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Natur als Sinneswahmehmung

Rene Descartes hat die Natur als das definiert, was einerseits eine Ausdehnung besitzt (was eigentlich doch immer noch eine sehr zweckmäßige Abgrenzung ist) und was andererseits (als Folge der ersten Feststellung) nicht als eigener, innerer Anteil des Denkens begriffen werden kann, weil nichts so gewiß und unerschütterlich ist wie das Denken. Ich denke, das ist der nicht hintergehbare Horizont. Alles andere liegt außerhalb dieses Denkens und ist etwas davon Verschiedenes, formbare Maße, Objekt für Spekulationen.

 Aber das ist am Ende auch nur ein Standpunkt, der selbst nicht unanfechtbar ist. Denn wenn ich über die Natur denke, stellt sich sofort die Frage, wo die Natur denn ist und ob es überhaupt eine Natur geben kann, wenn nicht über sie gedacht und gesprochen wird. Entweder gibt es eine vom Denken und Erkennen unabhängige cartesianische Natur, oder es bedarf im Gegenteil einer Kooperation zwischen der phänomenalen Welt auf der einen und dem Denken, das sich ihrer annimmt, auf der anderen Seite, wobei dieses Denken immer an eine Person gebunden ist. Eine Maschine, die über die Natur dächte beziehungsweise eigentlich nur eine Anzahl digitaler Operationen vornähme, was wäre das für ein Unsinn.

 Alfred North Whitehead hat in seinem Buch „Der Begriff der Natur", aus dem ein Auszug bei Schiemann abgedruckt ist, immerhin zugegeben: „Natur ist das, was wir in der Wahrnehmung durch die Sinne zur Kenntnis nehmen. In dieser Sinneswahrnehmung wird uns etwas bewußt, was nicht gedacht und gegenüber dem Denken, dem es vorliegt, eigenständig ist." Als System, so Whitehead, ist die Natur nicht darauf angewiesen, daß über sie nachgedacht wird (was unter anderem gerade das ist, was sie definiert, ihre Unabhängigkeit). Aber dies würde es völlig überflüssig machen, über die Natur auch nur ein einziges Wort zu verlieren. Das kann nicht der Sinn sein, weil das Schweigen keine erstrebenswerte Form der Erkenntnis ist. Außer vielleicht in der Mystik.

 Es wird also, wenn daran gelegen sein soll, die Natur zu erkennen und zu verstehen, nicht zu umgehen sein, einige einfache Feststellungen zu machen, sich im Maß des Möglichen darauf zu einigen und davon auszugehen. Und das kann zuletzt auch wiederum nur sein, daß die Natur darin besteht, was über sie gesagt werden kann. Das Gesagte ist zwar zugegebenermaßen nicht die Sache, aber anders als durch das Sagen kommen wir der Sache nicht bei.

 

Das ist ein grundlegendes erkenntnistheoretisches und sprachphilosophisches Problem. Es verlagert die Frage, was Natur ist, von der inhaltlichen Bestimmung zu einem formalen Umgang mit der Frage. Ich kann nicht sagen, was die Natur ist, aber ich kann sagen oder versuchen zu sagen, was ich darüber sagen kann. Das ist dann wenigstens eine Annäherung. Darin liegt nicht so sehr ein Idealismus im Sinn Platons, der die Natur den Ideen unterordnen wollte, als ein Konstruktivismus, mit dem man wenigstens, trotz gewisser Einwände, umgehen kann.

AUREL SCHMIDT (geb. 1935), Redakteur der „Basler Zeitung", Schriftsteller. Veröffentlichte zuletzt: "Mario Comensoli. Begegnungen und Erinnerungen", zusammen mit Christine Seiler, Versus Verlag, Zürich 1998. Aktuell erschienen: "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen", Merve Verlag, Berlin 1998. Im "KUNSTFORUM International" erschienen von ihm folgende Aufsätze: "Reisen. Raum. Körper." (In: Bd. 136/1997, herausgegeben von P. Bianchi) und „Die Hütte als Lebensort" (In: Bd. 143/1999, herausgegeben von R Bianchi). Er lebt in Basel. - Bei seinem Aufsatz handelt es sich um eine überarbeitete Fasssung von: „Was ist Natur?", in: Basler-Magazin, Nr. 4/1997. Zwischentitel und Bildredaktion: Bia.  

 

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