, wobei die Dinge, die man hört genauso
wichtig sind, wie jene, die nicht zu hören
sind.