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Frühchristliche Skulptur ( 300 - 800 n.Chr)

In der Zeit zwischen Spätantike und Romanik , einer Zeit der Umbrüche, der Völkerwanderung und des Untergangs Rom sind überlieferte Skupturen rar,eher sind uns die byzantinischen Mosaike vertraut. Die angesprochene Zeit vollzieht den Umbruch von der Antike zum germanisch geprägten Mittelalter , von antiker From und Gehalt zu Mischformen mit germanisch-christlich-antiker Form und Gehalt. Die vollplastische Statue, wie sie für die Klassische Antike charakteristisch war, verschwindet und wird größtenteils durch transportable Kleinplastiken und Elfenbeinreliefs ersetzt.

Wenn auch keine in erster Linie bildhauerischen Neuerungen für die 500 Jahre zwischen der Thronbesteigung Konstantins d. Gr. 325 und der Ära Karls d. Gr. 768-814 zu verzeichnen sind, so bilden doch die dargestellten Sarkophagreliefs und Elfenbeinschnitzereien eine Brücke zum Verständnis der Entwicklung der Plastik. Christliche Szenen bedienen sich zunächst des antiken Formenvokabulars; christliche Figurentypen wie der Kruzifixus und die Madonna sind erst in Ansätzen erkennbar.

Interessant ist es wie das Motiv des am Kreuz sterbenden Christus an Akzeptanz gewann. Welche religionsgeschichtlichen Umstände begünstigten ein Bildmotiv, das bis heute - wenn auch unter anderen Vorzeichen - für Künstler interessant ist? Die Ursachen liegen in der frühchristlichen Zeit.

Gleichwohl stecken die Wurzeln der nichtklassischen Bildauffassung in der Spätantike, für die im Nebeneinander der Stile auch die Reduktion auf die starre, frontal ausgerichtete Figur kennzeichnend war. Zu erklären ist dieses Phänomen durch Einflüsse aus Asien, aber auch als Erstarken »subantiker« Strömungen, plebejischer Lokaltraditionen, die den antiken Formenkanon ablösten.

Eines der wenigen erhaltenen Beispiele befindet sich eingemauert in der Außenwand der Kirche S. Marco in Venedig. Die Porphyrgruppe der Vier Tetrarchen führt als Denkmal der Regenten Diokletian und Maximianus mit deren Mitregenten Galerius und Constantius Chlorus den um 300 geltenden offiziellen Formenkanon vor. Einerseits greift das Quartett auf den dem kaiserlichen Standbild vorbehaltenen dunkelroten Porphyr zurück, der nur in Ägypten vorkommt. Andererseits ist die freie Rundskulptur aufgegeben. Alle vier sind gleich untersetzt, wirken starr und miteinander verschweißt, was auf politische Einigkeit hinweisen soll. Die Gewandfalten der Herrscher bilden keine fließend modellierten Kaskaden mehr, sondern wurden lediglich eingeschnitten.

Dieses auf öffentliche Wirkung hin konzipierte Werk steht in völligem Gegensatz zu einer Kleinplastik, die zwar ein christliches Thema illustriert, sich jedoch hellenistischer Formen bedient. Die Ausspeiung des Jonas ( 40 x21x 38 cm ) ca 260-275 n. Chr. im Cleveland Museum of Artr, Cleveland, Ohio, ist eine von vier Marmorgruppen, die das Meeresabenteuer des Propheten Jonas erzählen. Das auf die zweite Hälfte des 3. Jh. datierte Werk nimmt ein beliebtes frühchristliches Thema auf, muß aber aufgrund seiner antiken Formauffassung für einen potenten Auftraggeber der römischen Oberschicht gemacht worden sein.

Christliche Bildinhalte und antike Formauffassung vermischen sich genauso bei den Friessarkophagen, einer der wenigen eigenständigen frühchristlichen Erfindungen. Um möglichst zahlreiche Begebenheiten aus dem Leben Christi vorführen zu können, teilten die Steinmetze die Seiten in zwei übereinanderge-lagerte Bänder. Im 4. Jh. ist eine Entwicklung von eng nebeneinander gestaffelten, in die Fläche eingebundenen Figuren zu plastisch herausmodellierten, in Szenen zusammengefaßten Darstellungen zu beobachten.

