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GRIECHISCHE KUNST - Grundlagen

| Übersicht über die Bildhauerei in Archaik, Klassik, Helenismus |

 

Die griechische Plastik ist namenlos; Wir sehen immer nur den Menschen im allgemeinen, nicht eine bestimmte Physiognomie. Dennoch ist die Plastik allgemeinverständlich.Das Ideal griechischer Plastik ist der nackte Mensch. Die Motive des Geschehens sind Grundmotive körperlichen Verhaltens: Stehen, knien, sitzen, hocken, liegen.

Die Gestalt ist nicht eintönig, sondern räumlich reich gegliedert. Deshalb erscheint sie dem Betrachter immer wieder reich und anziehend. Indem nur solche Formen den Körper gliedern, die Bewegung ausdrücken, wirkt die Plastik lebendig. Der Reichtum der Form wird dadurch bewirkt, daß jedes Körperteil eine andere Bewegung ausführt: daß,wenn der Kopf sich nach links dreht, der Unterkörper sich nach rechts dreht und wenn das eine Bein fest aufsteht das andere, sich beugend, auf den Zehen spielt (KONTRAPOST). Dies geschieht aber nicht willkürlich, sondern in innerer Beziehung zueinander.Die Verschiebung geschieht so, daB jede Körperbewegung durch eine gegenläufige in einem anderen Korperglied ausgeglichen wird (PONDERATION). So bleibt der Körper bei größtmöglichem Reichtum der Bewegung doch im Gleichgewicht und in Ruhe. Er verfällt nicht in ein durch äußeren Bezug erklärbares Tun, sondern behält seine Haltung in vollendete Harmonie.

Die Beschränkung des Ausdrucks auf die körperliche Haltung und der Verzicht auf seelischen Gehalt im Gesicht ist nicht ausdruckslos. Tragische Gefühle die sich im Gesicht spiegeln, pflegen den Ausdruck des Körpers zu lähmen. Der Ausdruck der körperlichen Haltung ist das, was wir Würde nennen. Es ist die Haltung eines freien Menschen.

Die ganze Bedeutung der griechischen Statue erfassen wir jedoch erst dann, wenn wir uns klarmachen, daß der nackte menschliche Körper die Wärme und Traurigkeit nächster Beziehungen zwischen den Menschen ist.Die griechische Statue ist eine lebendige Kunst und eine Kunst der Verlebendigung, auch des Toten. Der Grieche setzt alles daran das tote Material des Bildbauers zu überwinden und der Statue das [eben mitzugeben, das nur für den Betrachter gemacht ist. Die griechische Statue ist nicht magisch, sondern repäsentativ. In der griechischen Plastik dringt alles von innen nach außen, mit dem Anspruch gesehen werden zu wollen: „Seht her, bin ich nicht schön!"

Das Material ist nur noch Träger des lebendigen Bildes, darüber hinaus hat es keine Funktion. Die Haltung der Statue ist keine von außen auferlegte, sondern freie Haltung, von innen erzeugte,selbstgewählte Gestalt. Der nackte Körper bezeugt den Willen zur Freiheit. Der Zweck der Statue liegt außerhalb einer bestimmten Haltung. Der Zweck ist, für den Betrachter schön zu sein.

Muskeln und Gelenke sind nicht Zufälle des Modells- Runzeln, Narben, Fettleibigkeit etc.- werden nicht gezeigt, sondern ein idealer Körper, Die wie ein Schild ausdrucksvoll gegliederten Bauchmuskeln sind in der Natur so nicht sichtbar. Die Gelenklinie, die von der Hüfte zur Scham herabführt und die Lagerung des Rumpfes auf dem Gerüst der Beine, wird ebenfalls in einerWeise hervorgehoben, wie es der Anblick in der Natur nicht zeigt. Der Grieche gestaltet also nicht allein im Hinblick auf ein Äußeres, sondern im Hinblick auf eine ästhetische Idee. Die innere Bezogenheit jeder Form auf die Idee hin, bewirkt eine Harmonisierung und Steigerung des Formzusammenhanges. 

Der Grieche ist in erster Linie Schauspieler, nicht im Sinne des Sichversteckens, sondern der Darbietung (Olympische Spiele, Theater, Philosophie). Man weiß wie sehr die sportlichen Spiele eine religiöse und eine öffentliche Bedeutung besaßen, von der wir uns heute keinen vollen Begriff mehr machen können. Diese Unmittelbarkeit des Körperlichen und Erotischen mag der Grund gewesen sein, weshalb der nackte Körper umfassender Inhalt der Kunst geworden ist. Da im alten Griechenland die Beziehung von Mann zu Mann, stärker als wir uns heute vorstellen vermögen, die zu einem geliebten Wesen war, ist die Jünglingsstatue ein Bekenntnis zur Schönheit geliebter Knaben.

Die Bildung des Körpers (Olympische Spiele, Gymnasium ) ist zugleich auch gesehen als Bildung des Auges und des Geistes. Die Ausbildung der männlichen Jugend im Gymnasium erfolgte unter Anleitung eines„Pädagogen"(Knabenlenkers). Und das ist die andere Seite der Statuen: Vorbild, ein MaBstab zu sein, ein Gegenstand der Nachahmung und des Ehrgeizes für die Zöglinge. Wie konnte es ausbleiben, daß diese Statuen, die auf Plätzen standen, den Wunsch erweckten, so schön zu sein wie diese Statuen.

Nie ist die Statue dekorative Zutat zur Architektur. Da die körperliche Arbeit von Sklaven verrichtet wurde, hatten die Griechen Z eit zur Pflege ihres Körpers und ihres Wissens. Höhepunkte des Lebens war die Teilnahme an öffentlichen Wettkämpfen Die Aufstellung der Statuen erfolgte auch als Weihegabe an einen Gott, um Glück und Segen für sich zu erbitten. H ierin liegt ein weiteres Geheimnis griechischer Plastik, daß wir nicht feststellen können ob die dargestellte Figur einen Menschen oder einen Gott meint; denn die Darstellungsweisen unterscheiden sich nicht. Die Menschen sind göttlich und die Götter sind menschlich. Das ist der Kern der Aussage griechischer Plastik.

nach Richard Hamann >Geschichte der Kunst<, München 1963

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