<<


Arkadien ist eine Idylle

Der Konstruktivismus, den von Glasersfeld vertritt, beruht gänzlich auf Analysen des Denkens. „Er braucht keine Beweise durch empirische Befunde. Er ist ein Modell des Denkens und hat nicht den geringsten Ehrgeiz, die Realität zu beschreiben." 

Die Welt ist wie die Wissenschaft eine Konstruktion des menschlichen Denkens. Natürlich wäre es abwegig, den Konstruktivismus mit der Philosophie Kants zu verwechseln, aber eine innere Beziehung besteht dennoch, und sei es nur darin, daß die Gegenstände sich nach der Erkenntnis zu richten haben und nicht umgekehrt. Dabei muß es eine offene Frage bleiben, ob die Natur oder überhaupt jedes Wahrgenommene sich im Akt oder noch mehr im Feld der Erkenntnis erschöpft, oder ob das außerhalb der Erkenntnis Liegende, im vorliegenden Fall die Natur, auch objektiv beziehungsweise a priori vorkommen. 

Denn zu sagen, daß sie nicht vorkomme, wäre doch etwas einfältig angesichts der Tatsache, daß sich doch als etwas wahrgenommen und erkannt wird. Es liegt hier am ehesten ein Fall von Unschärferelation vor: Je nachdem, wie wir eine Sache betrachten, kommen wir einmal zu diesem und einmal zu jenem Schluß. 

Auf eine populäre Weise hat der amerikanische Historiker Simon Schama diesen Gedanken in seinem schönen, aber angesichts der Stofffülle auch fassungslos machenden Buch "Der Traum von der Wildnis" aufgenommen und ausgeführt, als er sagt, daß die Natur eine "Erfindung" des Menschen ist, ein Produkt seiner Imagination. Oder in der hier gewählten Wortweise: Die Natur ist, was wir uns unter ihr vorstellen (an Vorstellungen hat es nie gemangelt). 

Arkadien ist eine Idylle, die der Mensch entworfen hat, als er feststellen mußte, daß er seine Beziehungen zur Natur zu verlieren begann. Das war zu der Zeit, als er sie aus Wildnis in Landschaft verwandelte. Arkadien sei eine "städtische" Idylle gewesen, sagt Schama sogar,was genauso gut auf die Literatur über die Alpen gesagt werden kann: Mit ihren erhabenen Bergen und ihren einfältigen (das heißt moralisch unverdorbenen) Bewohnern war sie ein Produkt der Städter, die, wenn sie in die Berge kamen, von sich aus auf die anderen schlossen.

Dieser Uberlegung liegt die alte Antinomie von Natur und Zivilisation zugrunde. Aus der Natur kommt der Mensch, in die Zivilisation unterwegs ist er, nur daß für die einen die Zivilisation der Sündenfall ist und für die anderen das leuchtende Ziel der fortschreitenden Menschheit. Seit jeher haben die Menschen der Zivilisation die Menschen der Wälder für primitiv angesehen, was schon daran zu erkennen ist, daß der Weg in die Zivilisation mit dem Roden von Wäldern verbunden war (und heute noch ist, wenn man sich vergegenwärtigt, was zum Beispiel mit den Regenwäldern geschieht). 

Die Germanen verbanden mit dem Wald eigene Tugendvorstellungen und ihre Verachtung für die dekadente Zivilisation der Römer, die sich ihrerseits wiederum in ihrer zivilisatorischen Überlegenheit vollauf bestätigt fanden, wenn sie sich von Tacitus ein Bild (eine ,,Erfindung'', ein "Konstrukt") der in den Wäldern hausenden Germanen vorsetzen ließen.

AUREL SCHMIDT (geb. 1935), Redakteur der „Basler Zeitung", Schriftsteller. Veröffentlichte zuletzt: "Mario Comensoli. Begegnungen und Erinnerungen", zusammen mit Christine Seiler, Versus Verlag, Zürich 1998. Aktuell erschienen: "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen", Merve Verlag, Berlin 1998. Im "KUNSTFORUM International" erschienen von ihm folgende Aufsätze: "Reisen. Raum. Körper." (In: Bd. 136/1997, herausgegeben von P. Bianchi) und „Die Hütte als Lebensort" (In: Bd. 143/1999, herausgegeben von R Bianchi). Er lebt in Basel. - Bei seinem Aufsatz handelt es sich um eine überarbeitete Fasssung von: „Was ist Natur?", in: Basler-Magazin, Nr. 4/1997. Zwischentitel und Bildredaktion: Bia.

kunstwissen.de

 
>