
Wally Keeler 25 Jul. 1997 09:00 Optionen ausblendenNewsgroups: soc.culture.magyar, soc.culture.romanian
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Datum: 1997/07/25
Betreff: DAS CHAOS ALS LETZTE ORDNUNG
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Published in ARCHENOAH, Nr.3(8)July-September 1996, pages 41-42, ISSN 0946-0810
(Zeitschrift zur Forderung multikultereller Beziehungen)
DAS CHAOS ALS LETZTE ORDNUNG: TRISTAN TZARA UND DER DADAISMUS
by
RADU BARBULESCU
Es gibt Menschen, die in der elgenen Person den
Multikulturalismus verko"rpem. Zum Beispiel dieser Tristan Tzara,
am 4.4 1896 in Moineoti, Rumanien geboren wurde, den burgerlichen
Namen Sami Rosenstock trug und in der Schweiz (Zunch) und
Frankreich (Paris, wo er auch am 2512 1965 verstarb), seiner
literarische Tatigkeit nachging. Franzosischer Autor (wie ihn
einige, auberhalb Rumaniens gedruckte Literaturlexika fuhren)
judischer Abstammung, rumanischer Autor, der im Ausland wirkte
(wie er in Rumanien bekannt ist) oder judische Schriftsteller
franzosischer Sprache? Eine schwierige Frage, die man nur dadurch
umgehen kann, indem man Tzara einfach der Weltliteratur zuordnet -
emer Literatur also, die zu der auch Dante und Cervantes, Gothe
und Schiller, oder Shakespeare und Byron, oder Moliere und Victor
Hugo usw. gehoren: also 'Nationaldichter' par excellence die ohne
ihre Geburtsheimat zu verlassen, deren enge Grenzen durch ihre
Kunst ubersprangen. Damit ist der Gerechtigkeit schuld getan.
Uberhaupt: muB es sein, daB immer nach der ethnischen
Zugehorigkeit gefragt wird, urn die etwaigen Verdienste (oder
Mangel) eines Menschen zu begrunden? Im Falle des Dadaismus
scheint es um so mehr lacherlich aut Nationalerebene die Grunde
seiner Entstehung zu suchen, da der Dadaismus von Anfang an eme
internationale Kunst- und Literaturrichtung war, die "dank"
geschichtlicher Gegebenheiten (I. Weltkneg), 1916 ihre Anfange auf
neutralem Boden, in Zurich, hatte.
Im Schweizer Exil, also, genauer gesagt in dem von Hugo Ball
als "Kunstlerkneipe im Simplizissimus-Stil" geplanten und am 5.2.
1916 erofftneten "Cabaret Voltaire" schlossen sich Hans Arp, Hugo
Ball, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Tristan Tzara enger
zusammen, die schon im April 1916 uber die Proklamierung einer
eigenen Kunstrichtung skutierten Eine Kunstrichtung die sich von
dem Expressionismus, dem Kubismus und dem italienischen Futurismus
abgrenzen sollte und aus dem Zurcher "Cabaret Voltaire" die
"Experimentierbuhne aller derjenigen Probleme, die die moderne
Kunst bewegten", den Stutzpunkt der Dadaismus bilden sollte. Die
im Juni 1916 erschienene Publikation "Cabaret Voltaire"
dokumentiert diese geschichliche Phase, die in seiner Synthese der
modernen kunsi- und Literaturrichtungen" die Voraussetzungen einer
selbststandigen Kunst- und Literaturrichtungen schuf. Das
Gruppensymbol - das "Logo", wurde man heute sagen -, "Dada" wurde
von Tristan Tzara schon am 26.2.1916 in seiner "Chronique
Zurichoise" benutzt und Hugo Ball schlagt Anfang Juni in seinem
Vorwort zur Publikation "Cabaret Voltaire" dasselbe Wort als lul (Das Symbol)
herausgegeben hatte, nutzte seine Fahigkeiten im Dienste der neuen
Zeitschrift, die auch die Mitwirkung einiger Kunstler wie Francis Picabia,
Johannes Baargeld und Raoul Rausmann genoB.