Diese klassische Phase der frühchristlichen Kunst kulminiert im Sarkophag der »Zwei Brüder« aus der römischen Kirche S. Paolo di fuori di mura, bei dem beispielsweise der »Daniel in der Löwengrube« in seinem lässigen Kontrapost eher einem antiken Epheben gleicht denn einem auf Rettung hoffenden Gläubigen. Dieselbe Tendenz läßt sich am Sarkophag des Junius Bassus ablesen, bei dem jede der Episoden aus dem Alten und dem Neuen Testament eine eigene Nische innerhalb eines Rahmensystems von verzierten Säulen erhält. Bassus starb 359 als römischer Stadtpräfekt. Das für den Konstantinischen Klassizismus stehende Werk spiegelt auch hier den Geschmack der römischen Oberschicht wider.

Mächtige römische Familien beließen es nicht nur bei der Durchsetzung ihrer Ästhetik, sondern drangen auch auf die Wiederbelebung alter Riten. Auf den Flügeln eines Elfenbein-Diptychons heidnischer Thematik ist oben jeweils ein Name der Stifterfamilie eingeritzt: Nicomachi und Symmachi. Die bewegt dargestellten Priesterinnen mit ihren aufwendig modellierten Gewändern erscheinen auf einem Bildträger, der ursprünglich für die Festigung der Hoheitsfunktion alljährlich eingesetzter Konsuln gedacht war. Die aufklappbaren Täfelchen wurden in die fernsten Provinzen des Reichs getragen.

Das Elfenbein-Diptychon, das lange unter dem Titel >Christus und Gottesmutter< verzeichnet war , zeigt demnach Christus als fleischgewordenen Menschen mit aufgeschwemmtem Gesicht und Kugelbauch sowie Christus als göttlich geborenen Heiland. Gestus und Körperhaltung ähneln sich, die Architektur im Hintergrund ist völlig identisch.

Lange faßte man die Gegenüberstellung als Zeichen besonderer Verehrung der Muttergottes auf, die im Konzil von Ephesus 431 bekräftigt worden war. Doch liegt die Bedeutung des Diptychons in dem Dogma von der doppelten Natur Christi begründet, das im Konzil von Chalkedon 451 die Frage aufhob, ob Christus nun Mensch oder Gott sei. War bislang die Darstellung der Kreuzigung nur im Zusammenhang mit der Auferstehung denkbar, ermöglichte die Zwei-Naturen-Lehre die isolierte Darstellung des Gekreuzigten.

Den ältesten bekannten Kruzifixus erwarb der Kölner Prälat und Domkapitular Alexander Schnütgen (1843-1918) im Kunsthandel. Die aufgrund ihrer antiken Körperstruktur um 600 datierte Kleinplastik von 15x16 cm aus dem Schnütgen Museum ,Köln , zeigt Christus friedlich entschlafen in der schon in dem Elfenbeintäfelchen bemerkten diesseitigen Wohlleibigkeit. Die Darstellung verklärt den Foltertod, der in drastischer Grausamkeit erst für die Gotik interessant werden sollte. Der Kreuzestod verheißt den Gläubigen ein Leben nach dem Tod und begründet - so der Kirchenvater Augustinus- womöglich den Ursprung der Kirche: »Aber wo entschlief er? Am Kreuz. Da er am Kreuz entschlief, wirkte er etwas Sinnbildliches, oder vielmehr erfüllte er, was in Adam versinnbildlicht wurde. Denn als Adam entschlief, wurde ihm eine Rippe genommen und Eva erschaffen. So wurde auch dem Herrn, da er am Kreuze entschlief, die Seite von der Lanze durchbohrt, und die Sakramente flössen hervor, daraus die Kirche entstand.«

Der Kruzifixus in der Gotthard-Kapelle des Mainzer Doms soll, wie eine C14-Datierung ergab, aus den Jahren 610 -780 stammen. Der ebensgroße Kruzifixus zeigt dieselben Stilmerk-male wie das Exemplar im Schnütgenmuseum.

Obwohl im Byzantinischen Reich christliche Plastik noch üblich gewesen sein soll, vernichtete der Bilderstreit, bei dem es um die Darstellungsform Christi ging, seit 726 fast alle Werke. Während sich im Osten infolgedessen die Ikonenmalerei entwickelte, wirkte die Bilderfindung des Cruzifixus im Westen nach 800 schulbildend, formal setzte sich in der Romanik die Abkehr von der klassischen Formauffassung durch, wie sie in der Spätantike begonnen hatte.

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