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Der Mensch kann der Natur nichts anhaben

Diese Natur Kants ist wirklich eine menschliche Schöpfung. Arthur Schopenhauer hat mit seinem erfrischenden Sarkasmus gemeint, Kant kenne die Natur "ganz und gar nur vom Hörensagen". Wenn es heute möglich ist, Naturwissenschaft zu betreiben, ohne einen einzigen Blick aus dem Fenster zu werfen, dann liegt diese Entwicklung wohleingepaßt in die apriorische Denkweise, die Kant vorgezeichnet hat. 

Es ist eine Auffassung, die heute mitverantwortlich gemacht wird für den ausschließlich wissenschaftlichen Umgang mit der Natur ohne jede innere Anteilnahme und erlebnisbedingte Erfahrung. 

Daß es daneben noch eine andere Form der Beziehung zur Natur außer der sprachlichen und erkenntnisbedingten gibt, hat der schwedische Naturwissenschafter Peter Nilson in seinem Buch "Zurück zur Erde" gezeigt. Er hat nicht nur aus dem Fenster geschaut, sondern in der lebendigen Natur selbst seine Beobachtungen angestellt, sozusagen als teilnehmender Beobachter (um den Ausdruck von Bronislaw Malinowski zu gebrauchen, der in der Ethnologie so zentrale Bedeutung gewonnen hat), nicht jedoch als bestallter Richter. 

Natürlich muß auch er, wenn er sich mitteilen und seine Einsichten weitergeben will, darüber etwas sagen und also sich des Entwerfens von Konstruktionen bedienen, aber er sagt es in einer ganz und gar poetischen Sprache. Der altertümlich gewordene Spaziergänger, der Nilson ist, kann hier selbst beobachtet werden, wie er beiläufig, das heißt im Vorbeilaufen, seine Beobachtungen anstellt. Es ist der erzählende Tonfall dieser Sprache, der seine Aussagen bestimmt. 

Wie gehen die Menschen mit der Natur um? Welche Bedeutung kommt dem Gras zu (ein wunderbares Kapitel; das Gras von Nilson hat den Wald von Schama ersetzt)? Welche Wege schlägt die Evolution ein? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Überbevölkerung und Krieg (ein sehr,großer, sagt Nilson, alles fing mit der Seßhaftigkeit und der Landwirtschaft an)? Was trägt sich in den unterirdischen Welten zu (ganz erstaunliche Dinge, die aus der Geologie direkt in die Sozialkritik fuhren)? Das sind einige der Frage, die Nilson stellt. 

Er macht aus seiner Skepsis keinen Hehl, aber Skepsis ist in Zeiten der Lemminge ein Zeichen von Maturität. Es ist erstaunlich: Nilson schreibt ein Buch über die Erde, die Natur, die Landschaft in dem Augenblick, wo nichts davon mehr ist, wie es einmal war. Er sagt selber: Es wird immer absurder, von einer glanzvollen Zukunft zu sprechen. Nur wenn er die Natur auf seine nachdenkliche Art betrachtet und alles vergißt, was Menschen unternommen haben und weiterhin unternehmen, stellt sich etwas wie eine paradoxe Zuversicht ein. Die Natur geht absichtslos vor, die Evolution ist ein "Schaffen ohne Weisheit", stellt Nilson fest. Sie ist, wie sie ist und weil sie ist, von allem Anfang an. Auf ihren Opportunismus hinzuweisen, das wäre die höchste Betrachtungsweise gewesen. 

Das ist vielleicht das Gute an ihr: dieses Fehlen von Weisheit, dieser Opportunismus, der dazu führt, daß sie sich zuletzt jederzeit und überall durchsetzt. Es bedeutet, daß man die Natur zwar beobachten kann, dies aber tatsächlich nicht den geringsten Einfluß auf sie ausübt. Man kann sie auch zerstören. Letztlich wird der Mensch ihr nichts anhaben können, dafür sprechen schon die vielen Umwälzungen in der Vergangenheit, bevor der Mensch historisch in Erscheinung getreten ist.

AUREL SCHMIDT (geb. 1935), Redakteur der „Basler Zeitung", Schriftsteller. Veröffentlichte zuletzt: "Mario Comensoli. Begegnungen und Erinnerungen", zusammen mit Christine Seiler, Versus Verlag, Zürich 1998. Aktuell erschienen: "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen", Merve Verlag, Berlin 1998. Im "KUNSTFORUM International" erschienen von ihm folgende Aufsätze: "Reisen. Raum. Körper." (In: Bd. 136/1997, herausgegeben von P. Bianchi) und „Die Hütte als Lebensort" (In: Bd. 143/1999, herausgegeben von R Bianchi). Er lebt in Basel. - Bei seinem Aufsatz handelt es sich um eine überarbeitete Fasssung von: „Was ist Natur?", in: Basler-Magazin, Nr. 4/1997. Zwischentitel und Bildredaktion: Bia.

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