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Louise Bourgeois , geb. 1911
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Louise Bourgeois, 1911 in Paris geboren, seit 1938 in New York ansässig, hatte schon immer großes Vergnügen daran, die Verhältnisse umzukehren. Sie hat damit ihre Karriere bestritten und ein Werk geschaffen, das ihr einen Platz unter den großen Bildhauern der Gegenwart sichert. Sie hat ihr Innerstes nach außen gekehrt, hat immer bereitwillig Auskunft gegeben über sich und ihre familiären Prägungen. Sie hat ihre Verletzungen (speziell durch den dominanten Vater) zum Thema ihrer Kunst gemacht, hat im psychoanalytisch 20. Jahrhundert sämtliche freudianischen Klischees aufgegriffen, derer sie habhaft werden konnte, hat sich an ihnen abgearbeitet und sie entweder verstärkt oder gebrochen. Ob sie dabei ihre Biografie erfunden hat, und wenn ja, inwiefern, spielt keine Rolle, denn die Muster, die sie verwendet hat, sind so verbreitet, dass man für sie Allgemeingültigkeit beanspruchen darf.

 

Bei alldem ist Bourgeois etwas Bemerkenswertes gelungen: Sie hat Massenkunst hergestellt, die sehr hermetisch ist. Ihre Werke sind für jeden auf Anhieb verständlich, und bleiben gleichzeitig komplett rätselhaft. Bourgeois bietet offenkundige Deutungen an und lässt den Betrachter im selben Moment völlig im Unklaren darüber, ob diese Deutungen auch tatsächlich zutreffend sind.

 

Nach Stationen in Bregenz und Warschau ist nun in der Berliner Akademie der Künste eine vom Hauptstadtkulturfonds finanzierte, für Berlin leicht variierte und ergänzte Ausstellung zu sehen, die mit zweiundzwanzig Skulpturen, circa neunzig Zeichnungen und einer Klanginstallation einen so umfassenden Überblick über ihr Schaffen gewährt, wie hierzulande zuvor nur die große Retrospektive 1996 in den Deichtorhallen in Hamburg. Der überwiegende Teil der Arbeiten ist in den letzten fünf Jahren entstanden, doch das heisst nicht, dass (durchaus erwünschte) Déjà-vu Erlebnisse ausgeschlossen sind. Im Gegenteil: Bourgeois' künstlerisches Formenrepertoire - Kugeln, Spiegel, Körperteile, abstrakte Zeichen - ergibt seit jeher das, was der Kritiker Harald Fricke in seinem sehr lesenswerten Aufsatz im Katalog zur Berliner Ausstellung ein "totales Theater der Repräsentation" genannt hat. Fricke vergleicht das Schaffen der Bildhauerin mit einem "wuchernden Archiv", in dem sich "kontinuierlich Diskontinuierliches" ereignet: Eine frühe Zeichnung "kann Jahre später in eine Skulptur transformiert werden", deren Fragmente wiederum in den käfigartigen Installationen der neunziger Jahre, den so genannten Cells, auftauchen.

Natürlich kommt eine Ausstellung wie diese nicht ohne eine von Bourgeois' Spinnen aus, die spätestens seit dem riesigen Exemplar, mit dem sie vor drei Jahren die damals neu eröffnete Tate Modern in London ausstattete, zum Markenzeichen ihres späten Ruhms geworden sind. Eindrucksvoller als der eine halbe Tonne schwere Blickfang sind freilich die kleineren, weniger bekannten Plastiken, die in der Akademie der Künste um die Spinne herum gruppiert wurden. Die seltsame, tropfenförmige, entfernt an einen Ameisenbau erinnernde Fée couturière aus dem Jahr 1963 zum Beispiel, die gleich am Eingang von der Decke hängt. Oder auch die beklemmende, klaustrophobische Nature Study # 5 aus rosafarbenem Marmor und Stahl von 1995, die von außen wirkt wie ein steinerner Trog, in deren Inneren jedoch kreuz und quer unzählige Frauenbrüste zu wachsen scheinen.

Dieses Schwanken zwischen Symbolik und Abstraktion, Extrovertiertheit, Stilisierung und offener Interpretation lässt sich auch an den Zeichnungen beobachten, an denen Bourgeois trotz ihres hohen Alters mit ungebremster Kreativität und Energie arbeitet. Sie selbst spricht von ihnen gerne in einem Wortspiel als von ihren Pensées plumes, ihren federleichten Gedanken oder Gedanken, die sie mit der Feder zu Papier bringt. Das sollte einen nicht in die Irre führen. Leicht zu konsumieren sind diese Bilder, Skripturen und Notate jedenfalls nicht. Schlaflose Nächte, Ängste und Albträume haben sie hervorgebracht - das aber merkt man erst, wenn man die Schriftzüge auf ihnen entschlüsselt, die Titel übersetzt oder die Details beachtet.

Zur Ausstellung in der Akademie der Künste, bis zum 27. Juli 03; Katalog, siehe Frankfurter Allgemeine Mai 2003

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