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DADAistisches Manifest, Berlin 1918

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Die Kunst ist in ihrer Ausführung und Richtung von der Zeit abhängig, m der sie lebt, und die Kunstler sind Kreaturen ihrer Epoche Die höchste Kunst wird diejenige sein, die in ihren Bewußtseinsinhalten die tausendfachen Probleme der Zeit präsentiert, der man anmerkt, daß sie sich von den Explosionen der letzten Woche werfen ließ, die ihre Glieder immer wieder unter dem Stoß des letzten Tages zusammensucht Die besten und unerhörtesten Kunstler werden diejenigen sein, die stündlich die Fetzen ihres Leibes aus dem Wirrsal der Lebenskatarakte zusammenreißen, verbissen m den Intellekt der Zeit blutend an Händen und Herzen

Hat der Expressionismus unsere Erwartungen auf eine solche Kunst erfüllt, die eine Ballotage unserer vitalsten Angelegenheiten ist?

Nein! Nein! Nein!

Haben die Expressionisten unsere Erwartungen auf eine Kunst erfüllt, die uns die Essenz des Lebens ins Fleisch brennt?

Nein! Nein! Nein!

Unter dem Vorwand der Verinnerlichung haben sich die Expressionisten m der Literatur und in der Malerei zu einer Generation zusammengeschlossen, die heute schon sehnsüchtig ihre literatur- und kunsthistorische Würdigung erwartet und für eine ehrenvolle Bürger-Anerkennung kandidiert Unter dem Vorwand die Seele zu propagieren, haben sie sich im Kampfe gegen den Naturalismus zu den abstrakt-pathe-tischen Gesten .zurückgefunden die ein inhaltloses bequemes und unbewegtes Leben zur Voraussetzung haben. Die Bühnen füllen sich mit Königen, Dichtern und faustischen Naturen jeder Art, die Theorie einer melioristischen Weltauffassung deren kindliche, psychologisch naivste Manier für eine kritische Ergänzung des Expressionismus signifikant bleiben muß durchgeistert die tatenlosen Köpfe Der Haß gegen die Presse, der Haß gegen die Reklame der Haß gegen die Sensation spricht für Menschen denen ihr Sessel wichtiger ist als der Lärm der Straße und die sich einen Vorzug daraus machen von jedem Winkelschieber übertölpelt zu werden jener sentimentale Widerstand gegen die Zeit die nicht besser und nicht schlechter nicht reaktionärer und nicht revolutionärer als alle anderen Zeiten ist jene matte Opposition, die nach Gebeten und Weihrauch schielt, wenn sie es nicht vorzieht, aus attischen Jamben


ihre Pappgeschosse zu machen — sie sind Eigenschaften einer Jugend, die es nie-mals verstanden hat, jung zu sein. Der Expressionismus, der im Ausland gefunden, in Deutschland nach beliebter Manier eine fette Idylle und Erwartung guter Pension geworden ist, hat mit dem Streben tätiger Menschen nichts mehr zu tun. Die Unter-zeichner dieses Manifests haben sich unter dem Streitruf

DADA!!!!

zur Propaganda einer Kunst gesammelt, von der sie die Verwirklichung neuer Ideale erwarten. Was ist nun der DADAISMUS?

Das Wort Dada symbolisiert das primitivste Verhältnis zur umgebenden Wirk-lichkeit, mit dem Dadaismus tritt eine neue Realität m ihre Rechte. Das Leben erscheint als ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhytmen, das in die dadaistische Kunst unbeirrt mit allen sensationellen Schreien und Fiebern seiner verwegenen Alltagspsyche und m seiner gesamten brutalen Realitätübernommen wird Hier ist der scharf markierte Scheideweg, der den Dadaismus von allen bisherigen Kunst-richtungen und vor allem von dem FUTURISMUS trennt, den kürzlich Schwach-köpfe als eine neue Auflage impressionistischer Realisierung aufgefaßt haben Der Dadaismus steht zum erstenmal dem Leben nicht mehr ästhetisch gegenüber, indem er alle Schlagworte von Ethik, Kultur und Innerlichkeit, die nur Mäntel für schwache Muskeln sind, m seine Bestandteile zerfetzt.

