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Der Paradiesgarten ist eine Utopie

Schama zeigt in einem einleuchtenden Exkurs, wie der Garten den Inbegriff für die Überwindung der Wildnis, das heißt der ursprünglichen Natur bildet. Der Ausdruck Garten („yard", „garden", von „geard") bedeutet ursprünglich Zaun. Ein Teil der Natur wird aus dem Zusammenhang herausgelöst und in ein kleines Juwel umgewandelt und umgedeutet, wenn nötig in ein Refugium, eine Schutzzone, ein Museum eingewiesen, unter Umständen eingesperrt. Die rohe Natur steht dem kultivierten Stück Land gegenüber. Die Paradiesgärtchen sind alle von einem Zaun oder einer Mauer umgeben und auf diese Weise der sinnbildliche Ausdruck der gezähmten Natur. 

Das Paradiesgärtlein ist also keine Erinnerung an die Wildnis am Anfang der Zeit, sondern im Gegenteil eine Utopie. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß der Zaun auch bei Jean-Jacques Rousseau eine Rolle gespielt hat. Rousseau sagte, daß der erste Mensch, der einen Zaun um seinen Besitz zog, der Begründer der bürgerlichen Gesellschaft gewesen sei. 

Den Zusammenhang zwischen beiden Aussagen kann jeder auf seine Weise selber herstellen. Aufschlußreich ist er auf jeden Fall. Erinnert sei außerdem daran, daß zum Beispiel auch beim Ethnologen Hans Peter Duerr der Zaun die Grenze zwischen beiden Bereichen bildet. Er stellt in jedem Fall die Schwelle zur Traumzeit dar. 

Daß der Konstruktivismus sich mit den Erkenntnissen der Quantentheorie und den neuesten Ergebnissen der Neurologie deckt, ist vielleicht nicht zufällig, aber es kommt ihm wunderbar entgegen. "Ein Quantensystem", schreibt zum Beispiel die Physikerin und Mathematikerin Eva Ruhnau in einem der interessanteren Beiträge des Bandes von Braitenberg und Hosp, "existiert, solange es nicht beobachtet wird, als Superposition möglicher Quantenzustände. Erst durch die Beobachtung wird es in einen faktisch existierenden Zustand überführt." 

Das relativiert die Aussage von Whitehead weiter oben insofern, als die Natur zwar auf die Beobachtung durch den Menschen tatsächlich nicht angewiesen ist, es allerdings ohne Beobachtung und also Beobachter auch keine Natur gibt. Denn wie sollte es eine geben, wenn sie unerkannt bleibt? Es zeigt darüber hinaus, daß die Natur (oder Wirklichkeit oder, unter anderen Voraussetzungen, die Welt) nicht nur das ist, was man sagen, sondern auch alles das ist, was man mit den heute zur Verfügung stehenden technischen Mitteln in der Naturwissenschaft beobachten kann. 

Erst die Beobachtung sowie die Sprache bringt also die Natur hervor. Das ist sicher eine Vereinfachung, aber als solche hilft sie zu verstehen, was hier gemeint ist. Aus dem "machbaren Wissen" ergibt sich die Möglichkeit der "Welterzeugung" (Ruhnau). Dadurch hat der Mensch zwar, wie Eva Ruhnau zum Schluß kommt, seine paradiesische Unschuld verloren und eine ungeheuerliche Verantwortung auf sich geladen, aber auch die "Freiheit des Neuanfangs" gewonnen. 

Jawohl, um sie zu mißbrauchen, werden die notorischen Kritiker sofort darauf erwidern und einen Rechtsstatus für die Natur fordern, wie das zum Beispiel Hans Jonas in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" getan hat. Dem steht die Auffassung entgegen, daß jede Situation, jede Erfindung, jeder Fortschritt zum Guten wie zum Schlechten gewendet werden kann und darin kein Grund liegen kann, der dagegen spricht.

AUREL SCHMIDT (geb. 1935), Redakteur der „Basler Zeitung", Schriftsteller. Veröffentlichte zuletzt: "Mario Comensoli. Begegnungen und Erinnerungen", zusammen mit Christine Seiler, Versus Verlag, Zürich 1998. Aktuell erschienen: "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen", Merve Verlag, Berlin 1998. Im "KUNSTFORUM International" erschienen von ihm folgende Aufsätze: "Reisen. Raum. Körper." (In: Bd. 136/1997, herausgegeben von P. Bianchi) und „Die Hütte als Lebensort" (In: Bd. 143/1999, herausgegeben von R Bianchi). Er lebt in Basel. - Bei seinem Aufsatz handelt es sich um eine überarbeitete Fasssung von: „Was ist Natur?", in: Basler-Magazin, Nr. 4/1997. Zwischentitel und Bildredaktion: Bia.

 

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