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Natur als Erkenntnis

In einer verfahrenen Situation wie dieser ist die historische Erklärung oft die praktischste, auch die unverfänglichste. Aber daß die Natur "das Sein im Ganzen", also alles, was ist, umfasse, wie die Vorsokratiker meinten, oder daß sie als "entfremdeter Geist" daherkommt, wie Hegel zu verstehen gab, bringt die Sache sowenig weiter wie die Feststellung von Karl Marx, daß der Mensch die Natur in ein Lebens- und Produktionsmitttel verwandelt.

Goethes Interesse galt dem anschaulichen Erfassen der Natur, weil jede Erkenntnis von materiellen Tatsachen ausgeht, die wir erfahren und durch Erfahrung erkennen. Aber dieser Empirismus wird nicht von allen geteilt, und das reine Anschauen ist im Zeitalter der Sehmaschinen, mit denen wir es heute zu tun haben, an seine Grenzen gekommen. Der Verdacht hat sich längst erhärtet, daß das, was von der Natur zu sehen ist, nicht mit dem übereinstimmt, was ihr Wesen ausmacht. Diesem Trugschluß kann heute wirklich niemand mehr erliegen.

Der Rationalismus wiederum kann freilich auch nicht, die letzte Weisheit sein. Vieles deutet im Gegenteil heute darauf hin, daß eine neue Einstellung im Begriff ist, sich durchzusetzen. Die Natur wird als eine autonome Instanz anerkannt. Der Mensch ist darin entweder eingeschlossen oder er wird, was auch vorkommt, aus ihr ausgeschlossen, wie dies die fundamentalistischen Ökologen tun, die den Menschen als Schädling betrachten, der zum Schutz der Natur ausgemerzt gehört. Um der Reinheit der Natur willen, bis sie zur Idylle verkommt.

Selbstorganisation, dynamische Kooperation der Teile untereinander, Komplexität, das sind die heute geläufigen Orientierungspunkte in der Naturdiskussion. Das reine Sein des Parmenides, das lange gegolten hat, wird, wie es aussieht, durch das Werden des Heraklit abgelöst.

Gregor Schiemann ist in einem von ihm herausgegebenen Lesebuch mit "klassischen Texten zur Naturphilosophie" unter dem Titel "Was ist Natur?" zur Feststellung gekommen, daß dem Begriff Natur heute keine Eindeutigkeit mehr zugeschrieben werden kann. Die Texte des Bandes von den Vorsokratikern bis Werner Heisenberg und Ilya Prigogine belegen es schlagend. Im Lauf der Zeit haben sich die Definitionen gewandelt, nicht überraschenderweise im selben Maß, wie die technischen Hilfsmittel und die naturwissenschaftlichen Theorien sich entwickelt haben. Ein entscheidender Schritt ist in dem Augenblick erfolgt, als Isaac Newton die Natur mathematisierte, um das, was sich auf diese Weise an Einsicht gewinnen ließ, als Erkenntnis der Natur zu erklären.

Wenn man die Aussage, daß es keinen eindeutigen Naturbegriff gibt, obwohl doch im Verlauf der Geschichte zahllose Interpretationen vorgelegt wurden, selbst wiederum einer Analyse unterzieht, muß das bedeuten, daß die Natur alles ist, was sich über sie sagen läßt. Sofern es gelingt, über sie etwas auszusagen.

AUREL SCHMIDT (geb. 1935), Redakteur der „Basler Zeitung", Schriftsteller. Veröffentlichte zuletzt: "Mario Comensoli. Begegnungen und Erinnerungen", zusammen mit Christine Seiler, Versus Verlag, Zürich 1998. Aktuell erschienen: "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen", Merve Verlag, Berlin 1998. Im "KUNSTFORUM International" erschienen von ihm folgende Aufsätze: "Reisen. Raum. Körper." (In: Bd. 136/1997, herausgegeben von P. Bianchi) und „Die Hütte als Lebensort" (In: Bd. 143/1999, herausgegeben von R Bianchi). Er lebt in Basel. - Bei seinem Aufsatz handelt es sich um eine überarbeitete Fasssung von: „Was ist Natur?", in: Basler-Magazin, Nr. 4/1997. Zwischentitel und Bildredaktion: Bia.

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