Das BRUITISTISCHE Gedicht

schildert eine Trambahn wie sie ist, die Essenz der Trambahn mit dem Gähnen des Rentiers Schulze und dem Schrei der Bremsen

Das SIMULTANISTISCHE Gedicht

lehrt den Sinn des Durcheinanderjagens aller Dinge, während Herr Schulze liest, fährt der Balkanzug übet die Brücke bei Nisch, ein Schwein jammert im Keller des Schlächters Nuttke

Das STATISCHE Gedicht

macht die Worte zu Individuen, aus den drei Buchstaben Wald, tritt der Wald mit seinen Baumkronen, Försterlivreen und Wildsauen vielleicht tritt auch eine Pension heraus vielleicht Bellevue oder Bella vista. Der Dadaismus führt zu unerhörten neuen Möglichkeiten und Ausdrucksformen aller Künste. Er hat den Kubismus zum Tanz auf der Bühne gemacht, er hat die BRUITISTISCHE Musik der Futuristen (deren rein italienische Angelegenheit er nicht verallgemeinern will) in allen Ländern Europas propagiert. Das Wort Dada weist zugleich auf die Internationalitat der Bewegung,


die an keine Grenzen Religionen oder Berufe gebunden ist. Dada ist der inter-nationale Ausdruck dieser Zeit, die große Fronde der Kunstbewegungen der künst-lerische Reflex aller dieser Offensiven Friedenskongresse Balgereien am Gemüse-markt, Soupers im Esplanade etc. etc. Dada will die Benutzung des

neuen Materials in der Malerei.

Dada ist ein CLUB, der in Berlin gegründet worden ist, in den man eintreten kann, ohne Verbindlichkeiten zu übernehmen. Hier ist jeder Vorsitzender und jeder kann sein Wort abgeben, wo es sich um künstlerische Dinge handelt. Dada ist nicht ein Vorwand für den Ehrgeiz einiger Literaten (wie unsere Feinde glauben machen möchten). Dada ist eine Geistesart die sich in jedem Gespräch offenbaren kann, sodaß man sagen muß: dieser ist ein DADAIST - jener nicht, der Club Dada hat deshalb Mitglieder in allen Teilen der Erde, in Honolulu so gut wie in New-Orleans und Meseritz Dadaist sein kann unter Umständen heißen mehr Kaufmann mehr Parteimann als Künstler sein — nur zufällig Künstler sein - Dadaist sein heißt, sich von den-Dingen werfen lassen, gegen jede Sedimentsbildung sein, ein Moment auf einem Stuhl gesessen, heißt, das Leben in Gefahr gebracht haben (Mr. Wengs zog schon den Revolver aus der Hosentasche). Ein Gewebe zerreißt sich unter der Hand, man sagt ja zu einem Leben, das durch Verneinung höher will. Ja-sagen — Nein-sagen das gewaltige Hokuspokus des Daseins beschwingt die Nerven des echten Dadaisten — so liegt er, so jagt er, so radelt er — halb Pantagruel, halb Fran ziskus und lacht und lacht. Gegen die ästhetisch-ethische Einstellung! Gegen die blutleere Abstraktion des Expressionismus! Gegen die weltverbessernden Theorien literarischer Hohlköpfe! Für den Dadaismus in Wort und Bild, für das dadaistische Geschehen m der Welt. Gegen dies Manifest sein, heißt Dadaist sein!

Tristan Tzara. Franz Jung. George Grosz. Marcel Janco. Richard Huelsenbeck. Gerhard Preiß. Raoul Hausmann.

0. Lüthy. Frederic Glauser. Hugo Ball. Pierre Albert Birot.

Maria dArezzo Gino Cantarelli. Prampolini. R. van Rees. Madame van Rees.

Hans Arp. G. Thäuber. Andree Morosini. Francois Mombello-Pasquati.

 

Von diesem Manifest sind 25 Exemplare mit den Unterschriften der Berliner Vertreter des Dadaismus versehen worden und zum Preise von 5 Mark bei Richard Huelsenbeck Berlin Charlottenburg, Kantstr 118, III. zu beziehen. Alle Anfragen und Bestellungen bitte man an die gleiche Adresse zu richten.

Leiter der Bewegung in der Schweiz: Tristan Tzara, Zürich Zeltweg 83 (Administration du Mouvement Dada F. Arp), Leiter in Skandinavien: Francis Morton, Stockholm Marholms Gaden 14


CLUB DADA

Wunder der Wunder

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Die dadaistische Welt realisiert in einem

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DADA Augenblick

internationaler Rhythmus


 

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