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Naturpol

Dieser skeptische Optimismus hat etwas Wohltuendes, selbst wenn er zuletzt natürlich seinerseits auch nur eine Konstruktion ist, eine Aussage über die Natur, aus der ein Sprachprodukt gemacht wird. Aber diesmal eines, bei dem man spürt, daß es aus einer inneren Verbundenheit mit der Sache hervorgegangen ist. Die Natur von Nilson ist im Kantischen Sinn im Denken enthalten (es geht gar nicht anders), aber dieses Denken seinerseits (das ist der Beitrag von Nilson) ist wiederum in der Natur enthalten.

Ein bekanntes Diktum von Kant macht geltend, daß weder Begriffe ohne darauf bezügliche Anschauung noch Anschauung ohne Begriffe "ein Erkenntnis abgeben können". "Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind." Es ist unverständlich, wieso Kant zwar dem sinnlichen Erfassen so sehr mißtraute, trotzdem aber versucht hat, Erfahrung (aus dem sinnlichen Erfassen) und Erkenntnis (aus der apriorischen Vernunft) zusammenzuführen und zu verbinden, und dabei zu einer ganz und gar abstrakten, analytischen Auffassung gekommen ist, in der nicht die geringste Empfindung für die lebendige Natur auszumachen ist.

Sein Beitrag zum Prozeß des Erkennens muß unter allen Umständen gewürdigt werden, aber ihm fehlt heute, wo die biologische Industrie mit dem genmanipulierten Soja winkt und das Klonen zu einer Zukunftsindustrie zu werden droht, jede innere Beziehung zur Natur. Viel Verstand, wenig Verständnis.

Andererseits greift heute eine Naturauffassung um sich, die nicht über das Niveau einer naiven, gutgemeinten Idylle hinauskommt oder die Natur, was noch schlimmer ist, zu einer pflegebedürftigen Patientin ernennt (etwas, dem Nilson zum Glück nicht verfällt).

Zwischen diesen Fronten ist jedes Verweilen unmöglich. In Zukunft wird es daher entscheidend darauf ankommen, die naturwissenschaftliche Erkenntnis der Natur und den teilnehmenden Umgang mit ihr nicht zu fusionieren. Im Gegenteil. Es geht vielmehr darum, beide Bereiche deutlich auseinanderzuhalten, aber nur, um aus dem polaren Gegensatz eine Kraft zu machen, die dem postmodernen Denken entspricht und in Übereinstimmung mit den Kapazitäten des menschlichen Geistes steht.

 

AUREL SCHMIDT (geb. 1935), Redakteur der „Basler Zeitung", Schriftsteller. Veröffentlichte zuletzt: "Mario Comensoli. Begegnungen und Erinnerungen", zusammen mit Christine Seiler, Versus Verlag, Zürich 1998. Aktuell erschienen: "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen", Merve Verlag, Berlin 1998. Im "KUNSTFORUM International" erschienen von ihm folgende Aufsätze: "Reisen. Raum. Körper." (In: Bd. 136/1997, herausgegeben von P. Bianchi) und „Die Hütte als Lebensort" (In: Bd. 143/1999, herausgegeben von R Bianchi). Er lebt in Basel. - Bei seinem Aufsatz handelt es sich um eine überarbeitete Fasssung von: „Was ist Natur?", in: Basler-Magazin, Nr. 4/1997. Zwischentitel und Bildredaktion: Bia.

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