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Die Natur paßt sich dem Denken an

Der Beitrag der Neurologie zur Naturfrage schließt an den der Quantentheorie an. Das Gehirn stellt keine Abbilder der äußeren Welt (der "Wahrnehmungswelt", populär gesagt: der Wirklichkeit) her, sondern es ist, wie Gerhard Roth in seinem Beitrag bei Braitenberg und Hosp ausführt, ein "handlungsleitendes Konstrukt, das sich bisher vortrefflich bewährt hat". 

Das Gehirn verarbeitet die empfangenen Sinneseindrücke, die eine neuronale Erregung verursachen, durch Vergleich und Kombination zu Hypothesen und stellt so "Bedeutung" her. An anderer Stelle hat Roth gesagt, "daß das Gehirn die Wirklichkeit hervorbringt" (beide Hervorhebungen durch Roth) - wie das Wissen die Welt bei Ruhnau. 

Es geht also auch hier nicht in erster Linie um die Bedeutung selbst, sondern nur um die Methode, wie Bedeutung erlangt werden kann. Erst wenn das verstanden worden ist, wird es vielleicht möglich sein, sich darauf einzulassen, worin die eigentliche Bedeutung liegen könnte. Vorher wird alles ein Tappen im wohlgemeinten Vagen und Zufälligen sein. 

Allerdings kann es dabei nicht sein Bewenden haben. Wenn das Ich "ein Gebilde" ist, so Gerhard Roth in seinem Buch "Das Gehirn und seine Wirklichkeit", das entsteht, während sich das Gehirn entwickelt, dann muß das in letzter Konsequenz heißen, daß das Gehirn nicht ausgeschlossen werden kann aus der Welt, in der es vorkommt. Es ist ein Teilnehmer dieser Welt. Gehe ich also davon aus, "daß die Wirklichkeit ein Konstrukt des Gehirns ist, so bin ich gleichzeitig gezwungen, eine Welt anzunehmen, in der dieses Gehirn, der Konstrukteur, enthalten ist" (Roth). 

Hier wird, wie unschwer zu erkennen ist, eine Annäherung an das Thema der Vernetzung und Selbstorganisation vorgenommen. Es gibt nicht das Gehirn auf der einen und die Welt auf der anderen Seite, sondern eine Interaktion von beiden. Das ist Descartes, weitergedacht. Das bisher Gesagte läuft darauf hinaus, daß alles Denken eine eigenständige Leistung des Gehirns ist, das sich die Welt vorstellt, es dies aber nicht ohne die Welt tun kann, auf die es angewiesen ist, um sie sich vorzustellen. Daß die Welt ein Konstrukt, eine Hervorbringung des Gehirns ist, ist ein Gedanke, den man in einer Frühform auch im Denken von Immanuel Kant entdecken kann, allerdings bei ihm mit der Absicht, das Denken keinesfalls der Beliebigkeit zu überlassen und der Willkür Tür und Tor zu öffnen, sondern das, was wir denken, in einen begründeten Zusammenhang zu stellen. Und das kann bei Kant nur die reine, das heißt vorausgesetzte und selbst voraussetzungslose Vernunft sein, die von der Erfahrung unabhängig ist. 

Darin kommt nur ein weiteres Mal die Auffassung zum Ausdruck, daß keine Erkenntnis von Natur, wie sie ist, möglich sein kann, sondern daß sie eine vom Subjekt implementierte Erscheinung, ja eigentlich sein Werk, seine Schöpfung ist. Bei Kant wird zum ersten Mal das Denken nicht der Realität unterworfen, sondern diese hat sich umgekehrt jenem anzupassen. Das ist der entscheidende und kühne, in gewisser Weise natürlich auch fragwürdige Schritt, den Kant unternommen hat.

AUREL SCHMIDT (geb. 1935), Redakteur der „Basler Zeitung", Schriftsteller. Veröffentlichte zuletzt: "Mario Comensoli. Begegnungen und Erinnerungen", zusammen mit Christine Seiler, Versus Verlag, Zürich 1998. Aktuell erschienen: "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen", Merve Verlag, Berlin 1998. Im "KUNSTFORUM International" erschienen von ihm folgende Aufsätze: "Reisen. Raum. Körper." (In: Bd. 136/1997, herausgegeben von P. Bianchi) und „Die Hütte als Lebensort" (In: Bd. 143/1999, herausgegeben von R Bianchi). Er lebt in Basel. - Bei seinem Aufsatz handelt es sich um eine überarbeitete Fasssung von: „Was ist Natur?", in: Basler-Magazin, Nr. 4/1997. Zwischentitel und Bildredaktion: Bia.

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