"Nehmen Sie irgendeine Zeitung, eine Schere, suchen Sie sich irgendeinen
Artikel aus, schneiden Sie den Beitrag aus der Zeitschrift aus zerschneiden
Sie die einzelnen Worte, stecken Sie alles in einen Sack, mischen Sie
es..."
so etwa beschrieb Tzara die Methode der Dadaismus; das Gruppen logo selbst
wurde angeblich dadurch gefunden indem man ein Papiermesser In ein
Larousse-Worterbuch gesteckt hatte (",dada", auf Franzosisch:
kindersprachlicher Stammellaut - Pferdchen).
Wenn man in Ausland meint, daB Tzara in seiner "chaotischen" Lyrik eine
kompromiB lose Ablehrung gegenuber den bestehender gesellschaftl chen und
moralischen Normen ausdrucken, und die Auflosung der Logik- und Sprachgesetze
suchen wurde, meint der rumanischen Literaturkritiker G. Caelinescu
(1899-1965) in seiner monumentalen "Geschichte der rumanischen Literatur", daB
die Dadaisten ihre Theorien niemals auch tatsachlich praktizierten:
"Auch in den absurdesten Erfindungen, wie diesen Verse von Tristan
Tzara; ist die diskrete Assoziation zu sehen:
la chanson d'un dadaiste Das Lied von einem Dadaist.
qui n'etait ni gai ni triste er war nicht froh, und auch nicht trist,
et aimait une bicycliste und liebte cine Radlerin,
qul n'etait ni gale ni triste. die war nichi froh, nicht trist irn Sinn.
mai l'epoux le jour de l'an Der rabiate Ehemann,
savait tout et dans une crise erfuhr von seiner Lieben Maschen
envoye au vatican und schickte flugs an das Vatican
leurs deux corps en trois valises. zwei Leichen in drei schwarzen Taschen
... Hier handelt sich eigentlich um eine Anekdote, die versifiziert wurde, um
die gangigen religiosen Gefuhle zu verletzen."
Das Ende des Krieges und des Exils anderte die Voraussetzungen unter
denen der kabarettistische Protest gegen den Wahnsinn der Zeit seine Existenz
begrundete. Die Dadaisten, die nicht so sehr durch einen Gruppenstil sondern
durch ihre kunsterisch-politische Haltung und durch das gemeinsamen Exil
zusammengebracht waren, fielen auseinander. Tzara etabierte sich in Paris, wo
er mit Arp, Louis Aragon, Andre' Breton, Paul Eluard u.a. den Dadaismus zu
etablieren versuchte. Trotz mancher Kunstausstellungen blieb der Dadaismus in
Frankreich mehr jedoch eine literarische Angelegenheit. 1923 trat der
Surrealismus als Nachfolger des Dadaismus an. Dada-Zentren bildeten sich in
Berlin (1918 - 1920; mit Huelsenbeck, W. Herzfelde und J. Heartfield, George
Grosz, Raoul Hausmann, Walter Mehring und Johannes Baader) , Koln (1919-1920;
mit Max Ernst, Johannes Baargeld und Hans Arp) und die "Merz" (Dada-Version)
von Kurt Schwitters in Hannover, die sogar bis 1937 dauerte. In Rumanien
vertrat der Mediziner Sasa Pana mit seiner Zeitschrift ",unu" (erschienen
1928, eingestellt 1932) sowohl der Dadaismus als auch der Surrealismus.
Der Dadaismus, dieser Versuch, das Chaos als letzte Ordnung
vorzustellen, oder, wie Hugo Ball schrieb, dieses "Narrenspiel aus dem Nichts,
in das alle hoheren Fragen verwickelt sind", hat seine Flamme ausgebrannt.
Jedoch haben andere kunstlerische und literarische Richtungen an ihr ihre
Zundung geholt: der Surrealismus, die abstrakte Dichtung, die Pop-Art. Wenn
aus dem Experiment etwas von Wert geblieben ist, ist es der Gedanke, daB alle
Kunstrichtungen, sollten sie auch noch so ausgefallen erscheinen, letztendlich
dem men - schlichen Geist entsprungen sind - und alle seine Starken und
Schwachen besitzen.