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Das Schöne und das Erhabene

Was dabei die Sache so schwierig macht, ist die Tatsache, daß es auch Kant nicht so sehr um Erkenntnis von Natur geht als vielmehr um die erkenntnismäßigen Bedingungen der Erkenntnis selbst am Beispiel der Natur, also um die Frage, was vor dem Erkennen bereits entschieden ist: das Apriorische, das unbedingt gültig ist. 

Bei Kant ist ein Zusammenhang zwischen seiner Naturphilosophie und seiner Ästhetik gegeben. Im Zweckmäßigen sah er den Zugang sowohl zur Natur wie zum Schönen hergestellt und in der Urteilskraft eine Verbindung beider Bereiche. "Schön" und "zweckmäßig" heißt, daß die Erwartung der Vernunft, in der Natur wie im Schönen einen notwendigen Sinn zu finden, auf ihre Rechnung kommt. Das wiederum bedeutet, daß die Welt sich im reinen Vernunftdenken bestätigt sieht und erfülllt. Sie ist zwar auf einen "Welturheber" angewiesen, auf die Annahme, "nämlich es sei ein Gott", der aber nicht theologisch verstanden zu werden braucht, sondern als Instanz angesehen wird, die den Endzweck ermöglicht. 

Die Natur und das Schöne sind also in der reinen Tätigkeit des Denkens eingefaltet. Da aber das Erkennnen des Schönen nicht auskommt ohne Inanspruchnahme der Sinne beziehungsweise die Wirklichkeit noch auf andere Mittel als das Denken angewiesen ist, um erkannt zu werden, nämlich zum Beispiel die Erfahrung, hat Kant den, wie man sagen muß, genialen Einfall gehabt, das Schöne vom Erhabenen zu trennen. 

Dadurch kann das Schöne der Urteilskraft ausgesetzt werden und seinen Grund aus der „(regulativen) Idee unserer Vernunft" (Manfred Frank, Veronique Zanettti) beziehen, während das Erhabene den sinnlichen Eindrücken unterliegt beziehungsweise von diesen „bloß veranlaßt" wird, dem Geschmacksurteil unterworfen ist und sich dem Fürchterlichen und Erschreckenden öffnen und hingeben kann. Daß das Schöne der organischen Naturund das Erhabene (Ozeane, Gebirge, sagt Kant) der Kosmologie zugeordnet werden kann, ist eine Erweiterung dieses Gedankens. 

Worauf es Kant ankam und worin der selbst ein wenig konstruierte Zusammenhang mit den hier angestellten Überlegungen besteht, ist, daß sowohl die Natur als auch das Schöne nur im Akt des reinen Denkens hervortreten können. Darum kann Kant auch die Zweckmäßigkeit von beiden erkennen, da sie ihrerseits eine Konstruktion ist, aber mehr als das kann er auch nicht erkennen. 

Das denkende Subjekt, allein weil es denkt, bestimmt letztlich, worin das besteht, was man gewöhnlich als Sinn der Weltbezeichnet. Für Kant lag darin keine Willkür, da das Denken für ihn nur ein vernünftiges sein konnte. Allein auf diese Weise ist objektive Erkenntnis möglich. Es ist gut, daran zu erinnern, da niemand, der schädigend in die Natur eingreift, beanspruchen kann, dies im Namen der Vernunft zu tun. Er hätte nur Mißbrauch in ihrem angemaßten Namen begangen. 

Aber es gibt einen anderen Einwand gegen Kant, der nicht unterbleiben kann. In der apriorischen Auffassung von der Natur, wie er sie verstand, kommt eine Einschränkung, bedingt durch das Denken, zum Ausdruck, eine Reduktion, die der Natur am Ende auch nicht. 

zufriedenstellend gerecht werden kann. Die Einstellung, die Kant eingenommen hat, wird zusätzlich noch akzentuiert durch die Bemerkung in der zweiten Vorrede der „Kritik der reinen Vernunft", daß die Natur durch Vernunft und Experiment genötigt werden müsse, auf die Fragen, die an sie gestellt werden, zu antworten. 

Diese Befragung kann nicht wie diejenige durch einen Schüler sein, "der sich alles vorsagen läßt, was der Lehrer will", sondern sie wird durch die Person "eines bestallten Richters" (Kant) durchgeführt. Das Denken besteht also um jeden Preis auf seiner Unabhängigkeit von der Natur.

AUREL SCHMIDT (geb. 1935), Redakteur der „Basler Zeitung", Schriftsteller. Veröffentlichte zuletzt: "Mario Comensoli. Begegnungen und Erinnerungen", zusammen mit Christine Seiler, Versus Verlag, Zürich 1998. Aktuell erschienen: "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen", Merve Verlag, Berlin 1998. Im "KUNSTFORUM International" erschienen von ihm folgende Aufsätze: "Reisen. Raum. Körper." (In: Bd. 136/1997, herausgegeben von P. Bianchi) und „Die Hütte als Lebensort" (In: Bd. 143/1999, herausgegeben von R Bianchi). Er lebt in Basel. - Bei seinem Aufsatz handelt es sich um eine überarbeitete Fasssung von: „Was ist Natur?", in: Basler-Magazin, Nr. 4/1997. Zwischentitel und Bildredaktion: Bia.

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