<<


Natur als subjektive Konstruktion

Immanuel Kant hat in der "Kritik der reinen Vernunft" die folgende schwerwiegende Bemerkung gemacht: "Die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung." Und in der Vorrede zur zweiten Auflage beschied er dem Sinn nach (nicht dem Wortlaut nach, der eher einem wüsten Wirrwarr gleichkommt), daß wir nur begreifen können, was wir zuvor an Begriffen in den erkannten Gegenstand hineingelegt haben. 

Es ist das transzendente Subjekt Kants, das hier spricht und die "Prinzipien möglicher Erfahrung auf die Möglichkeit der Dinge selbst" ausgedehnt hat. Vereinfacht gesagt: Wir können nur dann etwas erfahren, wenn wir schon zuvor über das Erfahren etwas wissen; wir können nur wissen, was wir bereits wissen oder wofür wir die unerläßlichen Wissensvoraussetzungen mitbringen. Es ist also immer das erkennende Subjekt, das die Gegenstände hervorbringt. 

Noch etwas einfacher ausgedrückt heißt das: Was wir denken, ist abhängig davon, was wir denken können - eine Vorstufe des von Ernst von Glasersfeld geprägten radikalen Konstruktivismus, könnte man meinen. Jedenfalls ist das der allgemeine Nenner, auf den sich die Wissenschaft in der Auseinandersetzung mit der Natur heute am ehesten zu einigen in der Lage ist. Es scheint gegenwärtig das einfachste, zweckmäßigste Erklärungsprinzip zu sein. 

Zum Beispiel bei Valentin Braitenberg und Inga Hosp, die den Band mit dem verschlungenen, aber auf diesen Tatbestand hinweisenden Titel "Die Natur ist unser Modell von ihr" herausgegeben haben. Sie lasssen darin Biologen, Physiker und Neurologen zu Wort kommen und klarstellen, daß die Natur eine Konstruktion ist, eine Hypothese. 

Am weitesten geht Ernst von Glasersfeld, der aufzeigt, daß Begriffe und Beziehungen nicht aus der realen Außenwelt übernommen werden, sondern "unter allen Umständen unsere eigenen Konstrukte" sind, also Ergebnisse unseres Denkenkönnens. Reden wir über die Natur, dann reden wir also über die Begriffe, die wir über die Natur verwenden. So einfach ist das - oder so schwierig. 

Es kann allerdings angenommen werden, daß eine solche Einstellung, die einen reduktionistischen Eindruck macht, die heftigsten Einwände hervorrufen wird. Um jedoch den Absturz ins Verstummen zu vermeiden, muß man wenigstens dies sagen, um nicht gar nichts zu sagen. Alle Aussagen, alle Begriffe, alle Weltbilder sind subjektive Konstruktionen und als solche nützliche und oft unentbehrliche Hilfsmittel im Prozeß der Verständigung. 

Die Welt ist eine Black Box, und was aus ihr, sagt von Glasersfeld, in unsere Wirklichkeit kommt, sind unsere eigenen Vorstellungen. Es kann nicht "mit dem verglichen und geprüft werden, was Realisten als Ursachen unserer Beobachtung erkennen möchten". Wirklichkeit ist für ihn das,"was wir merken", Realität das, was unabhängig von uns existiert, das wir aber erkennen können.

AUREL SCHMIDT (geb. 1935), Redakteur der „Basler Zeitung", Schriftsteller. Veröffentlichte zuletzt: "Mario Comensoli. Begegnungen und Erinnerungen", zusammen mit Christine Seiler, Versus Verlag, Zürich 1998. Aktuell erschienen: "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen", Merve Verlag, Berlin 1998. Im "KUNSTFORUM International" erschienen von ihm folgende Aufsätze: "Reisen. Raum. Körper." (In: Bd. 136/1997, herausgegeben von P. Bianchi) und „Die Hütte als Lebensort" (In: Bd. 143/1999, herausgegeben von R Bianchi). Er lebt in Basel. - Bei seinem Aufsatz handelt es sich um eine überarbeitete Fasssung von: „Was ist Natur?", in: Basler-Magazin, Nr. 4/1997. Zwischentitel und Bildredaktion: Bia.

kunstwissen.de

 
>